Region. In Leitstellen laufen neue Anwendungen über die Bildschirme, auf Intensivstationen überwachen Algorithmen Vitalwerte, in der Verwaltung sortieren Programme Berichte und Abrechnungen vor. Künstliche Intelligenz ist längst mehr als ein Zukunftsthema. Sie arbeitet im Hintergrund mit – oft unbemerkt von Patientinnen und Patienten.
Für die Ärztekammer Niedersachsen ist KI vor allem ein Werkzeug zur Unterstützung medizinischer Fachkräfte. Inge Wünnenberg, stellvertretende Pressesprecherin der Kammer, verweist darauf, dass die Technologie derzeit vor allem „entlastend im administrativen und logistischen Bereich“ eingesetzt werde. Sie sei „ein Hilfsmittel zur Unterstützung von Ärztinnen und Ärzten“. Algorithmen liefern Hinweise und erkennen Auffälligkeiten. Die medizinische Entscheidung selbst bleibt beim Menschen. KI diene der „ärztlichen Entscheidungsunterstützung“, die Verantwortung für Diagnosen und Therapien liege weiterhin bei den behandelnden Ärztinnen und Ärzten. Die Ärztekammer nennt zudem den europäischen AI-Act, Schulungen für das medizinische Personal und hohe Datenschutzanforderungen als Rahmenbedingungen für den Einsatz entsprechender Systeme.
Wachsende Bedeutung für Kliniken
Auch die Niedersächsische Krankenhausgesellschaft erwartet, dass KI in den Kliniken an Gewicht gewinnt. Verbandsdirektor Helge Engelke sieht Einsatzmöglichkeiten vor allem in der medizinischen Bildgebung, der Analyse großer Datenmengen, der Unterstützung medizinischer Entscheidungen und bei Verwaltungsaufgaben. Besonders in der Radiologie ist die Technologie bereits im Einsatz. Programme analysieren CT- und MRT-Aufnahmen und markieren potenzielle Auffälligkeiten, bevor Fachärztinnen und Fachärzte die Bilder bewerten. In der Verwaltung unterstützen Systeme bei Kodierungen, Berichten oder der Vorbereitung von Abrechnungen. Nach Einschätzung Engelkes ermöglicht KI schnellere Diagnosen, präzisere Auswertungen und stärker individualisierte Behandlungen.
Entlastung im Stationsalltag
Ein wichtiger Treiber der Entwicklung ist der Personalmangel. Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte verbringen täglich viel Zeit mit Dokumentation und Verwaltungsaufgaben. KI kann Routinetätigkeiten reduzieren und Freiräume für die direkte Patientenversorgung schaffen. Wie das Städtische Klinikum Wolfenbüttel zeigt, wird die Technologie bereits praktisch genutzt. Dort kommen KI-gestützte Anwendungen unter anderem in der Anästhesie, der Gastroenterologie und der stationären Versorgung zum Einsatz. Während einer Narkose vergleichen Systeme laufend Vitalparameter mit umfangreichen Datensätzen und warnen frühzeitig bei Auffälligkeiten. Auf Stationen unterstützen Programme dabei, Risiken schneller zu erkennen und Behandlungsverläufe besser zu strukturieren.
Verantwortung bleibt beim Menschen
Mit den neuen Möglichkeiten rücken rechtliche und ethische Fragen stärker in den Fokus. Was geschieht, wenn ein System eine Auffälligkeit übersieht oder einen fehlerhaften Hinweis liefert? Für die Ärztekammer Niedersachsen ist die Antwort eindeutig: Die Verantwortung für
Diagnosen und Therapieentscheidungen bleibt bei den behandelnden Ärztinnen und Ärzten. KI könne unterstützen, das ärztliche Urteil jedoch nicht ersetzen. Ein weiterer Punkt ist die Datenqualität. KI-Systeme lernen aus vorhandenen Informationen. Sind diese fehlerhaft oder verzerrt, können entsprechende Schwächen in die Ergebnisse einfließen. Deshalb müssen Vorschläge und Analysen der Systeme überprüft werden, bevor sie Grundlage medizinischer Entscheidungen werden. Die Einführung neuer Anwendungen erfordert darüber hinaus technische Anpassungen, Schulungen und die Bereitschaft der Beschäftigten, neue Arbeitsabläufe zu integrieren.
Digitales Werkzeug mit Grenzen
In den Häusern der Region geht es dabei um konkrete Aufgaben: Dokumentation, Auswertung von Befunden, Steuerung von Abläufen. KI läuft in diesen Prozessen mit, sortiert Daten und markiert Auffälligkeiten; die Behandlung liegt weiterhin bei den Teams auf Station und im OP. Entscheidungen über Diagnosen und Therapien treffen die behandelnden Ärztinnen und Ärzte. Sie tragen die Verantwortung und prüfen die Ergebnisse der Systeme, bevor sie sie in ihre Entscheidungen einbeziehen.

