Braunschweig. Im Juni 2020 bewahrte der Braunschweiger Christian Hellwig vier barocke Wandpfeiler beim Abriss eines Fachwerkhauses in der Kreuzstraße vor der Zerstörung. Zwei der Pilaster übergibt er nun dem Braunschweigischen Landesmuseum als Schenkung. Künftig werden die historischen Stücke in der neuen Dauerausstellung im Vieweghaus am Burgplatz zu sehen sein. Ihre Spur führt zum alten Opernhaus am Hagenmarkt. Darüber berichten die 3Landesmuseen in einer Pressemitteilung
Dass die Pilaster erhalten blieben, ist letztlich einem zufälligen Blick zu verdanken, als Hellwig am Tag des Abrisses am Fachwerkhaus in der Kreuzstraße 100 im Westlichen Ringgebiet vorbeifährt: „Auf dem Weg nach Watenbüttel zur Deponie sehe ich an der Kreuzstraße 100 den Abrissbagger beim Werk und denke an die schönen Säulen am Haus, da ich sie seit Kindesbeinen besonders fand.“
Spur führt zum alten Opernhaus
In Absprache mit den Arbeitern vor Ort bewahrt er vier hölzerne Wandpfeiler mit korinthischen Kapitellen vor dem Abbruch. Schon damals vermutet Hellwig ein hohes Alter: „Ich hatte auf Schloss Salzdahlum getippt, so um 1700.“
Bei seinen anschließenden Recherchen stößt Hellwig auf einen Nachfahren eines früheren Hauseigentümers. Dieser berichtet, sein Ururgroßvater habe die Bauteile aus dem abgerissenen Opernhaus am Hagenmarkt übernommen und am Gebäude anbringen lassen. Eine Bauzeichnung im Bauarchiv der Stadt Braunschweig bestätigt zumindest, dass die Pilaster im Jahr 1891 am Gebäude angebracht wurden – 27 Jahre nach dem Abbruch des Opernhauses.
Bauteile vermutlich verkauft
Ob die Pilaster tatsächlich aus dieser bedeutenden Kulturstätte Braunschweigs stammen, lässt sich bislang nicht zweifelsfrei belegen. In dem 1690 eröffneten Opernhaus wurden sowohl Lessings „Emilia Galotti“ als auch Goethes „Faust“ uraufgeführt. Nach dessen Abbruch im Jahr 1864 wurden viele Bauteile vermutlich verkauft und an anderer Stelle wiederverwendet – ein damals übliches Vorgehen.
Aus kunsthistorischer Sicht ist die Spur plausibel: Der Architekturhistoriker und Bauforscher Elmar Arnhold ordnet die Gestaltung dem Umfeld des barocken Baumeisters Hermann Korb zu, der als Bauvogt für das Opernhaus verantwortlich war. „Sie ähneln der Formensprache von Innenausstattungen verschiedener im Braunschweiger Land erhaltener oder bildlich überlieferter Bauten aus der Zeit um 1700. Diese häufig in Fachwerk errichteten Gebäude entstanden fast sämtlich nach Entwürfen des Landbaumeisters Hermann Korb. Auch die Oper war teilweise in Fachwerkbauweise ausgeführt und mit einer hölzernen Innenausstattung versehen“, erklärt Arnhold.
Zudem passt die Höhe von etwas mehr als zwei Metern zu Überlieferungen des als vergleichsweise niedrig beschriebenen Theaters. Ein endgültiger Beweis steht aufgrund der lückenhaften Quellenlage jedoch noch aus.
Vom Kolonialwarenladen zum „Schinderhannes“
Die jüngere Geschichte der Pilaster ist besser dokumentiert. Im 20. Jahrhundert befindet sich in der Kreuzstraße 100 ein Kolonialwarenladen. Ab 1980 zieht nach dem Ruhestand der Betreiberin die bis in die 2010er-Jahre bekannte Gaststätte „Schinderhannes“ in das Haus ein.
So haben die Pilaster eine bemerkenswerte Reise durch die Braunschweiger Stadtgeschichte mit einem vielfältigen Publikum hinter sich: von Opernbesuchern über Kunden der Kolonialwarenhandlung bis zu den Gästen des „Schinderhannes“. Mit der Wiedereröffnung des Braunschweigischen Landesmuseums (voraussichtlich Ende 2028) beginnt für zwei von ihnen ein neues Kapitel als Teil der Dauerausstellung am Burgplatz.


