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Der "Warntag" naht - Warum die Sirenen vielerorts schweigen werden

In den vergangenen 30 Jahren ist das Sirenennetzwerk zur Bevölkerungswarnung verkümmert - Bundesweit gibt es nur noch 1.500 funktionierende Sirenen. Auch in unserer Region gibt es dramatische Unterschiede beim Ausbau der Bevölkerungswarnsysteme.

von Marvin König


Eine neue Sirene auf dem Dach der Grundschule Steterburg in Salzgitter. Über dieses Modell können auch Sprachdurchsagen durchgeführt werden.
Eine neue Sirene auf dem Dach der Grundschule Steterburg in Salzgitter. Über dieses Modell können auch Sprachdurchsagen durchgeführt werden. Foto: Rudolf Karliczek

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03.09.2020

Braunschweig. Goslar hat sie, Salzgitter hat sie, Helmstedt und Gifhorn ebenso. Wolfenbüttel hat sie auch, setzt sie aber nicht ein. Wolfsburg hat sie aufgerüstet und in Peine und Braunschweig sind sie abgebaut worden - die Rede ist von Sirenen. Zum ersten Mal seit der Wiedervereinigung Deutschlands findet am 10. September 2020 ein bundesweiter Warntag statt. Um 11 Uhr sollen alle noch vorhandenen Sirenen im Bundesgebiet, digitale Werbeanzeigen und die Warn-App NINA ausgelöst und erprobt werden. Doch nicht in allen Städten wird der auf- und abschwellende Sirenenton zu hören sein.


Der früher als "Fliegeralarm" oder "Luftschutzalarm" bekannte Bevölkerungswarnton ist ein auf- und abschwellender Warnton. In den Städten und Kreisen, in denen er ertönen wird, soll er laut Marcus Spiller, Pressesprecher und Einsatzleiter bei der Berufsfeuerwehr Salzgitter, vor allem Aufmerksamkeit erzeugen "Im Vordergrund steht tatsächlich dieser 'Weckruf'". Wir haben die Sirenen als ganz schnelles Medium zur Verfügung um die Leute wachzurütteln und ihnen zu sagen: 'mach dein Radio und deinen Fernseher an'." Sobald keine Gefahr mehr besteht, ertönen die Sirenen erneut mit einem einminütigen Dauerton. Spiller ist stolz darauf, dass die Stadt Salzgitter noch so viele Sirenen hat: "Dieser Signalweckruf lässt sich derzeit durch kein Medium darstellen. Es ist nichts besser als so ein heulender, schriller Ton um zu zeigen, da ist was nicht in Ordnung."

Mir ist der Sirenenton noch bekannt, aber meinen Kindern nicht mehr. Ich glaube es gibt nichts Schlimmeres als wenn eine Gefahr besteht und wir die Bevölkerung nicht adäquat warnen können. Das wäre unverzeihlich.

- Marcus Spiller, Berufsfeuerwehr Salzgitter



Die wichtigen Sirenentöne




Sirenenton "Warnung der Bevölkerung". Audio: BBK / ISF Bund-Länder-Projekt


Eine Sirene älterer Bauart. Foto: Pixabay




Sirenenton "Entwarnung". Audio: BBK / ISF Bund-Länder-Projekt

"Der Sender ist egal"


Welchen Sender man nach dem Vernehmen einer Warnung über Sirene, die Warn-App NINA oder andere Quellen einschaltet, sei dabei völlig egal, wie Peter Kropf betont. Er ist Abteilungsleiter für planende Gefahrenabwehr bei der Berufsfeuerwehr Braunschweig. "Es gibt verschiedene Warnstufen, und je nachdem wie wir die Warnung klassifizieren sind die Rundfunkanstalten verpflichtet ihr Programm sofort zu unterbrechen. Das gilt für private wie öffentlich-rechtliche Sendeanstalten, auch im Fernsehen." Je nach Gefahrenpotenzial gebe es Abstufungen: "Bei einer Warnung der mittleren Stufe gilt beispielsweise die Anweisung, die Warnung in den nächsten 10 bis 15 Minuten auszustrahlen."

Kommunen im Besitz der Sirenen


Wolfsburg baut seit 2017 ein Netzwerk aus 50 Sirenen neuester Bauart auf, mit denen sich sogar weithin hörbare Sprachdurchsagen an die Bevölkerung durchführen lassen. Wolfsburg verfüge damit, so Spiller, über das modernste Sirenennetzwerk in ganz Deutschland. Bundesweit gibt es noch zirka 1.500 funktionsfähige Sirenen. Es werden wieder mehr. Auch Salzgitter rüstet auf - 35 Sirenen im Stadtgebiet sind betriebsbereit. Ohne Sirenen müssen derzeit nur die Stadtteile Bad, Lesse und Lebenstedt auskommen. Die vorhandenen Sirenen werden am Warntag eingesetzt

In Braunschweig bleibt es ruhig


Braunschweig gehört hingegen zu den Städten, in denen am 10. September keine Sirenen zu hören sein werden. "Das Problem ist, bis 1993 hatten wir relativ flächendeckend Sirenen in Deutschland. In Braunschweig wurden die nach dem Kalten Krieg weitestgehend abgebaut", berichtet Peter Kropf von der Feuerwehr Braunschweig. Bis 1993 gab es in der Bundesrepublik die "Warnämter", die einheitliche Sirenensignale vorschrieben. Nach Ende des Kalten Krieges hielt man die massiv angelegten Warnämter, häufig mit eigenem Bunker, für verzichtbar. "Was dann noch an Sirenen da war, wurde bundesweit in die Obhut der Kommunen gegeben", so Kropf weiter. Ein Dilemma für den Bevölkerungsschutz: "Jetzt kann eigentlich jeder Landkreis, jede kreisfreie Stadt, seine eigenen Signale festschreiben. Das ist blöde. Gott sei Dank nutzen die meisten die Signale von früher."

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Auch in Peine wird man auf die Warnung per Sirene verzichten müssen. Landkreissprecher Fabian Laaß teilt mit: "Die Sirenen wurden größtenteils abgebaut - die Alarmierung erfolgt auf elektronischem Wege."

In Wolfenbüttel heulen die Sirenen nur für die Feuerwehr


Kompliziert wird die Angelegenheit im Landkreis Wolfenbüttel - Im Kreis bestehen grundsätzlich genug funktionstüchtige Sirenen, einsetzen wolle man sie jedoch am 10. September nicht. "Sirenen wurden nach dem Ende des Kalten Krieges aus dem Warnsystem des Katastrophenschutzes herausgenommen, die Leitstelle kann also nicht über Sirenen warnen. Erst seit 2019 gibt es wieder eine bundesweite Empfehlung, einen ein-minütigen auf- und abschwellenden Heulton zu verwenden", begründet Andree Wilhelm. Im Ernstfall wolle man stattdessen über die Warn-App NINA warnen, Medien informieren und falls nötig mit Lautsprecherwagen durch den Landkreis fahren. "Sirenen haben im Einzelfall weiterhin Verwendung zur Alarmierung von lokalen Feuerwehren", merkt Wilhelm an.

Auf die Rückfrage, weshalb Wolfenbüttel die Empfehlung aus dem Jahre 2019 nicht umsetze, heißt es vonseiten des Landkreises, dass der Landkreis als untere Katastrophenschutzbehörde über keine eigenen Sirenen verfüge. Die Samt und Einheitsgemeinden könnten sie nur zur Feuerwehralarmierung benutzen. "Die Nutzung von Sirenen zur Bevölkerungswarnung ist eine Empfehlung, keine Verpflichtung", so der Landkreis. Auch die technische Ausstattung spielt beim Vorhandensein von Sirenen eine Rolle - viele vorhandene Geräte sind schlicht nicht in der Lage, den auf- und abschwellenden Bevölkerungswarnton wiederzugeben und müssen erst darauf umgestellt werden.

"Etwa die Hälfte der Kommunen verfügt über Sirenen"


Annette Schütze vom Fachbereich Brand- und Katastrophenschutz bestätigt den Einsatz von Sirenen im Landkreis Helmstedt zum Warntag immerhin teilweise: "Ja, es ist vorgesehen im Landkreis Helmstedt zum Warntag auch per Sirene zu alarmieren. Die Sirenen sind im Besitz der kreisangehörigen Kommunen." Etwa die Hälfte der Kommunen im Landkreis verfüge noch über Sirenen, die sie bei Bedarf eigenständig einsetzen können. Der Landkreis ist hier außen vor.

Goslar haut auf den Putz


Im Landkreis Goslar sitzt der Schock nach dem folgenreichen Hochwasser im Jahr 2017 noch immer tief. Der Landkreis hat daher in den letzten Jahren einiges in Bewegung gesetzt, um das Bevölkerungswarnsystem auszubauen. "Im Gebiet der Städte Goslar und Seesen sowie in Neuwallmoden wird die Bevölkerung mit einem extra hierfür vorgesehenen Sirenensignal gewarnt. Daneben haben der Landkreis und die Stadt Goslar je zwei mobile Sirenenanlagen beschafft", erläutert Landkreissprecher Maximilian Strache. Alle Städte und Gemeinden im Landkreis verfügen über Sirenen - doch noch seien nicht alle mit dem Bevölkerungswarnsignal versehen.

Auch lassen es sich Stadt und Landkreis nicht nehmen, am Warntag ihre mobilen Sirenen zu testen. Diese werden am 10. September um 11 Uhr am Moritz-von-Sachsen Platz in der Altstadt ausgelöst, sowie in Vienenburg in der Radaustraße/Goslarer Straße. Die mobilen Sirenen des Landkreises werden an den Standorten in Alt Wallmoden im Bereich des Dorfgemeinschaftshauses und in Bad Harzburg zwischen Westerode und Bettingerode erprobt. Um 11:20 Uhr erfolgt das Entwarnungssignal.

Ein Sirenennetzwerk verkümmert


Der bundesweite Warntag ist der Höhepunkt einer jüngeren Entwicklung im Bewusstsein, die Bevölkerung wieder effektiv warnen zu wollen, die bereits im Jahr 2001 ihren Anfang nahm. Schon 1992 einigte man sich im Vorfeld der Übergabe der Sirenen an die Kommunen darauf, die Bevölkerung lieber per Rundfunk statt per Sirene zu warnen. Das vorhandene Sirenennetzwerk wurde den Kommunen dann zur Übernahme angeboten, die damit sehr individuell umgingen. In vielen Fällen wurde der Unterhalt der Systeme als zu teuer empfunden und die Geräte wurden außer Betrieb genommen.

Rauchwarnmelder als Sirene der Zukunft?


Im Jahr 2001 ging zunächst das vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) entwickelte Satelliten-Warnsystem "SatWaS" an den Start, mit dem Warnmeldungen an den Rundfunk ausgespielt wurden. "Neben den Rundfunkanstalten erhielt zum Beispiel auch die Deutsche Bahn die Meldungen und konnte dann Durchsagen in ihren Zügen veranlassen", kommentiert Peter Kropf von der Berufsfeuerwehr Braunschweig. 2013 wurde "SatWaS" zum Modularen Warnsystem "MoWaS" aufgerüstet, zu dem auch die internetbasierten Warnmöglichkeiten wie die Warn-App NINA gehören. Kropf wagt einen Blick in die Zukunft: "Man plant tatsächlich, ob man nicht auch Rauchwarnmelder ansprechen kann, dass die im Katastrophenfall piepen!"

Ob und welche Gemeinden noch über Sirenen verfügen und ob diese auch tatsächlich in der Lage sind, den Bevölkerungswarnton wiederzugeben würde den Rahmen der Berichterstattung zum Warntag wohl sprengen. Fest steht: Es gibt große Unterschiede darin, wie die Landkreise, Städte und Kommunen ihre Sirenen wahrnehmen, nutzen und seit dem kalten Krieg instand gehalten haben. Wo der Warnton erklingen wird, zeigt sich also erst abschließend am 10. September. Und in einigen Städten hilft nur der Blick auf das Smartphone, um festzustellen, ob eine gefährliche Situation im Anflug ist.

Download der kostenlosen Warn-App Nina

Weitere Informationen auf der Website zum Warntag


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