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Vor über 100 Jahren: Spanische Grippe hat die Region im Griff

Seit der Coronavirus in unserer Region grassiert, ist nichts mehr so, wie es einmal war. So etwas hat es noch nie gegeben. Oder doch?

von Julia Seidel


Wie heute das Coronavirus hat auch die Spanische Grippe die Bevölkerung vor über 100 Jahren in Schach gehalten. (Symbolbild)
Wie heute das Coronavirus hat auch die Spanische Grippe die Bevölkerung vor über 100 Jahren in Schach gehalten. (Symbolbild) Foto: Marvin König

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28.05.2020

Wolfenbüttel/Braunschweig. Die Welt ist fest im Griff des Corona-Virus und damit einer Pandemie, wie die meisten von uns sie noch nicht erlebt haben. Um die Ausbreitung der Erkrankung einzudämmen werden Maßnahmen getroffen. Lockdown! Schulen und Geschäfte wurden geschlossen. Doch ist das tatsächlich so neu? Immer wieder liest man, dass es in der Geschichte Pandemien gab, die ähnlich waren. Vergleichbar scheint unter anderem die Spanische Grippe zu sein, die im Jahr 1918, also vor nur zirka 100 Jahren in der Region Braunschweig ausbrach.


Damals breitete die Spanische Grippe sich in zwei Wellen in der Region Braunschweig aus, wie Dr. Philip Haas vom Niedersächsischen Landesarchiv gegenüber regionalHeute.de berichtet. So wurde zum einen im Juli 1918 die Meldung gemacht, dass die "spanische Krankheit" unter den in Wolfenbüttel stationierten Soldaten aufgetreten sei. Der Verlauf der Krankheit unter den Soldaten solle jedoch recht mild gewesen sein. Diese hätten die Grippe von der Westfront mitgebracht. Die zweite Welle, die von etwa September bis November 1918 in der Region Braunschweig kursierte, sei weitaus tödlicher verlaufen. Allein in der Woche vom 15. bis 22. Oktober habe sich die Epidemie auf dem Höchstpunkt befunden und forderte 156 Todesopfer. "Diese zeitlichen Angaben zum Herzogtum Braunschweig dürften auch für die Stadt Wolfenbüttel gelten", erklärt Haas.

Ausbreitung der Krankheit


"Den Quellen zufolge näherten sich beide Wellen „vom Westen her“ und breiteten sich clusterartig von Ortschaft zu Ortschaft, von Familie zu Familie aus" so Haas weiter über die Verbreitung der Krankheit. War die Grippe an einem Ort ausgebrochen, so blieb sie etwa für vier bis acht Wochen, bis sie schließlich wieder abflaute.

Beengte Lebensverhältnisse vereinfachten die Verbreitung der Krankheit, wohingegen die Landbevölkerung weniger erkrankte. So habe das Landesmedizinalkollegium ein Stadt-Landgefälle bei der Ausbreitung ausmachen können. Dennoch war die Landbevölkerung auch nicht vollständig vor der Krankheit geschützt und so seien auch die Erntearbeiten ins Stocken geraten. Besonders betroffen seien jedoch ärztliches und pflegerisches Personal gewesen und auch Mitglieder des herzoglichen Hauses infizierten sich.

Die Krankheit sucht ihre Opfer


Wie Dr. Phillip Haas weiter berichtet, seien kaum valide Daten in Bezug auf die Ausbreitung der Spanischen Grippe zu bekommen, da sich die Grippe nicht diagnostizieren ließ. Zwar habe man vor allem das Pfeifferbakterium für die Grippe verantwortlich gemacht, habe dieses jedoch kaum nachweisen können. Um eine meldepflichtige Erkrankung handelte es sich also nicht. Schätzungen zufolge seien jedoch zwischen 15 und 35 Prozent der Bevölkerung erkrankt gewesen. "Der amtlichen Statistik ist zu entnehmen, dass die Zahl der an Lungenentzündung Verstorbenen mit insgesamt 1.866 im Jahre 1918 gegenüber dem Jahre 1917 mit 108 Fällen und den zweistelligen Zahlen der Vorjahre sprunghaft angestiegen war (sich insgesamt etwa verzwanzigfachte)", so Haas weiter. Die Todesursache der Lungenentzündung sei dabei getrennt von der Zahl der Influenzatoten erfasst worden. Auch bei ihnen ist die Zahl der Opfer sprunghaft angestiegen. So wurde für die Stadt Braunschweig für beide Wellen der Spanischen Grippe mit etwa 500 Toten bei 135.000 Einwohnern gerechnet.

Damals, wie heute - Abstand, Hygiene, Schließungen


Obwohl die Krankheit in der Region grassierte, habe sich der Reichs-Gesundheitsrat (damals so etwas wie das RKI in unserer Gegenwart) gegen einen flächendeckenden Lockdown ausgesprochen. Es wurde befürchtet, dass der wirtschaftliche und gesellschaftliche Schaden dadurch zu groß werden würde, da das Land ohnehin vom Krieg bedrückt gewesen war. So sollten Präventionsmaßnahmen und Aufklärung die Ausbreitung der Krankheit verhindern.

Man sei davon ausgegangen, dass die Krankheit durch den Mund oder die Nase in den Körper gelangt. So wurde regelmäßiges Händewaschen, vor allem vor dem Essen und der Zubereitung von Speisen und gurgeln mit einer warmen Kochsalzlösung empfohlen. Ebenso sollten ältere Menschen sowie Herzschwache und solche mit Lungenkrankheiten den "Massenverkehr" meiden, da die Krankheit bei ihnen oftmals einen schweren Verlauf angenommen habe. Sollten erste Anzeichen einer Erkrankung auftauchen, wie etwa Frostempfindungen, Kopfschmerzen, Schnupfen, Husten, Abgeschlagenheit oder Gliederschmerzen, so solle das Bett aufgesucht werden.

Erst Mitte Oktober 1918 seien die Schulen auf öffentlichen Druck hin und durch Beschwerden der Lehrer geschlossen und öffentliche Veranstaltungen abgesagt worden. "Diese Maßnahmen wurden wohl vor allem von den Kommunen getroffen, das Land blieb hingegen fast komplett passiv. Die Schließungen wurden auch jeweils nur wochenweise verhängt - insgesamt drei Wochen lang, von Ende Oktober bis Anfang November", so Haas. Einen richtigen Lockdown habe es in dieser Form wie heute nie gegeben.


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