Mark Forster holt Braunschweig mitten in seine Show

Beim Konzert am Raffteichbad ist das Publikum immer wieder auf besondere Weise Teil der Show.

von Stefan Stümpel


Mark Forster begeisterte das Publikum am Raffteichbad.
Mark Forster begeisterte das Publikum am Raffteichbad. | Foto: @fotobully

Mehr regionalHeute.de bei Google sehen?

Jetzt als bevorzugte Quelle festlegen

Braunschweig. Erst lieh Braunschweig Mark Forster seine Stimme, dann schickte es eine Welle durch die Menge – und am Ende stand ein Mann aus Timmerlah auf der Bühne, der kurze Zeit zuvor noch zu Hause YouTube geschaut hatte. Der Sonntagabend auf der BRAWO‑Bühne am Raffteichbad lebte nicht nur von der Musik, sondern vor allem davon, wie selbstverständlich Forster die Menschen vor der Bühne in seine Show hineinzog. Mit viel Humor, persönlichen Momenten und Ideen, aus denen manchmal ganz eigene kleine Geschichten entstanden. Schon Jenny & Joy hatten dafür gesorgt, dass das Publikum nicht nur zum Zuschauen gekommen war. Bei „Ich denk an dich“ wurde zunächst gemeinsam die Passage „Ich bin“ geübt, bevor wenig später mit „Habt ihr Bock auf Punkrock?“ die nächste Richtung eingeschlagen wurde.



Ganz frisch dabei war ihre erst am Freitag erschienene Single „DHL“ – wobei die Shirts der beiden keineswegs Werbung für einen Paketdienst waren. Hinter den drei Buchstaben verbirgt sich bei Jenny & Joy „Dummer hübscher Lappen“. Passende Shirts gab es am Merchstand, Poster zum Song sogar kostenlos. Und die, versprachen die beiden augenzwinkernd, würden in der heimischen Wohnung garantiert die Frage provozieren: „Was ist das für ein geiles Poster?“ Zum Ende ihres Sets brauchten Jenny & Joy dann nur noch eine Frage zu stellen: „Habt ihr Bock auf Mark Forster?“ Ein lautstarkes „Mark! Mark! Mark!“ gab die Antwort.

Braunschweig bekommt eine Stimme


„Wir haben heute einiges vor mit euch, Braunschweig“, kündigte Forster an. Wie ernst er das meinte, zeigte sich schon bei einem der ersten Experimente. Saxophonist Nils, für viele kein neues Gesicht in Forsters Band, hatte zusätzlich zu seinem Instrument ein Mikrofon mitgebracht. Daraus sollte etwas entstehen, das sich nicht einfach am nächsten Abend wiederholen ließ: ein Sample aus den Stimmen des Braunschweiger Publikums, aufgenommen vor Ort und wenige Minuten später Teil eines Songs.

Forster zählte ein und aus der Menge kam ein gemeinsames „Einmal“ zurück. Danach waren zunächst die Männer, anschließend die Frauen gefragt. Nils nahm alles mit an seinen Rechner und begann, aus den Stimmen das Sample zusammenzusetzen.
Doch einfach nur darauf zu warten, passte offenbar nicht zu diesem Abend. Forster wollte einen Trommelwirbel. Nicht von seiner Band, sondern von Braunschweig. Eine Welle setzte sich durch die Menge in Bewegung, Arme gingen hoch, die Reaktion zog durch das Publikum und begleitete die letzten Sekunden, bis Nils fertig war.

Wenig später hörte Braunschweig die eigene Aufnahme über die Lautsprecher wieder. Gerade noch hatten die Menschen vor der Bühne selbst ihre Stimmen geliefert, nun waren sie Bestandteil des nächsten Songs. Genau solche Momente machten den Abend aus: Forster ließ die Menschen vor der Bühne nicht einfach mitsingen, sondern machte sie immer wieder zu einem echten Teil seiner Show.

Mark Forster bezog das Publikum in seine Show mit ein.
Mark Forster bezog das Publikum in seine Show mit ein. Foto: @fotobully



Zwischen viel Spaß und ernsten Worten


Wie schnell Forster die Stimmung wechseln konnte, zeigte wenig später der „Forsti-Finger“. Weil auch viele Kinder beim Konzert waren, erklärte er kurzerhand den Ringfinger zu seiner Alternative zum Mittelfinger. Natürlich durfte das Publikum die neue Geste gleich ausprobieren. Aus dem Spaß entwickelte sich jedoch eine ernstere Ansage. Forster sprach über Rassismus, Sexismus, Unterdrückung und Ausgrenzung, über das Miteinanderreden und darüber, gemeinsam Lösungen für Probleme finden zu müssen.Am Ende stand ein Satz, der kaum besser zu Mark Forster passen könnte: „Am Ende wird alles gut. Sowieso.“

Auch für die Menschen, die bei einer großen Show gewöhnlich nicht im Mittelpunkt stehen, nahm er sich Zeit. Seine Crew holte Forster zu sich auf die Bühne und fand dafür überraschend persönliche Worte. „Das sind vielleicht nicht die wichtigsten Menschen in meinem Leben, aber mit die wichtigsten Menschen in meinem Leben.“ Für ihn seien sie, sagte er, „meine Familie den ganzen Sommer lang“.

Danach durfte es wieder alberner werden. Die Band saß auf Stühlen mit dem Rücken zum Publikum und drehte sich gemeinsam um. Forster gefiel die offenbar perfekt gelungene Choreografie so gut, dass er dafür ruhig etwas Applaus erwartete. Und wo man schon einmal dabei war, könne man schließlich auch gleich „Zugabe“ rufen. Das ließ sich Braunschweig nicht zweimal sagen.

Starke Show: Mark Forster begeisterte das Publikum.
Starke Show: Mark Forster begeisterte das Publikum. Foto: @fotobully



Eine ganz eigene Nebenhandlung entwickelte sich mit drei Mädchen im Publikum, die weniger an einer Zugabe als an Forsters Haarpracht interessiert waren. Die Mütze sollte runter. Forster machte daraus einen „Hairline Review“ und verwies zunächst auf seinen Instagram-Account – dort sei das Ganze schließlich „fototechnisch alles hinterlegt“. Dass die drei trotzdem nicht lockerließen, quittierte er irgendwann mit der Warnung: „Wenn ihr nicht aufhört, drehen wir uns noch mal rum.“

Zwischen all dem Humor entstanden immer wieder ruhigere Augenblicke. Vor „Was du nicht tust“ erzählte Forster von einem Song, der ungefähr acht Jahre alt sei und zu seinen eigenen Lieblingsstücken gehöre. Trotzdem hatte er ihn bis zu diesem Sommer nie live gespielt. Das Lied führt durch verschiedene Stationen seines Lebens und endet im Alter von 35 Jahren. Heute sei es für ihn besonders, es zu singen – schließlich wisse er inzwischen, wie seine Geschichte danach weitergegangen sei.

Ein Anruf nach Timmerlah


Eine der schönsten Geschichten dieses Abends begann dann mit einer Leiter und einem großen orangefarbenen Herz mitten im Publikum.
Wieder hatte Forster ein Experiment vor. Er habe eine Maschine dabei, erklärte er, mit der er jedes Handy der Welt „anspielen“ könne. Dafür suchte er nun jemanden, der einen Menschen kannte, der gerade nicht beim Konzert war – aber vielleicht noch kommen könnte. So führte die Suche schließlich zu Christina aus dem Braunschweiger Stadtteil Timmerlah und ihrer Tochter Marla. Christinas Mann René war zu Hause geblieben und sollte die Familie später abholen.

Über Christinas Handy klingelte es wenig später bei ihm. Forsters Versuch, sich zunächst als dessen Frau auszugeben, hielt allerdings nicht besonders lange – René erkannte ziemlich schnell, wer da tatsächlich mit ihm sprach. Zu Hause vertrieb er sich gerade mit YouTube die Zeit bis zur späteren Abholung. Forster hatte für diesen Abend allerdings plötzlich einen anderen Plan für ihn: Könne René nicht etwas früher kommen und später gemeinsam mit ihm auf der Bühne „Chöre“ singen? Er konnte. Und da René ohnehin bereits auf YouTube unterwegs war, bekam er gleich noch eine kleine Vorbereitung mit auf den Weg: einfach einmal „C-H-Ö-R-E“ eingeben. „René, bis gleich.“ Die Show ging weiter, doch aus dem Telefonat war inzwischen mehr geworden als nur ein gelungener Gag. Schließlich hatte Forster seinem spontanen Gast einen Platz auf der Bühne versprochen. Und René hielt seinen Teil der Verabredung ebenfalls ein.

Aus YouTube-René wird ein Teil des Konzerts


„Direkt aus seinem YouTube-Zimmer“ begrüßte Forster ihn später als „YouTube-René“ auf der BRAWO-Bühne. Gerade noch hatte der Mann aus Timmerlah zu Hause auf seine Familie gewartet, nun stand er mitten in der Show. Bevor es musikalisch wurde, wollte Forster natürlich noch etwas mehr über seinen unverhofften Gast erfahren – und bekam gleich die nächste Überraschung. René ist Doktor im Ingenieurwesen und arbeitet an selbstfahrenden Autos. Ob Mark Forster selbst noch erleben werde, in einem solchen Auto unterwegs zu sein? „Auf jeden Fall“, war René überzeugt.

Auch das Stehen auf einer großen Konzertbühne war für ihn erstaunlicherweise nicht völlig neu. Bereits 2007 hatte ihn Silbermond aus dem Publikum geholt. Forster quittierte diese Vorgeschichte mit einem seiner schönsten Sprüche des Abends: „Das heißt, das, was ich jetzt mit dir vorhab, die Scheiße macht Silbermond schon seit 20 Jahren, oder was?“
Dann wurde aus dem Telefonat tatsächlich Musik.

René stand neben Mark Forster, die ersten Töne von „Chöre“ erklangen – und der Mann, der an diesem Abend eigentlich nur Fahrdienst für seine Familie spielen wollte, sang vor dem Braunschweiger Publikum gemeinsam mit ihm den Song. Es war ein wunderbar passender Moment für dieses Konzert. Denn genau davon hatte der Abend immer wieder gelebt: von der Leichtigkeit, mit der Forster die Distanz zwischen den Menschen auf und vor der Bühne verschwinden ließ. Mal brauchte er dafür tausende Stimmen. Mal seine Crew. Mal einen Zuruf aus dem Publikum. Und manchmal reichte ein Anruf nach Timmerlah. So wurde aus Mark Forsters Konzert auf der BRAWO Bühne ein Abend, bei dem Braunschweig nicht nur zusah und zuhörte – sondern immer wieder selbst ein Stück der Show wurde.