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Nichts als Zocken und Lernen: "Homeschooling hat den Kindern sehr geschadet"

Der bekannte Sportwissenschaftler Prof. Dr. Ingo Froböse befürchtet Spätfolgen bei der "Generation Corona" durch den Bewegungsmangel im Homeschooling."Weg vom Bildschirm" heißt das für ihn aber nicht - denn auch vor der Konsole lasse sich viel lernen.

von Marvin König


Prof. Dr. Ingo Froböse, wissenschaftlicher Berater mit seiner Denkfabrik fischimwasser GmbH. Foto: Ann-Kathrin Weusthoff

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08.10.2020

Braunschweig. Am gestrigen Mittwoch wurde in Braunschweig das innovative Programm "deinsport.de" in den Räumlichkeiten der Volksbank BraWo vorgestellt. Als wissenschaftlicher Berater dabei ist der renommierte Sportwissenschaftler Prof. Dr. Ingo Froböse. Er warnt im Gespräch mit regionalHeute.de vor möglichen Spätfolgen der Homeschooling-Phase für die Schülerinnen und Schüler: "Wenn wir nicht gemeinsame Maßnahmen ergreifen, werden wir eine Generation haben, die unter dieser Phase motorisch, kognitiv und emotional leidet." Das Gaming an Konsole und Computern verteufeln will er allerdings nicht - die Mischung macht's.



Eine Stunde hoher körperlicher Aktivität seien für Kinder das absolute Minimum. Dieser Auffassung ist nicht nur Dr. Froböse, sondern auch die Weltgesundheitsorganisation WHO. Und das haben 60 bis 70 Prozent der Kinder schon vor der Pandemie nicht mehr geschafft. "Und je älter sie werden, desto schwieriger wird es. Bei 14- bis 17-Jährigen sind es nur noch 20 Prozent, die auf ihre 60 Minuten kommen", ergänzt Dr. Froböse.

Das halbe Jahr kann sich rächen


Die tägliche Bewegung durch den Schulweg zu Fuß oder auf dem Rad oder das gemeinsame Toben mit anderen Kindern fielen durch den Lockdown und das Homeschooling weg. Besorgniserregend, wie der Sportwissenschaftler findet: "Ich bin mir sicher das Homeschooling den Kindern sehr geschadet hat. Kinder haben in der Regel ein Bewegungsvirus und dieser muss ausgelebt werden", erklärt Dr. Froböse und fährt fort: "Viele leben ihn dann natürlich vor der Konsole aus, das macht Kinder erstmal wieder ruhig, weil die Faszination sich erstmal auf die kognitiven Strukturen beschränkt. Aber Kinder brauchen fürs gesamte Entwickeln, fürs gesamte Wachstum, für alle kognitiven aber auch motorischen Prozesse ständig Bewegungsreize und sie können sich vorstellen, ein halbes Jahr ist für Kinder eine Ewigkeit." Das halbe Jahr daheim werde sich irgendwann rächen. "Ich mache mir große Sorgen um die Zivilisationserkrankungen, die wir immer früher bei Kindern wieder finden wie der Diabetes und dem Bluthochdruck." Diese würden heute schon bei 12- bis 16-Jährigen auftreten. "Das war früher nicht der Fall. Homeschooling verstärkt das leider", meint Froböse.

"Wenn wir jetzt nicht gemeinsame Maßnahmen ergreifen, werden wir eine Generation haben, die unter dieser Phase motorisch, kognitiv und emotional leidet."

- Prof. Dr. Ingo Froböse, Sportwissenschaftler



Froböse appelliert, sofort Gegenmaßnahmen gegen diesen Mangel an Bewegung bei Grundschülern einzuleiten: "Sonst werden wir dieses halbe Jahr nicht mehr aufholen, was körperliche Entwicklung betrifft. Denn wir haben ja ganz bestimmte Phasen die ans Alter geknüpft sind, weil biologische Prozesse sich in bestimmten Zeitmustern im Körper abspielen." Wenn diese versäumt werden, würde es zu Beeinträchtigungen unter anderem bei Wachstums- und Lernprozessen kommen, die sich nur bedingt wieder aufholen lassen, denn "Die Motorik führe Hirnstrukturen zusammen", wie Froböse bereits in der vorangegangenen Pressekonferenz verdeutlichte. Er unterstreicht: "Wenn wir jetzt nicht gemeinsame Maßnahmen ergreifen, werden wir eine Generation haben, die unter dieser Phase motorisch, kognitiv und emotional leidet." Denn auch soziale Kompetenzen verbinden sich mit dem Sport - Kinder lernen im sozialen Miteinander mit anderen Kindern beispielsweise spielerisch auch mit Niederlagen umzugehen. "Es muss auch nicht immer Sport sein, das ist vielleicht auch eine ganz wichtige Botschaft. Aber gerannt, getobt, gekämpft, gerauft, das muss an sich jeden Tag sein", merkt Froböse dazu an.

Gefahren und Potenziale


Ganz weg vom Bildschirm soll die Bewegung jedoch nicht führen. Froböse wetterte in der vorangegangenen Pressekonferenz gegen das Zocken auf dem Sofa. Stellt gegenüber regionalHeute.de aber klar: "Ich bin ein großer Freund des E-Sports, wenn er denn richtig genutzt wird und richtig in die Bahn gelenkt wird" Er selbst habe bereits sehr viel an dem Thema geforscht und ist, wie er verriet, selbst ein Gamer: "Weil ich nämlich glaube, dass da viele Ressourcen drinstecken, aber auch Gefahren. Und diese Gefahren dominieren mir gerade insbesondere in der Homeschooling-Phase." Froböse wünscht sich, dass die beiden Welten harmonieren. Sie böten große Potenziale um kognitive Fähigkeiten wie Reaktionsfähigkeit, Schnelligkeit und die Wahrnehmungsfähigkeit zu schulen. "Mir würde wirklich sehr gut gefallen, wenn erkannt wird, dass ein fitter Körper auch fit vor der Konsole macht. Beides befruchtet sich gegenseitig, und eben nicht nur im Kindesalter, sondern auch Erwachsene können sehr viel aus dem E-Sport lernen für ihren Berufsalltag. Denn bestimmte Fähigkeiten werden da exorbitant gut geschult."

Nur einseitig dürfe es nicht werden. Doch gibt es nur das Eine oder das Andere? Mitnichten, meint Froböse: "Es gibt wunderbare Möglichkeiten der Verbindung zwischen der digitalen Welt und der realen Welt. Bei FIFA beispielsweise gibt es ein Tool, in dem meine eigenen motorischen Fähigkeiten gemessen und dann in das FIFA-Spiel digital online übertragen werden, und das ist wunderbar!" Auch Virtual Reality habe laut dem Professor ein gutes Potenzial: "Ich habe auch schon League of Legends gespielt mit einer VR-Brille und habe da sehr viel Aktivität erfahren. Und wenn wir das schaffen, diese beiden Welten miteinander zu verbinden, dann sind das eher additive und nicht kontraproduktive Welten, die man hier zusammenführen kann!"

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