Nervenraubendes Homeschooling: Distanzlernen ist nur "schlechter Ersatz"

Obwohl sich die meisten Eltern mit der Homeschooling-Lösung zufrieden zeigen und sich arrangiert haben, kommt es doch hier und da zu Problemen. Neben fehlenden sozialen Kontakten sind nicht überall die technischen Möglichkeiten gegeben.

von Julia Fricke


Symbolbild.
Symbolbild. Foto: Pixabay

Region. Seit einigen Wochen ist wieder Homeschooling für die Schüler in der Region angesagt. Damit dies auch funktionieren kann, können sich Lehrer und Schüler über verschiedene Plattformen vernetzen und Materialien hochladen und bearbeiten. Doch bereits am ersten Tag des Homeschoolings hatte es Probleme mit dem Schulserver Iserv gegeben (regionalHeute.de berichtete). Doch wie ist die Situation inzwischen? regionalHeute.de fragte bei den Stadt- und Kreiselternräten nach.


Der Kreiselternrat (KER) in Peine zeigt sich mit der Homeoffice-Lösung "sehr zufrieden", wie dieser auf Nachfrage von regionalHeute.de berichtet. Dabei komme es jedoch immer stark auf die persönliche Familiensituation an. Wie sind die Räumlichkeiten? Besteht der Zugang zu schnellem Internet? Auch bemängelt Dipl.-Dok. Roland Mainka, Vorstandsmitglied im KER Peine, dass nicht alle Lehrer den Wechsel mitmachen können oder wollen. Als Beispiel nennt er hierfür, dass eine Klasse des 11. Jahrgangs zu einer Klassenarbeit in die Schule hätten kommen müssen, obwohl auch eine Ersatzleistung möglich gewesen wäre. Generell sei die Umsetzung und Akzeptanz der Maßnahmen stark von der Grundhaltung der Schulleitung abhängig, denn diese würde sich auf Eltern und Kinder übertragen.

Um wieder in den Präsenzunterricht zu starten, müssten an den Peiner Schulen technische Maßnahmen stattfinden, um die Ausbreitung von Infektionen zu verhindern. "Wir sehen in unserem Kreiselternrat zudem die absolute Notwendigkeit den Einbau von Luftreinigungsanlagen und Hygieneschutzwänden zu forcieren. Eine so ausgestattete Schule kann auch unter hohen Infektionsraten in den Normalbetrieb gehen", erklärt Mainka. Weitere Nachteile sieht Mainka für die Förder- und Berufsschulen: "Dort werden Leben aufs Spiel gesetzt! Wenn wir dort nicht massiv eingreifen bekommen wir ex-Förderschüler, die nicht eigenständig leben können – das lernen sie auf der Förderschule. Und wir bekommen Auszubildende, die ihr Ausbildung wegen Corona nicht beenden konnte. Das gibt eine Katastrophe."

Einheitliches System gefordert


Auch in Wolfenbüttel sieht der Kreiselternrat das Homeschooling als eine grundsätzlich sehr gute Einrichtung, die stark von dem Alter der Schüler und der technischen Ausstattung abhängig ist. Auch die Erfahrung des Lehrers spiele eine entscheidende Rolle. Hier seien Weiterbildungsangebote vonseiten des Trägers gefragt, wie Henning Ahrens, 1. Vorsitzender Kreiselternrat Wolfenbüttel gegenüber regionalHeute.de mitteilt. "Wir Deutschen sind Schlusslicht bei der Digitalisierung. In vielen Ländern bekommen die Schüler spätestens ab der 4. Klasse einen eigenen Laptop. Und in Berlin werden nach und nach E-Mail-Adressen für die Lehrer eingerichtet. Viele Schulen haben noch nicht mal WLAN, sodass sich die (engagierten) Lehrer per Hotspot auf eigene Kosten ins Internet einwählen, um die Schüler angemessen betreuen zu können. Es gibt einfach kein einheitliches System. Es wurden die Monate nach dem 1. Lockdown versäumt, die erkannten Missstände aufzuholen", so Ahrens weiter. Erfahrungsgemäß werde es bei der Nutzung der Geräte für die Schüler schwierig. Denn diese seien oftmals auf die Geräte der Eltern angewiesen, welche diese für die Heimarbeit jedoch selbst benötigen würden. Dies werde vor allem dann zu einem Problem, wenn es mehrere Kinder im Haushalt gebe.

Der Präsenzunterricht fehle vor allem in den Grundschulen und den Abschlussklassen. "Gerade in der Grundschule ist es sehr schwer den Kindern grundlegende Schreib- und Rechenkenntnisse zu vermitteln", erklärt Ahrens. So sollten Schüler, bei denen ein Schulwechsel ansteht und die Abschlussklassen wieder in den Präsenzunterricht gehen, so der Wunsch. Zumindest dann, bei einem eher geringen Infektionsgeschehen. Das sieht auch die stellvertretende Vorsitzende, Mareike Steuer ähnlich: "Die Kinder bekommen schwere, neue Themen vor Ort erklärt und können sofort nachfragen, wenn sie etwas nicht verstehen und Probleme haben. Die zwischenmenschlichen sozial-emotionalen Kontakte sind äußerst Wichtig für die Entwicklung jedes einzelnen Kindes."

Persönlicher Kontakt fehlt


Auch der Vorsitzende des Stadtelternrates Braunschweig, Gerald Kühn, berichtet über Rückmeldungen von Eltern, die sehr positiv ausfallen. Die Kontaktaufnahme zu den Schülern über Einzel-, Gruppen- oder Klassenkonferenzen funktioniere gut, dennoch würde vielen der persönliche Kontakt fehlen. Ein großes Problem sieht Kühn fehlende Endgeräte und schnelles Internet für Schüler als auch für Lehrer. Dennoch sei hier ein positiver Trend seitens des Schulträgers zu verzeichnen. Auch die Aktion "Hey, Alter! Alte Rechner für junge Leute" der TU Braunschweig helfe dem Problem entgegenzuwirken. Auch die Affinität zum Onlineunterricht sei nicht bei allen Lehrern vorhanden, bemängelt Kühn weiter.

Wenn die pandemiebedingten Risiken minimiert werden, sollte es aus Sicht von Gerald Kühn jedoch wieder in den Präsenzunterricht gehen. "Hier sind insbesondere die fehlenden Hygieneschutzmaßnahmen zu nennen. Lüften bringt zwar Sauerstoff in den Klassenraum ist aber alleinig nicht geeignet die gegebenenfalls vorhandene Virenlast so zu reduzieren, dass es ein akzeptables Restrisiko gibt. Auch müssen die Themen Schülertransport, das Warten auf den ÖPNV genannt werden. Zielführend wäre hier eine Ausstattung aller Schüler mit geeigneten Masken, die in der Lage sind sowohl sich selber aber auch andere zu schützen", so Kühn. Einen Vorteil des Homeschooling sieht Kühn nur für die höheren Klassen und auch dort lediglich ergänzend zum Präsenzunterricht.

Distanzlernen: Nur ein schlechter Ersatz


Für Peggy Plettner-Voigt, Vorsitzende des Kreiselternrates in Goslar stellt das Homeschooling eine Art der Lehrvermittlung dar, die nur einen schlechten Ersatz bilden kann und nur in wirklichen Notsituationen angewendet werden sollte. So könne Distanzlernen niemals den Lebensraum Schule ersetzen, denn der Kontakt zu Mitschülern und die Teilhabe an schulischen Veranstaltungen und AGs seien unerlässlich für die Entwicklung der Schüler.

"Das Land Niedersachsen muss schnellstmöglich Kernanforderungen und Standardkriterien für die Digitalisierung an den niedersächsischen Schulen aufstellen und die Schulträger vermehrt bei der Umsetzung unterstützen. Im Moment ist die Qualität des Distanzlernens abhängig von der digitalen Ausstattung der einzelnen Schulen. Die Verantwortung für die Umsetzung des Distanzlernens wird ganz allein auf die Schulen verschoben: Vom Kultusministerium wurde die Zeit von den Sommerferien bis jetzt absolut nicht genutzt um vernünftige Voraussetzungen und Unterstützung der Schulen für das Distanzlernen zu schaffen", kritisiert Plettner-Voigt.

Zudem stelle das Distanzlernen für viele Familien eine große Belastung des Familienalltags dar. Durch die unzureichende Qualität gebe es für die Schüler keine Strukturen. Während einige Schulen Videokonferenzen nach einem strikten Stundenplan abhalten, würden sich andere lediglich auf das "stupide" Austeilen von Aufgaben beschränken. Auch ein Schereneffekt mache sich, abhängig von der wirtschaftlichen Situation der Familie, in den Endgeräten bemerkbar. "In vielen Familien kein Drucker vorhanden und viele Schüler müssen für die Aufgabenbewältigung allein ihr Handy nutzen, Chancengleichheit ist da nicht gegeben. Des Weiteren wird von vielen Eltern und Schülern auch die persönliche Kontaktaufnahme vermisst und sie fühlen sich alleingelassen", so Plettner-Voigt weiter.

"Für uns ist ganz klar, dass es schwer ist Infektionsschutz und Bildungsgerechtigkeit gegeneinander abzuwägen, doch fest steht auch je früher der Präsenzunterricht wieder startet, umso besser ist es für die Schüler", so Plettner-Voigt abschließend.


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