Ausgelassene Hip-Hop-Stimmung, alte Klassiker und Braunschweig-Erinnerungen

Afrob und Ferris MC brachten am Samstagabend ihre „Reimemonster“-Tour ins Schön & Frölich. Dabei wurde es nicht nur laut, sondern auch persönlich.

von Stefan Stümpel


Als Afrob und Ferris MC zum gemeinsamen Springen auffordern, funktioniert das Zusammenspiel zwischen Bühne und Publikum.
Als Afrob und Ferris MC zum gemeinsamen Springen auffordern, funktioniert das Zusammenspiel zwischen Bühne und Publikum. | Foto: @fotobully

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Braunschweig. Zwischen ausgelassener Hip-Hop-Stimmung und alten Klassikern erzählten die beiden Rapper überraschend persönliche Geschichten über Braunschweig. Dabei ging es um drei Hochhäuser, eine Deutschlehrerin im Schwabenland und eine Kultdisco, deren Vergangenheit bis heute nachwirkt.



Es ist Samstagabend, es ist Wochenende, und obendrein ist Halloween. Eigentlich genug Gründe, um ausgelassen zu feiern. Doch als Afrob im Schön & Frölich die Stimmung im Publikum abklopft, fallen die Reaktionen zunächst etwas verhalten aus. „Braunschweig ist anders“, stellt der Rapper fest. Dass sich die Besucher durchaus mitreißen lassen, zeigt sich wenig später. Bei Afrob und Ferris MC wird aus der anfänglichen Zurückhaltung eine ausgelassene Hip-Hop-Party. Und zwischen den Songs erzählen beide Musiker Geschichten, die sie ganz persönlich mit Braunschweig verbinden. Afrob macht es dabei ausgesprochen konkret. „Ich bin hier aufgewachsen in Braunschweig“, erzählt er. Dann erinnert er sich an die Weststadt, an drei Hochhäuser, die damals noch neu gewesen seien. Sogar die Adresse hat er noch im Kopf: Emsstraße 14.

Afrob spricht nicht nur über seine Musik, sondern auch über eine Stadt, in der er einen Teil seines Lebens verbracht hat.
Afrob spricht nicht nur über seine Musik, sondern auch über eine Stadt, in der er einen Teil seines Lebens verbracht hat. Foto: @fotobully



Als er von seinem früheren Wohnviertel spricht, merkt Afrob allerdings, dass offenbar längst nicht jeder im Publikum etwas damit anfangen kann. Das bringt ihn zum Scherzen. Die Weststadt und ihr Ruf als „Ghetto“ liefern ihm eine Steilvorlage, die er selbstironisch aufgreift. Für ihn sind die Hochhäuser allerdings keine bloße Kulisse, sondern ein Stück Kindheit.


„Kinders, das ist reines Deutsch!“


Noch unterhaltsamer wird es, als Afrob von seiner späteren Schulzeit in Stuttgart erzählt. Eine Deutschlehrerin habe ihn eines Tages vor die Klasse geholt und sich zunächst mit ihm unterhalten. Dann habe sie sich zu seinen Mitschülern umgedreht und erklärt: „Kinders, das ist reines Deutsch!“


So wurde der Schwarze Junge aus Braunschweig zum sprachlichen Vorbild seiner Klasse. Und das ausgerechnet in Baden-Württemberg, jenem Bundesland, das jahrelang mit dem selbstironischen Slogan „Wir können alles. Außer Hochdeutsch.“ für sich warb. Es sind solche Erinnerungen, die einem Konzertabend eine besondere Note geben. Afrob spricht nicht nur über seine Musik, sondern auch über eine Stadt, in der er einen Teil seines Lebens verbracht hat. Und er ist damit nicht allein.

Ferris MC und die Erinnerungen an das Jolly Joker


Auch Ferris MC verbindet persönliche Erinnerungen mit Braunschweig. Seine führen allerdings weniger in ein Wohnviertel als vielmehr zurück in das Nachtleben der Stadt – und ausgerechnet an den Ort, an dem er an diesem Samstagabend auf der Bühne steht. Das heutige Schön & Frölich war früher das Jolly Joker, eine Kultdisco, in der Generationen von Braunschweigern gefeiert haben. Für Ferris ist der Name bis heute mit guten Erinnerungen verbunden. Besonders eine Band hat es ihm angetan: Such A Surge.

Auch Ferris MC verbindet persönliche Erinnerungen mit Braunschweig.
Auch Ferris MC verbindet persönliche Erinnerungen mit Braunschweig. Foto: @fotobully


Die Braunschweiger Crossover-Gruppe verband Rock, Metal und Rap und gehörte in den 1990er-Jahren zu den bekannten Vertretern dieser musikalischen Mischung. Dass die Musiker seit vielen Jahren nicht mehr gemeinsam auftreten, findet Ferris noch immer schade. Er erzählt, dass er weiterhin Kontakt zu ehemaligen Bandmitgliedern habe. Insbesondere Bassist Axel Horn habe er wiederholt gefragt, warum die Gruppe nicht noch einmal zusammen Musik mache. Eine für ihn überzeugende Antwort habe er darauf bislang nicht bekommen.

Die Geschichte bekommt durch den Veranstaltungsort eine zusätzliche Bedeutung: Am 23. Februar 2006 spielten Such A Surge ihr Abschiedskonzert im Jolly Joker. Mehr als 20 Jahre später steht Ferris MC in denselben Räumen und spricht darüber, wie gern er die Band noch einmal gemeinsam auf einer Bühne erleben würde.

„Wochenende, Wochenende, hoch die Hände!“


Bei allen Erinnerungen bleibt der Abend vor allem eines: ein Hip-Hop-Konzert, bei dem das Publikum inzwischen bestens mitzieht. „Wochenende, Wochenende, hoch die Hände, Wochenende!“, schallt es von der Bühne. Die Besucher lassen sich nicht lange bitten. Auch als Afrob und Ferris MC zum gemeinsamen Springen auffordern, funktioniert das Zusammenspiel zwischen Bühne und Publikum. Die Stimmung ist ausgelassen, die Beteiligung an den Ansagen der beiden Rapper groß.

Für zusätzliche Unterhaltung sorgen die Scherze über das Älterwerden. „Ich fühle mich wie 20“, heißt es auf der Bühne. Die anschließenden Bemerkungen über körperliche Beschwerden lassen allerdings vermuten, dass das tatsächliche Alter manchmal doch ein Wörtchen mitzureden hat. Dass Afrob und Ferris MC inzwischen auf eine lange musikalische Geschichte zurückblicken können, wird an diesem Abend ohnehin immer wieder deutlich. Bereits 1999 veröffentlichten sie gemeinsam „Reimemonster“, einen der bekannten Songs aus der Hochphase des deutschsprachigen Hip-Hop. Erst 27 Jahre später, im Juni 2026, folgte mit „Ein Fall für Zwei“ ihr erstes gemeinsames Album.

Die Vergangenheit bleibt trotzdem ein wichtiger Bestandteil der Show. Afrob will wissen: „Ihr wollt die alten Sachen hören, habe ich recht?“ Die Antwort des Publikums fällt entsprechend begeistert aus. Auch sein Debütalbum „Rolle mit HipHop“ aus dem Jahr 1999 kommt zur Sprache.

Erinnerung an Alberto Adriano


Zwischen der ausgelassenen Feierlaune gibt es auch einen ernsten Moment. „Unser Bruder Adriano. R.I.P., wir haben dich nicht vergessen“, lautet eine Widmung von der Bühne. Unmittelbar darauf folgt „Adriano (Letzte Warnung)“. Der Song entstand 2001 im Rahmen des Musikerprojekts Brothers Keepers, an dem auch Afrob beteiligt war. Er erinnert an Alberto Adriano, der im Juni 2000 in Dessau Opfer eines tödlichen rassistischen Angriffs wurde. Zahlreiche afro-deutsche Musiker hatten sich damals zusammengeschlossen, um mit dem Lied ein Zeichen gegen rechte Gewalt zu setzen.

Mehr als ein Vierteljahrhundert später hat diese Erinnerung nichts von ihrer Bedeutung verloren. Im Schön & Frölich bekommt sie zwischen den ausgelassenen Hip-Hop-Nummern ihren eigenen Platz. Für Afrob und Ferris MC ist dieser Samstagabend damit mehr als die nächste Station ihrer gemeinsamen Tour. Neben den alten Songs und der neuen Musik sind es vor allem die persönlichen Erinnerungen, die den Auftritt in Braunschweig besonders machen – von der Emsstraße 14 bis zum früheren Jolly Joker.