Region. Was wie ein harmloses Nahrungsergänzungsmittel wirkt, kann im Einzelfall mehr enthalten als gedacht. In den vergangenen Monaten warnten Behörden immer wieder vor Produkten, in denen der verschreibungspflichtige Wirkstoff Sildenafil enthalten war, ohne dass er auf der Verpackung angegeben war. Doch was steckt hinter dem Verkauf der Produkte und wie häufig gelangen sie an den Verbraucher?
Am Freitag warnte das Ministerium für Landwirtschaft und Verbraucherschutz (MLV) des Landes Nordrhein-Westfalen vor Nahrungsergänzungsmitteln, die das nicht deklarierte verschreibungspflichtige Arzneimittel Sildenafil – ein Mittel gegen Potenzstörungen - enthalten. Nicht die ersten Fälle: Im März warnten das Landratsamt Tübingen und das Ministerium für Landwirtschaft und Verbraucherschutz (MLV) Nordrhein-Westfalen vor verschiedenen Produkten, bei denen Sildenafil nachgewiesen wurde, ohne dass er auf der Verpackung angegeben war.
Die unbekannte Gefahr
Verbraucher gingen davon aus, ein Lebensmittel zu konsumieren, tatsächlich nahmen sie ein Arzneimittel ein, ohne es zu wissen. Genau solche Fälle machen das Problem sichtbar. Produkte, die unauffällig wirken, enthalten plötzlich Stoffe, die dort nicht hingehören. Für Käufer ist das nicht erkennbar. Kein Hinweis, keine Dosierung, keine Warnung. Wer solche Produkte kauft, trifft eine Entscheidung, ohne zu wissen, was er tatsächlich konsumiert. Und genau darin liegt das Risiko.
Offiziell wirkt die Lage ruhig
Nach Angaben des Niedersächsischen Ministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz in Hannover sind entsprechende Funde selten. „In den letzten drei Jahren lag dem Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES) keine Probe mit einem Gehalt an Sildenafil vor“, erklärt Pressesprecherin Natascha Manski. Lediglich in einem Fall sei seit dem 1. Januar 2023 ein anderer, nicht deklarierter Wirkstoff festgestellt worden, Sibutramin.
Auch bei der Entwicklung sieht das Ministerium keine Auffälligkeiten. „Auf Grundlage der am Landesamt untersuchten Proben ist keine Zunahme entsprechender Fälle zu beobachten.“ Eine umfassende Statistik gibt es allerdings nicht. Lebensmittel mit nicht deklarierten Arzneistoffen werden weder landesweit noch bundesweit gesondert erfasst. Die bekannten Zahlen basieren auf Stichproben, nicht auf einer vollständigen Marktübersicht. Was nach Entwarnung klingt, bedeutet vor allem: Erfasst wird, was auffällt.
Was wird überhaupt kontrolliert?
Die Lebensmittelüberwachung erfolgt nicht flächendeckend, sondern risikoorientiert. Zuständig sind die Landkreise und kreisfreien Städte. Sie kontrollieren Betriebe, entnehmen Proben und schicken diese zur Analyse an das Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit.
„Diese amtlich genommenen Proben werden an uns, das Niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES), zur Untersuchung übersandt“, erklärt Christiane Schulz-Geffken. Insgesamt sechs Untersuchungsinstitute analysieren Proben entlang der Lebensmittelkette. Nach der Untersuchung entscheiden die kommunalen Behörden über mögliche Maßnahmen. Doch damit endet der Überblick auf Landesebene. „Das Landesamt erhält keine Rückmeldung über diese Entscheidung und den weiteren Verlauf“, so Schulz-Geffken.
Wie groß das tatsächliche Ausmaß ist, lässt sich deshalb kaum beziffern. Produkte, die nicht kontrolliert werden, tauchen in keiner Statistik auf.
Konkrete Fälle zeigen das Problem
Dass es sich nicht nur um Einzelfälle handelt, zeigen weitere Warnungen aus den vergangenen Monaten. Immer wieder werden Produkte zurückgerufen, in denen Sildenafil oder ähnliche Wirkstoffe nachgewiesen werden, etwa Getränke, Schokoladenprodukte oder sogenannte „Kräuterpasten“.
Auch im offiziellen Warnportal tauchen regelmäßig entsprechende Fälle auf. So wurde Anfang März 2026 Honigpaste zurückgerufen, weil sie den verschreibungspflichtigen Wirkstoff Sildenafil enthielt. Typisch für viele dieser Produkte: Sie werden als natürliche oder pflanzliche Mittel beworben. Die tatsächliche Wirkung beruht jedoch nicht auf Kräutern, sondern auf beigemischten Arzneistoffen.
Verbraucherschützer sehen mehr
Deutlich kritischer fällt die Einschätzung der Verbraucherzentrale Niedersachsen aus. Dort wird das Problem breiter wahrgenommen: „Analysen beispielsweise der Landesämter zeigen immer wieder, dass Produkte nicht angegebene verschreibungspflichtige Arzneisubstanzen (Sildenafil, Tadalafil) beziehungsweise nicht zugelassene, ähnlich aufgebaute chemische Substanzen […] in pharmakologisch wirksamen Konzentrationen enthalten“, sagt Constanze Rubach, Expertin für Lebensmittel und Ernährung bei der Verbraucherzentrale Niedersachsen. Und sie ergänzt: „Jeden Monat werden neue gefährliche Produkte entdeckt, leider aber nicht immer konsequent bekannt gemacht.“
Belastbare Gesamtzahlen gibt es jedoch auch hier nicht. Die Einschätzung basiert auf bekannten Fällen und Warnmeldungen, nicht auf einer vollständigen Erhebung.
Warum die Gefahr so schwer zu erkennen ist
Für Verbraucher liegt das größte Problem darin, dass sich solche Produkte kaum identifizieren lassen. Viele werden mit pflanzlichen Inhaltsstoffen beworben, mit Ginseng, Kräutern oder vermeintlich natürlichen Zusätzen.
Dabei können die Folgen erheblich sein. Wirkstoffe wie Sildenafil können unter anderem zu Blutdruckabfall, Herzproblemen oder Sehstörungen führen. „Die Produkte können lebensgefährliche Nebenwirkungen hervorrufen“, warnt Rubach. Selbst bei bestimmungsgemäßer Anwendung könnten schwere Folgen auftreten, „Schlaganfall, Herzinfarkt“. Hinzu kommen Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten, etwa mit Blutdrucksenkern. Das eigentliche Risiko entsteht dabei nicht nur durch den Wirkstoff selbst, sondern durch die Tatsache, dass er unbemerkt aufgenommen wird.
Wie die Produkte nach Deutschland kommen
Dass solche Waren überhaupt im Umlauf sind, bestätigt auch der Zoll. Nach Erkenntnissen des Zollfahndungsdienstes stammen entsprechende Produkte „überwiegend aus der Türkei, mutmaßlich auch aus Malaysia“, erklärt Kristina Nowak von der Generalzolldirektion in Bonn auf Anfrage.
Die Einfuhr erfolgt über verschiedene Wege. Besonders häufig werden entsprechende Waren im Lkw-Verkehr entdeckt, daneben auch im Post- und Reiseverkehr. Verkauft werden sie dort, wo Kontrolle schwierig ist. „Dem Zollfahndungsdienst liegen Hinweise vor, dass die Produkte über Internetseiten, Social Media und zum Teil in Kiosken oder orientalischen Supermärkten verkauft werden“, so Nowak.
Die Zahl entsprechender Ermittlungsverfahren bleibt „auf gleichem Niveau“. Konkrete Gesamtzahlen werden nicht veröffentlicht.
Was sich daraus nicht eindeutig ablesen lässt
Was auffällt, ist weniger die Zahl der Fälle als das Muster dahinter. Während Behörden auf Basis ihrer Proben keine Zunahme erkennen, werden gleichzeitig immer wieder Produkte bekannt, die genau diese Wirkstoffe enthalten. Und es gibt erkennbare Wege, über die solche Waren nach Deutschland gelangen.
Ein geschlossenes Gesamtbild entsteht daraus nicht. Vielmehr zeigt sich ein Nebeneinander aus einzelnen Funden, begrenzter Datengrundlage und einem Markt, der sich nicht vollständig abbilden lässt. Erfasst wird vor allem das, was auffällt.
Für Verbraucher bleibt die Situation schwer einschätzbar. Entscheidungen fallen im Alltag, beim Einkauf oder beim Klick im Internet, oft in einem Moment, in dem ein Produkt harmlos wirkt. Und genau in diesem Moment fällt eine Entscheidung, ohne dass man es merkt.

