Aus dem Elm in den Krieg: Der letzte Soldat von Langeleben erzählt

John Richardson war 22 Jahre lang Soldat in der britischen Armee, sieben Jahre davon diente er in der Langeleber Kaserne im Elm. Als die Kaserne geschlossen wurde, war er derjenige, der den Schlüssel drehte.

von


Ein letztes Foto: Die Kaserne in Langeleben im Jahr 1992.
Ein letztes Foto: Die Kaserne in Langeleben im Jahr 1992. | Foto: Langeleben Reunion Association

Langeleben. Über vier Jahrzehnte lang dienten britische Soldaten in Langeleben. Als 1992 die Lichter in der Abhöranlage ausgehen, schloss ein Mann ab, der noch heute seine Marke in der Region hinterlassen hat: John Richardson. Im Gespräch mit regionalHeute.de spricht der ehemalige Unteroffizier des britischen Nachrichtendienstes über seine Karriere in der Armee, Einsätze auf der ganzen Welt und vor allem das Leben auf der ehemaligen Station der Royal Army im Landkreis Helmstedt.


Wir treffen John Richardson in einem Café in einem Supermarkt in Wolfenbüttel. Wenn man den 65-Jährigen trifft, würde man auf den ersten Blick kaum ein derart bewegtes Leben vermuten: Richardson sieht gut bürgerlich aus: Wohl genährt, weißer Schnurrbart, Mütze mit dem Wappen von Niedersachsen. Und doch steckt hinter dem Mann, der jetzt in Wolfenbüttel wohnt, ein ehemaliger Militärgeheimdienstler, der fast alle wichtigen Konflikte der 70er, 80er und 90er gesehen hat: Zypern, Falkland, Nordirland, Kuwait und eben Langeleben.

John Richardson als junger Soldat, 1973.
John Richardson als junger Soldat, 1973. "Ich wollte etwas von der Welt sehen." Foto: John Richardson


Lesen Sie auch: Ein britischer Soldat erzählt: "Besser als Wolfenbüttel ging es nicht!"


Begonnen hat Richardson seine Karriere 1973 in einen Rekrutierungsbüro im Nordenglischen Scarborough, einem Badeort in der Grafschaft Yorkshire. "Ich wollte nicht sofort auf eine Universität, außerdem wollte ich die Welt sehen. Damals hatten wir Briten noch ein wenig vom Empire. Das ging also ganz gut", erzählt Richardson. Also meldete er sich bei der Royal Army. Dazu hatte Richardson in der Schule Russisch als zweite Fremdsprache. Dadurch war er in der Hochzeit des kalten Krieges für eines prädestiniert: Die Arbeit im Nachrichtendienst.

London, Berlin, Langeleben


Bereits seine Ausbildung sollte Richardson aus Scarborough hinausführen, nach London. Dort wurde er zum "Funkverkehrsanalysten" ausgebildet. Eine Arbeit, die ihm gefiel: "Ich habe schon immer gern Kreuzworträtsel gemacht", lacht der Ex-Soldat. Kurz danach, 1974, wurde Richardson nach Zypern versetzt, wo sich kurz zuvor Griechen und Türken einen bewaffneten Konflikt geliefert hatten. Die beiden NATO-Staaten standen sich immer noch gegenüber, schwer bewaffnet, durch Stacheldraht und Minen getrennt.

Nach diversen Einsätzen in Berlin, Mönchengladbach und im kriegsgebeutelten Nordirland, landete Richardson schließlich in Langeleben. Der Kontrast hätte kaum größer sein können. In Berlin ging er oft in die Oper, zog mit seinen Kameraden um die Häuser, schloss bis heute bestehende Freundschaften. Langeleben dagegen war ein verschlafenes Nest mitten im Wald, noch dazu kaum zehn Kilometer von der Roten Armee entfernt. "Wenn sie gekommen wären, hätten wir uns wohl nicht wehren können", so Richardson. Kein schöner Gedanke. In Berlin habe es genug Ablenkung gegeben. Aber in Langeleben? Richardson zuckt mit den Schultern. "Wir hatten ausreichend Alkohol".

Die ständige Fahrt ins Manöver


Richardson sagt, dass er damals vor allem deswegen dem Alkohol nicht verfallen ist, weil er seine Frau kennenlernte. Sie habe damals in der britischen Kaserne gearbeitet, eine Deutsche aus dem nahen Königslutter. Eines Tages fasste er sich ein Herz und nahm sie mit nach Celle, wo das Regimentshauptquartier seiner Einheit lag. Richardson sei zwar im Dienst gewesen, trotzdem gingen die beiden in ein Café in der Celler Innenstadt und verliebten sich schließlich ineinander. Eine Ehe, die bis heute hält. In Langeleben waren zu diesem Zeitpunkt etwa 140 britische Soldaten, die meisten junge Soldaten, die Ablenkung vor allem in Königslutters Kneipen suchten.

John Richardson in Königslutter, 1982. Nach Lehrgängen in London und Berlin landete er schließlich in Langeleben.
John Richardson in Königslutter, 1982. Nach Lehrgängen in London und Berlin landete er schließlich in Langeleben. Foto: John Richardson


Richardson ging damals schon auf die dreißig zu. Er hatte Verantwortung für einen Teil der Soldaten. Und so viele junge Männer mussten beschäftigt werden. "Wenn Soldaten langweilig ist, dann machen sie Unsinn", glaubt Richardson. Daher gingen sie ständig auf Manöver in ganz Deutschland. Die Taktik schien zu funktionieren: "Wir hatten nie große Probleme. Natürlich gab es immer mal wieder Betrunkene oder die ein oder andere Schlägerei." In der Summe war Richardson jedoch zufrieden mit seinen Männern. "Sie waren sehr diszipliniert. Wir waren alle Profis." Viel schlimmer, so Richardson, sei es in 50er Jahren gewesen.

Von der Zeltstadt zur Abhörstation


Denn in den 50er Jahren war das Lager in Langeleben kaum mehr als eine Ansammlung von Zelten, in denen junge Soldaten lebten. Die Sicherheitsvorkehrungen waren lasch, das Bier billig. Der Sold sei zwar gering gewesen, was laut Richardson aber kein Hindernis gewesen sei: "Das Bier hat aber nur ein paar Pfennige gekostet."

Große Feiern, Frauen aus der Umgebung, die in die Zelte der Soldaten geschmuggelt wurden, sogar berühmte Fußballstars kamen nach Langeleben. Etwa Gordon Banks, englischer Weltmeistertorwart von 1966, der als Wehrpflichtiger in Langeleben diente. Der zukünftige Weltmeister spielte damals übrigens für die dritte Mannschaft von Viktoria Königslutter, wo er als Ehrenmitglied registriert war.

Wegen seiner strategischen Lage auf einem Höhenzug und nahe der Grenze wurde Langeleben allerdings schnell zu einem modernen Horchposten ausgebaut. Als Richardson nach Langeleben kam, war die Zeit der wilden Zeltstadt vorbei. Gerade von den Nachrichtendienstlern wurde höchste Disziplin verlangt. Schnitzer wurden nicht verziehen. "Mach einen Fehler und du bist raus", fasst der ehemalige Unteroffizier das Credo zusammen.

Aus dem Elm in den Krieg


1985 ging es für die Familie Richardson zurück nach England, dann auf die Falkland-Inseln und schließlich zurück nach Deutschland, nach Mülheim an der Ruhr. Hier war Richardson auch, als die Mauer fiel. Erst 1990 wurde er zurück nach Langeleben versetzt, als die Aufgabe des Standortes eigentlich schon beschlossene Sache war. Die letzten Jahre waren von Abschiedsstimmung geprägt, es gab nicht mehr viel zu tun. Die russischen Soldaten führten zwar nach wie vor Manöver durch, ernst waren die jedoch nicht, erzählt Richardson. "Die wollten vor allem ihre Soldaten beschäftigen."

Aus dem Elm in den Krieg: Richardson und weitere Soldaten in Kuwait während
Aus dem Elm in den Krieg: Richardson und weitere Soldaten in Kuwait während "Desert Storm", 1991 Foto: John Richardson


Einmal noch wurde es für die Soldaten in Langeleben ernst: 1991, als Saddam Hussein die irakische Armee in Kuwait einmarschieren ließ, wurde die gesamte Belegschaft der Elmstation nach Saudi-Arabien verlegt. Richardson wurde Verbindungssoldat bei der U.S.-Army in Saudi-Arabien. Der Einsatz war kurz, die Koalition vertrieb die Iraker schnell aus Kuwait. Die siegreichen Briten kehrten aus der Wüste zurück in den Wald.

Der Mann, der abschloss


In den letzten zwei Jahren wurde der Standort Langeleben immer weiter verkleinert. Von den 140 Soldaten waren zum Ende nur zwei übrig: Richardson, mittlerweile Warrant Officer, und sein Quartiermeister. Zu tun habe es nicht viel gegeben. "Aber mein Golf ist damals wesentlich besser geworden", erinnert sich Richardson. Ansonsten habe er immer wieder Kaufinteressenten durch das mittlerweile marode Gebäude geführt. Die U.S.-Armee, der Landkreis und andere interessierten sich für die marode Kaserne. Am Ende war es aber doch soweit: 1992 endete die 41-jährige Geschichte der Royal Army im Elm. John Richardson war der letzte Soldat, der das Gelände verließ. Er war der Mann, der abschloss.

John Richardson heute. Der ehemalige Nachrichtendienstler ist mittlerweile in Rente. Nach 25 Jahren im deutschen Polizeidienst.
John Richardson heute. Der ehemalige Nachrichtendienstler ist mittlerweile in Rente. Nach 25 Jahren im deutschen Polizeidienst. Foto: John Richardson


Heute lebt Richardson in Wolfenbüttel, ist mittlerweile Rentner, nach 25 Jahren im deutschen Polizeidienst. Er singt immer noch im Polizeichor, ist Vorstand in mehreren Vereinen, vor allem aber hilft er die Erinnerung an den Standort Langeleben am Leben zu halten. Jedes Jahr treffen sich die Langeleber Veteranen beim Königslutteraner Schützenfest und erinnern sich an die alte Zeit. Nur dieses Jahr muss das Treffen ausfallen. Corona. Auf der Homepage der ehemaligen Kaserne können sie trotzdem in ihre Erinnerungen eintauchen.


mehr News aus Helmstedt