Liebe Leserinnen und Leser, mit Verlaub: Die derzeitige Diskussion um unseren Stadtmarkt entwickelt sich nicht nur für mich zu einem spannenden Ratequiz nach dem Motto: Wer will eigentlich was? Offensichtlich weiß zurzeit keiner so genau, was abschließend hinten herauskommen soll!
Es begann mit einer hochmotivierten und sehr sportlichen Impulsvorlage, des Rathauschefs zur Beratung in den städtischen Gremien. Der interessierten Öffentlichkeit wollte man erklären, dass der Stadtmarkt in die Jahre gekommen sei und wohl nicht mehr so dem „Mainstream“, auf Deutsch Zeitgeist, entspreche. Bei historischen Plätzen, die schon etliche Jährchen auf dem Buckel haben, meistens keine ganz neue Erkenntnis.
Bereits im Rahmen des umfänglichen „Bürgerbeteiligungsprozesses Innenstadt“ vor 12–13 Jahren wurde dazu angemerkt, dass es wünschenswert wäre, die gesamte Verkehrsfläche, Fußwege und Platzbereich, höhengleich zu gestalten und die vorhandene Pflasterung barrierearm zu verlegen. Aus, mehr nicht! Warum auch? Beabsichtigt war, den Platz für die wiederkehrenden Märkte und Veranstaltungen besser nutzbar zu machen.
Nun aber, so die Vorlage, soll der Platz „grüner“ werden. Oh, dachte ich, „Grün“ und jetzt fehlt nur noch „Nachhaltigkeit“! Die zwei verbalen Moralkeulen des letzten Jahrzehnts. Die Planungsskizze sieht Bäume auf dem Platz und Grünflächen am Rand vor. Hitzeresilient soll er werden, der Stadtmarkt. Was sagen eigentlich die Markthändler dazu, die hoffentlich genauso frühzeitig in die Planung eingebunden wurden, wie einst die städtische Feuerwehr bei der Planung der Fahrradzone? Und die illegale Zufahrt von PKW in die Kanzleistraße soll endlich auch dichtgemacht werden. Logische Konsequenz und ich hoffe man hat daran gedacht: Die ohnehin schon knapp bemessenen Behindertenparkplätze am Stadtmarkt entfallen?! Und zur Fußgängerzone hin will man auch Bäume pflanzen. Stehen da nicht schon welche, dachte ich mir.
Bei aller städtebaulicher Aufbruchstimmung quälten mich alsbald Fragen: Wo kommt plötzlich der Geldsegen her, wurde doch unlängst größte kommunale Not und Ärmlichkeit ausgerufen? Fördermittel – Fehlanzeige, so der Hauptverwaltungsbeamte Lukanic offenherzig.
Donnerwetter, ging es mir durch den Sinn, muss doch bei allen städtischen Ausgaben in dieser Zeit, von jedem anderen Mitarbeiter, jeder Poscherling dreimal umgedreht werden, bevor er ausgegeben wird, so gilt das nicht für den Behördenleiter? Der Agenda 2030, die der Rat unlängst als Sparregime beschlossen hat, fehlt zwar noch weitestgehend die „Butter bei die Fische“, wird jedoch vorsorglich in Prosa drohend mit saftigen Einsparsummen hantiert. Alles Liebgewordene steht auf dem Prüfstand und Kultur und Stadtfeste muss wohl künftig die Bürgerschaft selbst organisieren, so intuitiv mein kommunalpolitischer Gefühlsausbruch?! Was soll dann ein hitzeresilienter Stadtmarkt?
Aber, ich wurde nicht enttäuscht! Anfangs im Bauausschuss der Stadt noch zaghaft positiv beurteilt, kam das schnelle Ende der bürgermeisterlichen Umgestaltungsgelüste im nichtöffentlich tagenden Verwaltungsausschuss, so regionalHeute.de. Und die Begründung insbesondere der beiden großen Fraktionen SPD und CDU dazu kurz und schlüssig: Kein Geld sowie eine handwerklich mäßige Vorbereitung durch die Urheber der Idee, so die Hauptargumente für die Ablehnung.
Gestartet wie ein architektonischer Tiger, landete die Bau-Träumerei wie ein Bettvorleger. So ist nun mal Politik. Aber! Hatte man schon mal die interessierte Bürgerschaft geladen, gelang durchaus taktisch klug der Schwenk vom geplanten Umbau des Platzes zum inhaltlichen „Kessel Buntes“, nämlich: Wie kriegen wir Leben in die Bude, sprich auf den Stadtmarkt! Trockenen Zahlenwerken eines Experten folgte nun ein Feuerwerk der Ideen, die zum Teil sehr, sehr interessant waren! Sie reichten vom Abbau des Herzog-Denkmals (vermutlich soll es auf Wunsch eines Einzelnen, wie das so genannte Kriegerdenkmal an den Stadtgraben verbannt werden) bis zur Ausbreitung der Gastronomien auf dem Platz und dem oft und gern, weil unverbindlich, geäußerten Wunsch, den Platz wieder stärker zu einem Treffpunkt – und das nicht nur zu Wochenmarktzeiten – zu machen.
Na dann, dachte ich! Hoffentlich enttäuscht man nicht die engagierten Bürgerinnen und Bürger! Denn Bürgerbeteiligung weckt immer Erwartungen und individuelle Wünsche, die nur schwer alle unter einen Hut zu bringen sind! Ich könnte ganze abendfüllende Arien davon singen und würde deshalb heute etwas zurückhaltender damit umgehen. Der hohe Begriff der Bürgerbeteiligung ist heute, meiner Meinung nach, oft zu einem vermeintlichen Allheilmittel und einer trügerischen Überbrückungshilfe unentschlossener Entscheidungsträger geworden. Man muss sehr umsichtig und sensibel damit umgehen und manchmal wollen die Menschen auch, dass einfach entschieden wird.
Ach, und da fiel es mir siedend heiß ein: Ist nicht erst vor zwei, drei Jahren unter anderem zu ähnlich gelagerten Themen das städtische Bürgerbeteiligungsprojekt „TeamDialog Wolfenbüttel“, wie zu lesen war eine Herzensangelegenheit des Bürgermeisters, rasant und quasi ergebnislos in der Versenkung verschwunden?
Bis bald und dann mit meinen Vorschlägen für den Stadtmarkt! Sie werden entzückt sein.
Ihr Thomas Pink
Pi(n)kant ist die Kolumne von Wolfenbüttels Bürgermeister a.D. Thomas Pink auf regionalHeute.de. Sie erscheint in unregelmäßigen Abständen und gibt allein die Meinung des Autors wieder.

