Wolfenbüttel: Wieder macht ein Laden zu - seit sechs Jahren 100 Euro im Monat verdient - Stadt tolerierte gelbes Fahrrad

von Marc Angerstein




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Katrin Schneider vor ihrem Lebenswerk: Dem Keddy´s. Ab 1. Mai steht dieser Laden leer. Foto:



Die Ankündigung sorgte für einen Aufschrei in der Stammkundschaft, aber Katrin Schneider hat ihren Entschluss gefasst: Zum 1. Mai schließt sie nach sechs Jahren "Keddy´s", ein Naturkosmetik- und Dekolädchen mit Tee-Kontor und Teestube. Es liegt nicht an der B-Lage der Komißstraße zwischen Kornmarkt und dem Hotel Kronprinz, denn Menschen laufen jeden Tag genug an den liebevoll dekorierten Schaufenstern vorbei. Nur kaufen tut niemand...


Der Laden mit dem gelben Fahrrad vor der Tür, das ist Katrin Schneiders "Keddy´s". Benannt nach ihrem Kosenamen bot sie in ihrem Laden nicht nur dekorative, exklusive Einzelstücke und eine eine Riesenauswahl an Teesorten, sondern in erster Linie Behaglich- und Gemütlichkeit. Im hinteren Teil des schlauchigen Ladengeschäftes hat sie mit viel Geschmack eine Teestube eingerichtet. Täglich frischer hausgebackener Kuchen verwöhnt die Gaumen ihrer Stammkunden und Gäste. Lange galt ihr Laden als Geheimtipp in der Lessingstadt und zweimal zog sie mit dem Laden um: Aus dem Ortsteil Fümmelse in eine innerstädtische C-Lage und vor gut drei Jahren in die jetzige B-Lage. "Eine A-Lage in der Fußgängerzone kann ich mir nicht leisten", sagt die zierliche Geschäftsfrau gegenüber unserer Online-Zeitung. Sie ist gelernte Kauffrau, mit Zahlen kann sie umgehen.

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Ausgefallene Geschenkartikel und dekorative, hochwertige Einzelstücke brachten ihr viele Stammkunden ein. Aber es hat nie gereicht. Foto:



700 Euro beträgt die Warmmiete. Ein eigentlich angemessener Betrag für den Altbau-Laden. Zusammen mit den Nebenkosten von Strom bis zur Miete des EC-Cash-Gerätes investiert sie insgesamt etwa 900 Euro - plus ihre Arbeitskraft. Seit sechs Jahren nimmt sie sich für ihre Gesamtarbeitszeit pro Monat 100 Euro aus ihrem Unternehmen. 100 Euro Gehalt für einen Monat mit 40 bis 55 Stunden-Wochen? "Ja, mehr ist nicht drin", sagt Katrin Schneider verbittert. Tränen stehen ihr in den Augen, der aufmerksame Beobachter merkt, wie viel Liebe und Herzblut sie in ihren Laden gesteckt hat. Ohne den Verdienst ihres Mannes, hätte sie wirtschaftlich nicht überleben können.


100 Gramm loser Tee kosten im Schnitt etwa 3,90 Euro, knapp einen Euro hat Katrin Schneider dann als Gewinn erwirtschaftet. Nur um die Grundkosten zu decken, müsste sie in Wolfenbüttel monatlich also rund 900 Tütchen mit losem Tee verkaufen. Undenkbar. Deshalb kam sie ja auf die Idee, mit Geschenkartikeln, Naturkosmetik und Teestube das Angebot zu erweitern und weitere Umsatzquellen zu erschließen. Katrin Schneider steht im Wettbewerb zu Internet-Shopping und Kaufkraftverlagerung nach Braunschweig. "Die Wolfenbütteler kaufen lieber in Braunschweig ein, weil sie dort noch alles in der Innenstadt erhalten. Sogar meine Stammkunden sagen, es ist zu mühselig in Wolfenbüttel noch das einzukaufen, was es gibt", berichtet Schneider. Und sie beklagt, dass die Leute leider nicht mehr das Besondere suchen. Die Geiz-ist-geil-Mentalität greift zusätzlich um sich.

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Katrin Schneider zwischen Naturkosmetik und Tee. Foto:



Wer sind denn die Kunden? "Ich habe über die Jahre eine kleine Stammkundschaft aufgebaut, aber ohne die Touristen, die sich durch die Schaufensterdekoration anlocken ließen, hätte sie schon längst schließen müssen." Die Unternehmerin guckt bedrückt.

Angebot und Nachfrage sind elementare Grundsätze des Marktes und der Marktwirtschaft. Hat Katrin Schneider nicht die richtige Marktnische - oder haben potentielle Käufer ihren nicht Laden gefunden? B-Lage in Wolfenbüttel, zwischen Kornmarkt und Hotel Kronprinz. Kein Kapital für eine durchschlagende Werbekampagne. Eine Totgeburt? Eine Kleinstadt mit funktionierenden Multiplikatoren und Empfehlungsgesprächen unter Nachbarn?

Wieder macht ein Geschäft in Wolfenbüttel die Pforten zu. Für immer und schweren Herzens. Alle Einsparpotentiale wurden ausgeschöpft: Das kleine Werbeschild "Keddy´s" wurde vom gelben Fahrrad abgebaut, weil das Fahrrad dann kein "Werbeträger" mehr war. So wurden monatliche Gebühren in Höhe von acht Euro eingespart. Die Stadt tolerierte das gelbe Fahrrad fortan. "Bei WolfenbüttelHeute.de habe ich dann gelesen, die neue City-Managerin kümmert sich um die Probleme und Bedürfnisse der Wolfenbütteler Einzelhändler. Sie wollte doch alle Geschäfte besuchen und sich ein Bild machen. Ich habe das nicht erlebt, bei mir war sie noch nie im Laden." Bis Ende April ginge das noch: Montags, Dienstags, Donnerstags und Freitags von 9.30 bis 18.00 Uhr, sowie Mittwochs und Samstags, an den Markttagen, von 9.30 bis 14.00 Uhr - für 100 Euro im Monat.


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