Gewalt gegen Lehrkräfte nimmt dramatisch zu

Immer mehr Angriffe an Niedersachsens Schulen. Verbale Attacken, körperliche Übergriffe und Hetze im Netz gehören für viele Lehrkräfte inzwischen zum Alltag.

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Niedersachsen. In Niedersachsen geraten Lehrkräfte immer häufiger ins Visier von Straftaten. Das Landeskriminalamt (LKA) Niedersachsen registrierte 2021 landesweit 74 Fälle, in denen Lehrerinnen und Lehrer im Schulkontext als Opfer geführt wurden. 2025 waren es 241.



Erfasst sind verbale Angriffe und körperliche Attacken. Schulen melden außerdem Fälle, in denen Beschäftigte heimlich fotografiert oder gefilmt und die Aufnahmen über Messenger oder soziale Netzwerke verbreitet werden. Die polizeiliche Kriminalstatistik berücksichtigt nur angezeigte Taten und nur nach Abschluss der Ermittlungen. Ob daraus Anklagen oder Verurteilungen folgen, bleibt offen.

Tausende Delikte an Schulen registriert


Für 2025 weist das Landeskriminalamt 4.975 Straftaten im Schulkontext aus. 2.735 davon fallen unter Rohheitsdelikte, also Straftaten, die sich unmittelbar gegen Menschen richten, etwa Körperverletzung, Bedrohung oder Nötigung. Den größten Block bilden Körperverletzungsdelikte. Die Polizei zählte 2.078 Fälle, darunter 1.461 vorsätzliche einfache Körperverletzungen. 582 Taten stuften die Ermittler als gefährliche oder schwere Körperverletzung ein.

In die Statistik gehen außerdem 425 Beleidigungen und 310 Sachbeschädigungen ein. Hauptbetroffene sind weiterhin Kinder und Jugendliche. Bei Lehrkräften steigt die Zahl der Opfer deutlich.

Beschimpfungen und Drohungen


Wie weit Gewalt den Schulalltag durchzieht, zeigt eine Umfrage des Philologenverbandes Niedersachsen unter rund 950 Lehrkräften im aktiven Dienst. Etwa 70 Prozent berichten von verbalen Angriffen. Sie nennen Beschimpfungen, Bedrohungen, Diskriminierungen und Mobbing. Mehr als jede fünfte befragte Person hat körperliche Gewalt erlebt.

Im Netz setzen sich die Angriffe fort. Lehrkräfte melden veröffentlichte Fotos und Videos sowie Preisgaben persönlicher Daten ohne Zustimmung. Viele Betroffene werden auch nach Schulschluss mit den Folgen konfrontiert.

Umgang der Behörden in der Kritik


Viele Lehrkräfte fühlen sich nach Gewalterfahrungen ungeschützt. Über 70 Prozent der Befragten geben an, keine ausreichende Sicherheit zu erleben. 87 Prozent sehen die Reaktion des Kultusministeriums kritisch.

Für den Vorsitzenden des Philologenverbandes Niedersachsen, Dr. Christoph Rabbow, sind die Ergebnisse ein deutliches Warnsignal. „Alarmierend ist, dass sich unsere Lehrkräfte vom Kultusministerium alleingelassen fühlen und der Dienstherr nicht als Hilfe bei den Gewalterfahrungen – insbesondere im digitalen Bereich – wahrgenommen wird. 87 Prozent bewerten die Reaktionen des Ministeriums als unzureichend. Wir fordern daher ein Gesamtkonzept zum Umgang mit Gewalt in den Schulen, das alle an Schulen Beteiligte einbezieht.“

Der Verband verlangt, Lehrkräfte ausdrücklich als besonders schutzbedürftige Gruppe zu berücksichtigen. Bisher richten sich viele Regelungen vor allem an Schülerinnen und Schüler. Zudem geht der Verband von einer hohen Dunkelziffer aus. Rund 40 Prozent der Betroffenen wenden sich nach Vorfällen nicht an die Schulleitung. Entsprechende Taten fehlen in schulischen Dokumentationen und in der Kriminalstatistik.

Folgen bis in den privaten Bereich


Mehr als die Hälfte der befragten Lehrkräfte spricht von starken psychischen Belastungen infolge der Gewalterfahrungen. Weitere 31 Prozent stufen die Auswirkungen als sehr stark ein. Viele berichten von anhaltender Verunsicherung und erhöhter Anspannung im Beruf.

Die Erfahrungen beeinflussen auch Karriereentscheidungen. Ein Drittel der Befragten würde sich unter den heutigen Bedingungen nicht noch einmal für den Lehrerberuf entscheiden. Der bestehende Personalmangel und die hohe Arbeitsbelastung an vielen Schulen verschärfen sich dadurch weiter.

Gesellschaftliche Entwicklung als Ursache?


Das Niedersächsische Kultusministerium stuft Gewalt an Schulen als gravierendes Problem ein. Jeder Vorfall sei einer zu viel und nicht hinnehmbar. Nach Einschätzung des Hauses schlagen sich gesellschaftliche Konflikte zunehmend im Schulbetrieb nieder. „Schulen sind keine abgeschlossenen Räume, sondern Teil des gesellschaftlichen Lebens – mit all seinen Spannungen, Konflikten und Dynamiken“, sagt Bela Mittelstädt, stellvertretender Pressesprecher des Niedersächsischen Kultusministeriums, auf regionalHeute.de-Anfrage.

Besonders aufmerksam verfolgt das Ministerium Berichte über aggressive Verhaltensweisen bereits bei jüngeren Kindern. Mobbing und Cybermobbing beschäftigen die Schulen verstärkt.

Schon in der 5. Klasse


Aus den Einrichtungen kommt die Rückmeldung, dass Kinder schon in den Klassen fünf und sechs mit Gewaltdarstellungen, Fake News, Hass, Pornografie oder extremistischen Inhalten in Berührung kommen. Viele Eltern seien mit der Regulierung digitaler Medien überfordert oder nur unzureichend über rechtliche Grenzen informiert.

Kultusministerin Julia Willie Hamburg plädiert daher für eine verbindliche Altersgrenze von mindestens 14 Jahren für soziale Medien und für wirksame Alterskontrollen.

Neue Vorgaben sollen Schulen entlasten


Das Land überarbeitet derzeit den Gewaltpräventionserlass. Nach Angaben des Ministeriums steht das Verfahren kurz vor dem Abschluss. Ein Interventionsleitfaden soll künftig vorgeben, wie Schulen bei Gewalttaten vorgehen und ab welchem Punkt Polizei, Jugendhilfe oder weitere Stellen eingeschaltet werden. Geplant ist außerdem eine engere Kooperation von Schulen, Jugendhilfe, Polizei und Justiz. Zuständigkeiten sollen klar definiert, Abläufe beschleunigt werden.

Die Präventionskonzepte der Schulen werden erweitert und um Schutzkonzepte gegen sexuelle Gewalt ergänzt. Lehrkräfte, Schulsozialarbeit und weiteres Personal sollen dafür zusätzliche Materialien und konkrete Handlungsempfehlungen erhalten.

Neue Stellen in der Sozialarbeit


Als Teil des Maßnahmenpakets verweist das Ministerium auf mehr Stellen in der Schulsozialarbeit und der Schulpsychologie. Im Rahmen des Startchancen-Programms sollen rund 380 Vollzeiteinheiten für schulische Sozialarbeit entstehen. Für die Schulpsychologie kamen im Haushaltsjahr 2024 36 Stellen hinzu.

Gemeinsam mit den Regionalen Landesämtern für Schule und Bildung entsteht zudem eine Beratungsstruktur für rechtliche Auseinandersetzungen. Betroffene sollen schneller juristische Unterstützung finden. Wann der neue Gewaltpräventionserlass in Kraft tritt, ist noch offen.