Tschernobyl-Zeitzeugen zu Gast in Adolf-Grimme-Gesamtschule


vorne v.l.n.r. Paul Koch (ehemaliger sozialdiakon), Adam Varanets (Zeitzeuge), Svetlana Margolina (Dolmetscherin), Klaudziya Varanets (Zeitzeugin) Foto: Sabine Rehse
vorne v.l.n.r. Paul Koch (ehemaliger sozialdiakon), Adam Varanets (Zeitzeuge), Svetlana Margolina (Dolmetscherin), Klaudziya Varanets (Zeitzeugin) Foto: Sabine Rehse Foto: Sabine Rehse

Goslar. Anlässlich des 31. Jahrestages der Tschernobyl-Katastrophe besuchten vergangenen Freitag, 28. April, zwei Zeitzeugen aus Weißrussland die Schüler in der Adolf-Grimme-Gesamtschule.


Am 26. April jährte sich die Atomreaktorkatastrophe von Tschernobyl zum 31. Mal. Anlässlich des Jahrestages besuchten zwei Zeitzeugen die Adolf-Grimme-Gesamtschule. Damit wurde eine Reihe von Aktionen im Rahmen der UNESCO-Arbeit der AGG fortgesetzt, welche die Erinnerung an wichtige historische Ereignisse wachhält und zum Handeln in der Gegenwart aufruft.

31 Schülerinnen und Schüler des 10. Jahrganges sowie ihre Lehrerin Sabine Rehse folgten aufmerksam den Erzählungen der Zeitzeugen Adam und Klaudziya Varanets aus Weißrussland, welche durch die Dolmetscherin Svetlana Margolina simultan übersetzt wurden. Begleitet wurden die Gäste von Paul Koch, Sozialdiakon im Ruhestand, welcher im Rahmen der „Europäischen Aktionswochen für eine Zukunft nach Tschernobyl und Fukushima“ Zeitzeugengespräche und weitere Veranstaltungen ehrenamtlich organisiert.

Zeitzeugen berichten


Adam und Klaudziya Varanets wohnten am 26. April 1986 mit ihrer 5-jährigen Tochter und ihrem 7-jährigen Sohn nur 25 Kilometer vom AKW-Tschernobyl entfernt und arbeiteten als Lehrer. Klaudzija Varanets erklärte, dass damals jedes Jahr ein großes Sportturnier für Kinder unter dem Motto „Hoffnungsträger am Start“ veranstaltet wurde. Auch am 28. April 1986 - zwei Tage nach dem Unfall im nahegelegenen Atomkraftwerk - wurde der Wettkampf nicht abgesagt.

An diesem Sonntag kamen die Sechst- und Siebtklässler aus dem ganzen Landkreis ins Sportstadion. Es war mit 28 bis 30 Grad Celsius ungewöhnlich heiß. „Viele Kinder hatten Nasenbluten und fielen in Ohnmacht. Wir dachten, es sei wegen der Hitze. Im Bus, unterwegs nach Hause, hörten wir von anderen Fahrgästen das Gerücht, dass sich im Atomkraftwerk Tschernobyl ein Unfall ereignet hatte. Doch wir fürchteten die Radioaktivität nicht besonders, weil wir keine Ahnung hatten, was das eigentlich bedeutete. Wir freuten uns sogar über die Abkühlung durch den Regen, wurden bis auf die Haut nass und unsere Kinder spielten in den Pfützen. Die Behörden schwiegen - auch die Mediziner sagten nichts“, erzählte Klaudzija Varanets.

Erst fünf Tage nach dem atomaren Unfall wurden alle Kinder aus dem Dorf evakuiert und in ein Pionierlager gebracht. Die Erwachsenen mussten aber im Dorf bleiben, um bei der Dekontamination zu helfen. „Wir säuberten den ganzen Sommer Dächer, Mauern und Straßen und trugen dieobere Bodenschicht ab. Für diese Arbeit wurden wir als „Liquidatoren“ mit Medaille und Ausweis ausgezeichnet. Aber die wochenlange Arbeit half nicht gegen die Strahlenbelastung. Im September 1986 kam der Befehl zur Evakuierung unseres Dorfes“, berichtete Adam Varanets.

Menschen leiden unter den Folgen


Vor der Katastrophe war Klaudzija Varanets gesund, kurze Zeit danach bekam sie mehrere Krankheiten: Schilddrüsenerkrankung, Schlaganfall, Magenprobleme. Die Tochter erkrankte an Krebs. Sogar die Enkelin erhielt bereits mit 5 Jahren die Diagnose „Arthritis“.

Die Schülerinnen und Schüler stellten den Zeitzeugen viele Fragen. Diese reichten inhaltlich von Parallelen zu Fukushima über die politische Situation Weißrusslands bis zur aktuellen Strahlenbelastung im Wohnort der Familie Varanets. „Heute versucht man bei uns die Tragödie von Tschernobyl zu vergessen. Man behauptet, bei uns sei alles in Ordnung. Aber das stimmt nicht“, betonte das Ehepaar aus Belarus und wies auf die vielen Krebserkrankungen in ihrem Dorf hin.


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