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"Grüner Platz" am Limit - Kann der Busverkehr aus dem Stau geholt werden?

Die Kreuzung hat keinerlei Kapazitätsreserven mehr. Dennoch hat ein Verkehrsplanungsbüro aus Darmstadt versucht, das beste für Bus und Auto rauszuholen.

von Marvin König


Um nach links auf die Straße Am Herzogtore abzubiegen, müssen Busse hier drei Fahrstreifen überqueren - lange Wartezeiten sind die Folge.
Um nach links auf die Straße Am Herzogtore abzubiegen, müssen Busse hier drei Fahrstreifen überqueren - lange Wartezeiten sind die Folge. Foto: Anke Donner

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11.09.2020

Wolfenbüttel. Die Kreuzung "Grüner Platz" ist am Belastbarkeitslimit. Zu diesem Ergebnis kam eine Untersuchung der R+T Verkehrsplanung GmbH aus Darmstadt, die am gestrigen Dienstag im städtischen Bauausschuss vorgestellt wurde. Das Büro sollte im Rahmen des neuen Stadtbuskonzeptes untersuchen, ob sich an den langen Wartezeiten der Busse an dieser Kreuzung etwas verbessern lässt. Im Ergebnis kommt keine der möglichen Lösungen ohne Kompromisse für den übrigen Verkehr aus - Denn die Kreuzung habe schlicht keine Kapazitätsreserven mehr.


Der Bus muss um von der Bushaltestelle "Grüner Platz" von der "Friedrich-Wilhelm-Straße"/ B 79 nach links in die Straße "Am Herzogtore" abzubiegen drei Spuren überqueren. Durch den Rückstau an der roten Ampel kommt es zu Wartezeiten von bis zu 83 Sekunden. Christina Kugel vom Verkehrsplanungsbüro: "Wir kommen im Ergebnis zu der Aussage, dass alle Knotenpunkte prinzipiell leistungsfähig sind. Die Grundlage für diese Erhebung sind Zahlen aus den Jahren 2005, 2016 und 2020. Anhand dessen haben wir mit der Wartezeit gerechnet und die Kreuzungen von A bis F eingestuft, bis zur Leistungsstufe D gilt die Kreuzung als Leistungsfähig. E und F sind nicht mehr hinnehmbar." Die Ingenieurin zeigt eine Karte. Am Besten schneidet in der Umgebung der südlich gelegene Kreisverkehr am Rosenwall mit Leistungsstufe A am Vormittag und B am Nachmittag ab. Andere umliegende Kreuzungen hat die Ingenieurin Vor- und Nachmittags auf C eingestuft. Nur der "Grüne Platz" ist schon in Kategorie D - und verfügt somit über eingeschränkten Spielraum für Verbesserungen.

Insgesamt habe man sieben Varianten erarbeitet, welche die Wartezeiten für den Bus verkürzen könnten. Dann wurde anhand verschiedener Kriterien eine Pro-Contra-Bewertung vorgenommen, sodass am Ende vier Varianten in die engere Auswahl kamen. Aufgrund der fehlenden Kapazitätsreserven hätte sich laut Kugel jedoch bei fast allen ein Problem ergeben: "Wir bekommen hohe Rückstaulängen, die sich nicht mehr abbauen lassen." Dies beeinflusse dann teilweise sogar weitere Verkehrsknotenpunkte. Drei der vier Varianten hätten zwar große Vorteile für den Bus, jedoch nicht hinnehmbare Folgen für den sonstigen Verkehr.


Die Variante einer Haltestelle in Mittellage. Foto: R+T Verkehrsplanung GmbH


Besonders hebt Kugel eine Variante hervor, bei der die Bushaltestelle auf die Mittelinsel verlegt wird. Fahrgäste müssten dann, ähnlich wie bei Straßenbahnen üblich, zunächst die Fußgängerampel überqueren. Der Bus würde jedoch direkt auf der Linksabbiegerspur stehen und würde keine Zeit mehr durch das queren von Fahrstreifen verlieren.

Ampel spielt eine große Rolle


Doch neben dem großen Problem, sich über mehrere Fahrspuren in den Rückstau an der Ampel einzufädeln spiele auch die Wartezeit an der Ampel eine Rolle. Denn um die Wartezeit für den Bus nennenswert zu verkürzen, muss der Bus in die Ampelsteuerung eingreifen und die Abfolge der Ampelphasen zugunsten des ÖPNV beeinflussen: "Die eingeschränkte Leistungsfähigkeit kommt nicht von der Haltestelle in Mittellage, sondern kommt davon, dass der Bus so direkt eingreift. Die Kreuzung ist an ihrer Kapazitätsgrenze." Die Lösung könnte eine sogenannte "teilverkehrsabhängige Ampelsteuerung" bieten, bei welcher die Ampelphasen beibehalten werden, dem vom Bus genutzten Linksabbieger jedoch mehr Zeit zum Abbiegen eingeräumt wird. Hierfür würde die Grünphase des Gegenverkehrs nur marginal verkürzt.

Das Modell "Busschleuse"


Funktionieren soll diese teilverkehrsabhängige Ampelsteuerung zusammen mit der sogenannten "Busschleuse". Hierfür würde vor der Einmündung der Professor-Plücker-Straße eine zusätzliche Ampelanlage für den Fahrstreifen von "Am Herzogtore" in Richtung "Grüner Platz" errichtet werden, die unter Berücksichtigung verschiedener Parameter den Fahrstreifen für den Autoverkehr sperrt.


Das Modell der Busschleuse scheint das vielversprechendste zu sein. Rechts im Bild die Haltelinie für die Ampel vor der Professor-Plücker-Straße Foto: R+T Verkehrsplanung GmbH


Der Bus könnte sich so schnell in die Linksabbiegerspur in Richtung Kreisverkehr einordnen und über die Teilverkehrsabhängige Ampelsteuerung auch bevorzugt nach links abbiegen. "Natürlich werden die Autos an der neuen Ampel angehalten, aber die Einschränkungen sehr gering. Die Rückstaulängen, die da entstehen, beeinflussen keine weiteren Knotenpunkte. „Leider“, durch die eingeschränkte Leistungsfähigkeit des Linksabbiegers, kann für den Bus nicht so eine Verbesserung eingeleitet werden, wie bei den anderen Modellen", erklärt Kugel. Es sei jedoch von einer Wartezeitverbesserung von bis zu 40 Sekunden auszugehen. Sobald der Bus die Kreuzung passiert hat, springt die Ampel wieder zurück in ihr normales Programm.

Weitere Optionen scheiden aus


Der Ausschussvorsitzende Uwe Kiehne ist von der Busschleuse nicht überzeugt: "Wurde berücksichtigt, dass in der Busschleuse der zweite oder dritte Bus stehen kann? Wenn ein Bus aus der Ahlumer Siedlung oder aus Linden kommt, steht der doch dann zweimal im Stau." Kugel beruhigt, dass die Ampel der Busschleuse nicht umschaltet, wenn sich bereits ein zweiter Bus auf der Friedrich-Wilhelm-Straße unterwegs ist. Doch wirkliche Begeisterung kommt auch bei den anderen Ausschussmitgliedern nicht auf. Bürgermitglied Andreas Bäumann fragt sich, ob bei der Analyse auch geprüft wurde, ob man für die Kreuzung auf zweispuriges Linksabbiegen erweitern könnte. Stadtbaurat Ivica Lukanic bezweifelt, dass das klappen kann. Florian Jürgens vom Amt für Stadtentwicklung erklärt auch, wieso: "Das hätten wir geprüft, wenn es eine normale Straße wäre. Zum Kreisverkehr hin ist es aber eine Brücke." Eine weitere Spur nach Süden sei auf der Fläche der Brücke seiner Ansicht nach schlicht nicht zu realisieren.

Ausschussmitglied Horst Meyer (AfD) fragt, ob es sinnvoll wäre, sich komplett von der Vorstellung einer Lichtsignalsteuerung zu lösen. Kugel halte das prinzipiell für möglich: "Man könnte einen Kreisverkehr bauen, ich weiss aber nicht ob der in diesem Zusammenhang leistungsfähig wäre. Die Besonderheit hier ist ja auch die Einbettung im Zuge der B 79."

Ein Kreisverkehr wäre teuer


Stefan Brix (Grüne) begrüßt die Idee eines Kreisverkehrs: "Es gab ja schon einen CDU-Antrag, ob man die Kreuzung nicht durch einen Kreisverkehr ersetzen kann. Wenn ich mir die Untersuchung angucke, haben wir teilweise eine Aufwertung der Straße auf fünfeinhalb Fahrstreifen, drei nach Westen, zwei nach Osten, damit der Bus um die Ecke fährt und den abfließenden Verkehr nicht behindert. Und wir bauen jetzt ein weiteres Verkehrshindernis hinterher und versuchen noch mehr Platz da rauszuschinden oder durch pseudotechnische Maßnahmen Verbesserungen zu erzielen", meint Brix und schlussfolgert: "Ich kann mir das auch mit einem Kreisverkehr vorstellen. Dann wäre auch die hinführende Straße viel schmaler, nämlich nur zwei Fahrstreifen für jede Richtung. Aber wie geht es jetzt weiter?", fragt der Grüne in Richtung des Stadtbaurates Lukanic.

Lösung könnte noch Jahre dauern



Stadtbaurat Ivica Lukanic. (Archivbild) Foto: Werner Heise


Dieser antwortet, dass man in der vergangenen Woche bereits überlegt habe, zunächst mit Provisorien zu arbeiten, um die ersten Maßnahmen im kommenden Frühjahr schnellstmöglich umsetzen zu können. Im Laufe des kommenden Jahres sollen dann alle Maßnahmen zur Busbeschleunigung umgesetzt werden. "Dafür sind 300.000 Euro eingeplant. Dabei handelt es sich hauptsächlich um Umbauten an Lichtzeichenanlagen. Wenn man jetzt weiter denkt, in Richtung Kreisel, dann liegt man da wahrscheinlich deutlich drüber", meint Lukanic und bezweifelt, dass das bei einer durchschnittlichen täglichen Verkehrsmenge von 20.000 Fahrzeugen überhaupt möglich ist. "Letztendlich sind die Vorschläge von Frau Kugel dem Ziel gefolgt, recht schnell zur Lösung zu kommen den Bus zu beschleunigen. Ich denke dass wir in den nächsten ein bis zwei Jahren eine Lösung für das Buskonzept hinbekommen", so Lukanic abschließend.


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