Goslar und Northeim bringen gemeinsam virtuellen Leitstellenverbund auf den Weg

Der Zusammenschluss soll beide Einheiten für die Zukunft stärken und das Fortbestehen der Standorte sichern.

Im Januar 2021 startete der Landkreis Goslar das Pilotprojekt „Telenotfallmedizin“. Die Notfallsanitäter vor Ort kommunizieren über Telefon und Video mit dem Notarzt in der Rettungsleitstelle. Durch die Telenotfallmedizin wird die Verfügbarkeit der Ressource Notarzt erhöht.
Im Januar 2021 startete der Landkreis Goslar das Pilotprojekt „Telenotfallmedizin“. Die Notfallsanitäter vor Ort kommunizieren über Telefon und Video mit dem Notarzt in der Rettungsleitstelle. Durch die Telenotfallmedizin wird die Verfügbarkeit der Ressource Notarzt erhöht. | Foto: Landkreis Goslar

Goslar. Gut zwei Stunden tagte am vergangenen Dienstag der Ausschuss für Ordnung, Rettungswesen, Gesundheit und Verbraucherschutz unter dem Vorsitz von Ulrich Eberhardt in der Feuerwehrtechnischen Zentrale in Goslar. Das berichtet die Landkreisverwaltung am heutigen Montag.



Ein Teil der Veranstaltung fand in hybrider Form gemeinsam mit der Sitzung des Ausschusses für Brand- und Katastrophenschutz des Landkreises Northeim statt. Dieser tagte zeitgleich im Northeimer Kreishaus unter dem Vorsitz von Edgar Martin, beide Gremien waren einander per Videokonferenz zugeschaltet. Hintergrund der gemeinsamen Sitzung war die landkreisübergreifende Zusammenarbeit im Bereich des Rettungswesens, die in Zukunft noch gestärkt werden soll.

Ärzte ziehen Fazit


Zunächst stellten die Ärztlichen Leiter der Rettungsdienste, Dr. Tobias Steffen (Goslar) und Dr. Bodo Lenkewitz (Northeim) die Ergebnisse der Telenotfallmedizin vor, die als gemeinsames Projekt im Jahr 2019 startete. Im Anschluss dazu befassten sich die Mitglieder beider Gremien mit der Bildung eines virtuellen Leitstellenverbundes.

Dass sich die Telenotfallmedizin seit ihrer Einführung eindeutig bewährt hat, bekräftigten auch Dr. Steffen und Dr. Lenkewitz mit ihrem Vortrag: 3609 Einsätze dieser Art gab es bislang, in 98,9 Prozent dieser Einsätze ergab sich eine sichere Patientenversorgung – nur in 1,1 Prozent kam es zu technischen Störungen. In 1,9 Prozent der Fälle musste aus medizinischen Gründen ein Notarzt an den Einsatzort ausrücken. Auch Teamarbeit und Kommunikation wurden von den Beteiligten als sehr gut bewertet. Rund vier Mal pro Tag sind die Telenotärzte des Projektes gefordert, um Rettungs- und Notfallsanitäter zu unterstützen.

Goslar und Northeim als Vorreiter


Aktuell erfolgt die Versorgung bereits im Landkreis Goslar und Northeim sowie in der Stadt Hildesheim. Das Ziel des Niedersächsischen Ministerium für Inneres und Sport lautet jetzt, die Telenotfallmedizin flächendeckend und landesweit einheitlich auszurollen. Alle Rettungswagen, Notfallkrankenwagen und Notarzteinsatzfahrzeuge in Niedersachsen sollen so die Möglichkeit haben, die telenotfallmedizinische Unterstützung auf einem einheitlich hohen Niveau und einer rechtlich gesicherten Basis anfordern zu können. Die Ergebnisse des Projektes in Goslar und Northeim sollen dafür als Grundlage dienen. „Wir beeinflussen das Thema immens, mittlerweile sogar bundesweit“, stellte Dr. Tobias Steffen während der Sitzung fest. „Auch die dreitägige Ausbildung, die die Ärzte für den Einsatz in der Telenotfallmedizin benötigen, wird von uns mitgestaltet.“

Auf der Basis dieser erfolgreichen Zusammenarbeit zwischen den Landkreisen Goslar und Northeim soll auch der virtuelle Leitstellenverbund fußen. Bei beiden Standorten handelt es sich im Landesvergleich um eher kleinere Einheiten, die jeweils Gebiete mit 130.000 Einwohnerinnen und Einwohner versorgen, wobei in Goslar zusätzlich der Tourismus berücksichtigt wird. Mit dem Zusammenschluss soll das Fortbestehen beider Leitstellen auch angesichts des wirtschaftlichen Drucks seitens der Krankenkasse als Kostenträger für den Rettungsdienst gesichert. Gleichzeitig ist dies ein Weg, um die Qualität der notfallmedizinischen Versorgung auf regionaler Eben zu erhalten und weiter zu fördern.
Erste Kreisrätin Regine Breyther bekräftigte das Vorhaben: „Der virtuelle Leitstellenverbund ermöglicht es uns, Redundanzen und gleichzeitig Ressourcen zu schaffen, die wir bei Bedarf freisetzen können. Ich halte dies für den richtigen und zukunftsweisenden Weg für unsere Notfallversorgung“, erklärte sie. „Die Zusammenarbeit der Landkreise hat in der Telenotfallmedizin bislang sehr gut funktioniert. Daher bin ich der Meinung, dass Northeim der richtige Partner für uns ist, mit dem wir auf Augenhöhe weiter gemeinsam arbeiten werden.“

Die Aussicht, mit einer weitreichenderen Zusammenarbeit beide Leitstellen zu stärken, überzeugte auch die Mitglieder der jeweiligen Ausschüsse: Sowohl der Goslarer Ausschuss für Ordnung, Rettungswesen, Gesundheit und Verbraucherschutz als auch der Northeimer Ausschuss für Brand- und Katastrophenschutz empfahlen den Zusammenschluss einstimmig.

Aufgrund eines Antrages der Gruppe WGL/Bürgerliste befasste sich der Ausschuss des Landkreises Goslar in seiner Sitzung anschließend mit den Standorten von Defibrillatoren im Landkreis Goslar. Der ursprüngliche Antrag sah vor, die Verwaltung mit der Beschaffung von fünf weiteren Geräten zu beauftragen, um diese im Kreisgebiet zu verteilen. Einen Anlass, neue Defibrillatoren zu erwerben, sah die Verwaltung derzeit nicht: Die KreisWirtschaftsBetriebe Goslar (KWB) verfügen noch über drei Geräte aus dem Rettungsdienst. Eine Abfrage bei den Kommunen, um weitere Standorte zu finden, sei aber auf kein weiteres Interesse gestoßen, erklärte Erste Kreisrätin Regine Breyther. Daher haben die KWB angeboten, diese nach medizinischen Gesichtspunkten eigenständig zu verteilen. Ausschussmitglied Patrick Kriener (SPD) stellte daraufhin den Änderungsantrag, dass dieses Ziel weiterverfolgt und darüber hinaus eine Übersicht der bisherigen Standorte von Defibrillatoren in kreiseigenen Gebäuden erstellt werden soll – ein Vorschlag, dem die Ausschussmitglieder mehrheitlich folgten.

Kriseninterventionsteam stellte sich vor


Im weiteren Verlauf der Sitzung wurde zudem die Arbeit des Kriseninterventionsteams (KIT) durch dessen stellvertretenden Leiter Daniel Müller vorgestellt. Die Mitglieder des KIT stehen Menschen in schwierigen Situationen bei, helfen beispielsweise bei der Stressbewältigung nach belastenden Einsätzen, begleiten die Polizei beim Überbringen von Todesnachrichten und bieten psychosoziale Unterstützung bei Großschadenslagen. 243 Mal wurden die Helferinnen und Helfer im Jahr 2022 alarmiert.

Müller stellte dabei nicht nur vor wie oft, sondern auch aus welchen Gründen die Mitglieder des Teams angefordert wurden, die Einsatzindikationen verteilten sich hierbei wie folgt: Erfolglose Reanimation: 121 Einsätze; Überbringung von Todesnachrichten: 71 Einsätze; akute Belastungsstörungen: 27 Einsätze; Großschadensereignisse: 12 Einsätze; psychischer Ausnahmezustand: 6 Einsätze; Plötzlicher Kindstod: 4 Einsätze; kreisübergreifende Unterstützung: 2 Einsätze.

In 131 Fällen wurde das KIT durch den Rettungsdienst alarmiert, ebenso forderten die Polizei (41 Einsätze), Krankenhäuser (19 Alarmierungen), die Feuerwehreinsatz- und Rettungsleitstelle (14 Einsätze) und die Feuerwehr (8 Einsätze) die Unterstützung an. Darüber hinaus rückten die Helferinnen und Helfer 30 Mal zu Privatpersonen aus, hier handelte es sich in der Regel um Nachsorgetermine, erklärte Müller.
Insgesamt kam das KIT im vergangenen Jahr somit auf rund 646 Einsatzstunden – ein Engagement, für das Ausschussvorsitzender Ulrich Eberhardt dem gesamten Team im Namen des Gremiums noch einmal einen Dank aussprach.


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