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Mietpreiswahnsinn: Gebt uns endlich den Dorfkrug zurück!



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Mietpreiswahnsinn: Gebt uns endlich den Dorfkrug zurück!

Während die Städte überlaufen, stehen die Dörfer weiter leer. Wie so oft im Leben kann hier die gute alte Kneipe Abhilfe schaffen. Denn hier lernen sich Städter und Dörfler erst so richtig kennen.

Ein Kommentar von Niklas Eppert

Mal ehrlich, gegen überteuerte Städte und vermeintlich unattraktive Dörfer helfen vor allem Kneipen. (Symbolbild)
Mal ehrlich, gegen überteuerte Städte und vermeintlich unattraktive Dörfer helfen vor allem Kneipen. (Symbolbild) Foto: pixabay

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Region. Mit dem neuen Jahr kommt ein altes Thema wieder in die Schlagzeilen: Die Mietpreisbremse. Wie jedes Jahr wird über das Werkzeug gestritten, das das Wohnen in Großstädten bezahlbar machen soll. Dabei könnte die Lösung so einfach sein! Wo Städte vollkommen überfüllt sind, herrscht in vielen Dörfern gähnende Leere. Die überzähligen Städter müssen also aufs Land, nicht nur wegen der frischen Luft. Beidseitige Vorurteile verhindern das jedoch oft genug. Eine vermeintlich ausgestorbene Institution könnte Abhilfe schaffen: Der Dorfkrug.



Nach dem Zweiten Weltkrieg lebten in meinem Heimatdorf, dem Örtchen Hoiersdorf im Landkreis Helmstedt, kaum 900 Menschen. Das Dorf war damals wie heute bäuerlich geprägt, es gab funktionierende Vereine und natürlich den Dorfkrug. Eine Institution, die heute nicht nur in Hoiersdorf ausgestorben ist. Wo früher das Dorfleben stattfand, Hofbrauhäuser sorgenfrei Abnehmer fanden und Ehen entstanden, die noch Jahrzehnte später hielten, ist heute oft genug gar nichts mehr. Gähnende Leere wo einst die Menschen zusammenkamen.

Schade eigentlich, denn der Dorfkrug als Institution lieferte neben lokalem Bier und Hausmannskost auch die Integrationskraft, die heute nicht nur Dörfern abhandengekommen ist. Der "Krug" bot einen Platz, in dem alle Bewohner eines Dorfes zusammenkamen, Alteingesessene wie Zugezogene, Pendler wie Bauern, Kreisligakicker und Schöngeister. Hier konnten sie sich kennenlernen, Vorurteile gegeneinander abbauen, gegenseitiges Verständnis aufbauen oder sogar voneinander lernen. Oder wie mein Großvater es ausdrückt: „Gehst‘ in Kruch, wirste kluch“.


Wenn Erzfeinde sich kennenlernen


In diesem Satz steckt mehr Wahrheit, als man zunächst glauben mag. Nehmen Sie etwa die Anfänge des seit mindestens 30 Jahren geschlossenen „Krugs“ meines Heimatortes. Das Dorf hatte nach dem Zweiten Weltkrieg vermeintlich größere Sorgen. Deutschland wurde in Zonen geteilt, nur zwei Kilometer entfernt begann die sowjetische Besatzungszone, die spätere DDR, und aus dem Osten kamen die Flüchtlingsströme. Und Ende der 1950er kam eine weitere Katastrophe dazu - dem Dorfkrug fehlte ein Wirt.

Doch entgegen aller Erwartungen ließ sich schnell einer finden, der in die Bresche sprang, wenn auch nicht unbedingt die Person, die die Bewohner damals erwarteten. Ein russischstämmiger Wirt übernahm den Platz hinter der Theke. Kurz nachdem das Land, in dem er jetzt eine Kneipe führte, einen Vernichtungsfeldzug gegen seine Heimat geführt hatte. Er bediente ab diesem Zeitpunkt ehemalige Wehrmachtssoldaten, sogar SS-Männer. Die freundeten sich mit dem Kneipier an, begannen das zu hinterfragen, was ihnen wenige Jahre zuvor als festgesetzte, geradezu absolute Wahrheit beigebracht worden war. Geschichten, die so nur das Leben schreibt.



Eine Erfolgsgeschichte dörflicher Integration, wenn auch keine einseitige. Wenn meinem Großvater und seinen gesangsbegabten Freunden das Geld ausging, sangen sie dem Wirt Lieder aus seiner Heimat, worauf der zu Tränen gerührte Kneiper Lokalrunden warf. Die Heimat lag übrigens je nach Zeitzeugenaussage in Belarus, der Ukraine oder "irgendwo an der Wolga". Wirklich entscheidend war das für niemanden. Man kennt sich, man schätzt sich. Flüchtlinge aus den Ostgebieten, die alten Bauern, eben dieser Mann mit Wurzeln in Osteuropa und sogar ehemalige Nationalsozialisten saßen beisammen, in friedlicher Eintracht. Vorurteile, die jeder von ihnen gegenüber dem anderen hatte, waren vergessen. Man verbrachte gemeinsam einen schönen Abend. Am Ende änderten sich dadurch auch einige vermeintlich Unbelehrbare.

Zieht aufs Dorf!


Aber was soll diese ganze Geschichte nun? Und was hat das mit der Mietpreisbremse zu tun? Ganz einfach. Das Land als Wohnort ist nach wie vor verpönt, auch ganz abgesehen von schlechten ÖPNV-Verbindungen und mittelmäßigem Internet. Städter sehen in Dörfern oft genug verstaubte Strukturen, rückwärtsgewandtes Denken und die Großmutter, die über die Hecke geiert, um den Rasen des zugezogenen zu verurteilen. Die Dörfler dagegen sehen gern Snobs, die ihre Lebensweise ablehnen und sich über Traktorengeräusche an Werktagen und Glockengeläut an Sonntagen beschweren.

Beides mag einen wahren Kern haben. Beides beruht aber auch auf Vorurteilen. Und die lassen sich bekanntlich nur durch Kennenlernen abbauen. Im Dorfkrug zum Beispiel. Die Erkenntnis, dass Dörfer lebenswert sind und ihre ganz eigenen Qualitäten haben kann helfen die Landflucht zu beenden. Der Wohnungsmarkt in den Städten entspannt sich, der Leerstand auf dem Land geht zurück. Und dann diskutieren wir in ein paar Jahren vielleicht nicht mehr über die Mietpreisbremse.


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