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Schottergarten am Goslarer Bahnhof - Offenbar ein Missverständnis



Goslar

Schottergarten am Goslarer Bahnhof - Das steckt dahinter

280 Quadratmeter "Schotterfläche" sollen mit der Bahnhofsvorplatzumgestaltung auf der Mittelinsel entstehen. Viele Goslarer dürften die Art von Kies, die dabei zum Einsatz kommen soll, aber schon aus anderen Bereichen der Fußgängerzone kennen.

von Marvin König


So soll der Bahnhofsvorplatz künftig aufgeteilt sein.
So soll der Bahnhofsvorplatz künftig aufgeteilt sein. Foto: Stadt Goslar

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Goslar. Der Rat hat in seiner Sitzung am vergangenen Dienstag den Projektfeststellungsbeschluss zum Umbau des Bahnhofsvorplatzes in Goslar mit nur einer Gegenstimme der Bürgerliste abgesegnet. Für Unruhe unter den Leserinnen und Lesern von regionalHeute.de sorgte die Gestaltung der Mittelinsel mit einer "Schotterfläche". (regionalHeute.de berichtete) Wie die Stadt Goslar und mehrere Fraktionen im Rat mitteilen, handele es sich bei der Schotterfläche offenbar um ein Missverständnis.



Den einzigen Redebeitrag im Rat hatte der Grüne Holger Plaschke zu dem Thema: "Das ist wieder mal ein Projekt, was geschoben und geschoben wurde". Geschoben wurde hier in der Tat - und zwar seit den 90ern. "Es gibt aber eine Deadline. Bis Ende 2022 müssen alle Haltestellen einen Hochbord haben". Dann nämlich tritt die Novelle des Personenbeförderungsgesetzes in Kraft, die genau das verlangt. Grund genug für die Verwaltung, für die Umgestaltung der spartanisch ausgestalteten Stadtbushaltestellen am wohl elementarsten Knotenpunkt der Stadt Fördergelder zu beantragen. "Wir freuen uns, dass dieser Bereich endlich angegangen werden soll, der bisherige Eindruck war eine Katastrophe", schlussfolgert der Grüne.

"Schotterfläche" überzeugt den Bauausschuss


Diskussionen zum Reizthema Schottergarten gab es zwar nicht im Rat, wohl aber im Bauausschuss. Ratsherr Henning Wehrmann erinnert sich: "In der Legende des Planes ist leicht missverständlich von 'Schotterfläche' die Rede. Wir haben die Form der Ausführung im Bauausschuss auch nachgefragt. Es wurde bestätigt, dass es sich um die in der Fußgängerzone übliche Ausführung mit gelbem Kies handelt." Dieser "Gelbe Kies" habe laut Wehrmann auch für die Bäume Vorteile: "Die Bäume erhalten eine optimale Wasserversorgung, die viel besser als bei kleinen Baumscheiben ist. Pflegeintensiver Nebenaufwuchs wird weitgehend vermieden und die Flächen können von Fußgängerinnen und Fußgängern problemlos betreten werden, was bei einem Bahnhof sinnvoll ist. Flächen, die weniger begangen werden, begrünen sich nach einiger Zeit von selbst!"



Begrünt sich von selbst - der "gelbe Kies" sieht in Natura deutlich freundlicher aus, als man zunächst vermuten mag. Foto: Henning Wehrmann



Schottergarten-Paragraph hat keine Gültigkeit


Wie die Stadt Goslar auf Anfrage mitteilt, sei in der ursprünglichen Planung gar eine Pflasterung der Fläche vorgesehen gewesen. Denn beim Bahnhofsvorplatz handele es sich um eine Straße, womit der Paragraph der Bauordnung, der auch Schottergärten verbietet, keine Gültigkeit habe: "Es handelt sich also nicht um einen Garten, sondern um eine Fußgängerfläche, die regelmäßig vollflächig begangen werden wird", schlussfolgert Stadtsprecherin Vanessa Nöhr und ergänzt. "Eine Gestaltung als Grünfläche ist aufgrund der Nutzung durch Fußgänger hingegen nicht realisierbar." Die Ausführung als sogenannte "Wassergebundene Decke", also dem gelben Kies mit dessen bereits von Ratsherr Henning Wehrmann erläuterten Vorteilen stieß auf Zuspruch. "Diese Argumentation hat nicht nur uns, sondern auch den Bauausschuss überzeugt. Da der Sachverhalt im Bauausschuss ausdiskutiert wurde, gab es in der Ratssitzung keinen weiteren Gesprächsbedarf für die Fraktionen", schildert SPD-Ratsherr Stefan Eble.


Das Problem "Zirkusabladefläche"


Weiter ungeklärt ist die Frage des Zirkusabladeplatzes. Dieses zugewucherte eingezäunte Stück Gleis aus früheren Zeiten zwischen dem Taxistand und dem ZOB war Ratsherr Henning Wehrmann (Bürgerliste) bereits im Jahr 2016 ein Anliegen. Wie es in einem Protokoll zur Vorstellung von Entwürfen für den Bahnhofsvorplatz heißt, könne Wehrmann sich eine Umgestaltung des Bahnhofsvorplatzes nur dann vorstellen, wenn auf der anderen Seite ein Vermarktungskonzept für die Brachfläche des ehemaligen Zirkusabladeplatzes vorliege. Aus eben jenem Grund habe er auch am Dienstag den Projektfeststellungsbeschluss abgelehnt: "Hintergrund war allerdings nicht die Planung als solche, sondern die Form der Finanzierung. Unsere Fraktion hat im Bauausschuss deutlich gemacht, dass der Grundstücksverkauf und die Bebauung des ehemaligen Zirkusabstellgleises zwingende Voraussetzungen für den Umbau sind." Wehrmann befürchtet Fehlplanungen: "Es wäre kaum vermittelbar, wenn ein neuer Bahnhofsvorplatz nach ein oder zwei Jahren wieder aufgerissen werden muss, um Ver- und Entsorgungsleitungen für das neue Gebäude zu verlegen oder Einfahrten für eine Tiefgarage anzulegen." Auch die Bürgerbeteiligung hätte ihm gefehlt. Wie Linken-Ratsherr Michael Ohse erklärt, halte man die Planung insgesamt noch für verbesserungswürdig: "Die neue Gestaltung ist aus unserer Sicht noch nicht optimal. Allerdings sind Abänderungen wohl nur noch in kleinem Rahmen möglich. Nach unserer Ansicht benötigt Goslars Bahnhof auch keine 12 Taxenstandplätze."

Wenig Liebe fürs Café Fern-W


Wie berichtet, muss für den vorgesehenen Entwurf der aus den 1960er Jahren stammende Glasanbau des Café Fern-W weichen. Damit verliert das Café einen bedeutenden Teil an Sitzfläche im Innenbereich. "Hinsichtlich des Anbaus hat der Eigentümer in der Einwohnerfragestunde nachgefragt. Die Verwaltung erläuterte dem Eigentümer, dass der Pavillon auf der Mittelinsel denkmalgeschützt ist, der Anbau jedoch offensichtlich nicht", berichtet Ratsherr Stefan Eble. "Ob der Anbau legal errichtet wurde und Bestandsschutz hat oder wegen Verstoß gegen Denkmalschutz zu entfernen ist, muss der Eigentümer mit der Verwaltung klären." Die Bürgerliste begrüße den Abriss des Glasanbaus ausdrücklich: "Der Hauptbau ist - wie das Bahnhofsgebäude selbst - ein Baudenkmal, das in der Vergangenheit leider mit zeitgeistigen Anbauten (Reisebüro) verunstaltet wurde. Daher begrüßen wir an diesem Punkt die Planung des Abrisses, weil das ursprüngliche Gebäude wieder erlebbar wird - ein Hingucker für Reisende!" Diese Meinung vertritt auch Michael Ohse: "Der Abriss ist auch aus Sicht unserer Fraktion für die gestalterische Aufwertung sinnvoll. Mit dem Eigentümer, der als Gast bei der Bauausschusssitzung anwesend war, werden Gespräche seitens der Verwaltung geführt."

Grüne, CDU und FDP wurden zur Thematik ebenfalls angefragt, eine Antwort an regionalHeute.de erfolgte bislang jedoch nicht.

Aktualisiert - 29.03.2021: Eine schriftliche Antwort der Linken wurde wegen Problemen bei der Zustellung der E-Mail zunächst nicht im Artikel berücksichtigt. Die Antwort wurde nachträglich eingepflegt.


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