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Klartext zum Thema Wolf: "Bedrohungslage für Pferdehalter steigt exponentiell an"

Bernhard Feßler ist Leiter des Hauptstadtbüros der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) und sprach mit regionalHeute.de über die Gefahr für Pferdehalter gesprochen. Niedersachsen müsse jetzt reagieren, meint der Experte.

von Marvin König


Symbolbild.
Symbolbild. Foto: Pixabay

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16.10.2020

Region. Die Zahl der Wolfsrisse hat sich in Südniedersachsen in den vergangenen Wochen schlagartig erhöht. Der Wolf macht dabei auch vor Rindern und Pferden nicht mehr halt. Bernhard Feßler ist Leiter des Hauptstadtbüros der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) und sorgt sich um die Pferdekultur in Niedersachsen: "Die Bedrohungslage für Pferdehalter steigt exponentiell an." Feßler erklärt regionalHeute.de im Interview, dass er von einer hohen Dunkelziffer von Wolfsrissen bei Pferden ausgeht.



Im Raum Peine und Uetze kam es seit Mitte September zu insgesamt fünf aktenkundig gewordenen Vorfällen, bei denen teilweise mehrere Tiere verletzt oder getötet wurden. Darunter auch eine Tinker-Stute in Rietze. Noch vor einem Jahr habe man auch bei der FN gedacht, dass die Lage nicht dramatisch sei. "Erst wurden Isländer und Kleinpferde gerissen. Wir gingen aber davon aus, dass der Wolf nicht an Großtiere geht. Als dann das erste Rind angefallen wurde, dachte man: 'Gut, die sind langsam'. Dann kam es zu den ersten Rissen bei Großpferden", berichtet Feßler. Im Juni wurden zwei Pferde in Nienburg gerissen, im September eine Stute in Rietze. Weitere Fälle sind in Klärung.

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Wölfe greifen tatsächlich an


"Bisher dachten wir, die Gefahr liegt woanders. Wölfe gehen auf die Koppeln, machen den Pferden Angst und die durchbrechen dann die Zäune und laufen auf die Straßen. Die Pferde rennen um ihr Leben und sehen dann auch nicht die Autobahnen", meint Feßler und wird nachdenklich: "Wir mussten uns aber eines Besseren belehren lassen. Der Wolf greift am Ende tatsächlich an! Das war bis letztes Jahr nie so in unserem Fokus. Und auch nicht im Fokus der Wolfsschützer."


Bernhard Feßler, Leiter des Hauptstadtbüros der Deutschen Reiterlichen Vereinigung e.V. (FN). Foto: Pfeiffer Fotodesign




Dunkelziffer könnte höher liegen


"Wir haben keine Rissstatistik zu Pferden, wir haben nichts", so Feßler während des Interviews. Auf Rückfrage dazu, dass es doch eine Aufstellung von Nutztierrissen gebe, äußert er hinsichtlich der Aussagekraft für Pferde bedenken: "Wenn Sie einen Schafhalter haben und der eine Schadensmeldung abgibt, dann sind bei dem vielleicht 19 Schafe verbissen. Manche zucken vielleicht noch. Die lässt der Schafhalter dann in der Regel liegen bis der Tierarzt da war und seine Untersuchungen gemacht hat. Das kommt dann in die Statistik."

Bei Pferden sei die Reaktion jedoch anders: "Bei den Pferden kommt der Biss, der Eigentümer sieht das und reagiert dann aus emotionalen Gründen anders, weil er zuerst sein Tier schützen will", erläutert der Experte und erklärt: "Bis der Tierarzt kommt ist so viel passiert, dass der Riss nicht mehr nachvollziehbar ist - da wurde schon die Wunde desinfiziert und versorgt, das Pferd woanders hingebracht. Und das taucht dann in keiner Statistik aus. Die ist unvollständig." Er bringt einen weiteren Aspekt ein: "Wenn Sie ein Pferd für 20.000 Euro verbissen haben ist das wirtschaftlich was anderes, als bei einem Schaf für 300 Euro." Das Land Niedersachsen erstattet die wirtschaftlichen Schäden bei Wolfsrissen nach der "Richtlinie Wolf" zwar, aber eben nur bis 5.000 Euro. "Es gibt böse Zungen die behaupten, dass manche das sogar ausnutzen. Die bringen ihr altes, krankes Pferd auf die Weide und warten auf den Wolf. Dann kriegen sie die 5.000 Euro", erzählt Feßler.

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Pferd und Wolf - Studie soll Aufschluss geben


Im Herbst 2018 begann im Landkreis Celle eine Langzeitstudie zur Reaktion von Pferden auf Wölfe unter der wissenschaftlichen Begleitung der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt im Baden-Württembergischen Nürtingen. Wie der Fachzeitschrift "Cavallo" berichtet wurde, sind die ersten Ergebnisse überraschend. "Wir haben beobachtet, dass Pferde keine Panik zeigen, wenn ein Wolf auftaucht - eventuell halten Sie ihn für einen grauen Schäferhund", berichtete die Leiterin der Studie, Dr. Konstanze Krüger gegenüber "Cavallo". Mit dem Abschluss der Studie wird im Herbst 2020 gerechnet.

Besondere Situation in Niedersachsen


Feßler selbst stammt aus Baden-Württemberg, dort sei der Wolf nicht so stark. Niedersachsen könnte aus Sicht des Pferdeexperten jedoch seine Pferde- und Reiterfreundliche Topografie zum Verhängnis werden. Auf dicht beweidete Gebiete wie im Harz mit großer Wildtierpopulation kommen große und weite Flächen, Ideal für Ausritte und Weidetierhaltung. "Im bergigen Hochland gehen die Pferde eher auseinander oder verstecken sich im Wald. In Niedersachsen gibt es das so gut wie gar nicht mehr. Keine Hecke mehr, nichts. Alles Mähdrescherfreundlich", erklärt Feßler. Und in großen Gebieten ohne große Wälder mit entsprechender Wildpopulation vergreife sich der Wolf schon eher mal an den zahlreichen Weidetieren - nicht ohne Folgen. "Der Pferdetourismus in Niedersachsen nimmt gewaltig ab. Die Leute haben einfach Angst. Dieses schöne Bild in der Lünebürger Heide auszureiten und den Pferden im Freien Auslauf zu bieten, das geht alles nicht mehr."

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Laut dem Naturschutzbund NABU sei die Gefahr in Deutschland jedoch nicht so groß wie in anderen Ländern mit freier Weidetierhaltung wie Spanien, da die Weidetiere in Deutschland näher am Menschen leben und häufig umzäunt seien. Zudem sei die Dichte an "wilder" Beute in Deutschland deutlich höher, sodass die Wölfe sich nach wie vor eher an der "einfacheren, wilden" Beute bedienen würden. Der NABU erklärt: "Dennoch sollten vor allem Stuten mit Fohlen und kleine Ponys auch bei uns zusätzlich zur normalen Hütesicherheit geschützt werden. Hierfür können zum Beispiel zusätzliche stromführende Litzen gezogen werden.

Tierschutz ja, aber in welche Richtung?


Zu den Herdenschutzmaßnahmen in Niedersachsen und bundesweit hat Feßler so seine Bedenken. Wilfried Henties vom Landvolk Niedersachsen im Braunschweiger Land sagte gegenüber regionalHeute.de den Satz: "Die einzigen Wolfs-sicheren Zäune waren die an der innerdeutschen Grenze vor 30 Jahren. Ich glaube nicht, dass die wieder akzeptiert werden." Feßler stimme dem zu, auch wenn er es anders ausgedrückt hätte: "Klar werden Wolfs-abweisende Zäune subventioniert. So ein Wolfszaun hat fünf Elektrolitzen, das ist auch nicht ungefährlich für Pferde - die können sich darin verheddern. Und wo soll das langfristig hingehen? Wir haben dann eine komplette Verzaunung der Landschaft. Eine Pferdeweide ist ja kein Hamsterkäfig, die sind riesig." Feßler spricht Klartext: "Das allergrößte Problem ist die politische Ambivalenz. Die Leitlinien für den Tierschutz wurden gerade erst neu verabschiedet. Die widersprechen dem, was der Naturschutz für den Wolf fordert: Wir wollen einerseits Weidetierhaltung, Gruppenhaltung, freie Bewegung und Offenstallhaltung, aber das geht nicht mehr. Das ist ein Irrwitz - Man will mehr Pferde auf die Weide bringen und der Wolf macht einem einen Strich durch die Rechnung." Zahlen des Wolfsmonitorings gehen von einem jährlichen Anstieg der Wolfspopulation von bis zu 30 Prozent aus.

"Man kann den Wolf nicht so fördern, dass etablierte Tierbestände in Gefahr geraten"

- Bernhard Feßler, FN Hauptstadtbüro



Der Wolf sei laut Feßler nicht mehr wegzukriegen - nach der kürzlich veröffentlichten aktualisierten "Roten Liste" der bedrohten Tierarten gilt er auch nicht mehr als vom Aussterben bedroht. Er plädiert für den Wolfsmanagementplan des Aktionsbündnisses Forum Natur (AFN), den die FN mitentwickelt habe. "Es muss klare Abschussregeln, einen günstigen Erhaltungszustand und eine Obergrenze geben. Und dann können wir mit wolfsabweisenden Maßnahmen ein geregeltes Wolfsmanagement betreiben, so Feßler. Er appelliert abschließend: "Niedersachsen hat ein Pferd im Wappen. Umweltminister Olaf Lies kann einem jetzt leidtun oder nicht, aber er muss jetzt reagieren!"

Neue Wolfsverordnung in den Startlöchern


Der niedersächsische Umweltminister Olaf Lies will noch im Herbst eine neue Wolfsverordnung auf den Weg bringen. Dies geht aus einer Meldung der deutschen Presseagentur (dpa) hervor. Damit soll es in Zukunft einfacher sein, "Problemwölfe" zu entnehmen, die etwa Schutzzäune überspringen und Rinder und Pferden töten. Derzeit gebe es 35 Rudel mit 300 bis 350 Wölfen in Niedersachsen, rund ein Dutzend der Tiere könne nach dpa-Informationen in die Kategorie "Problemwolf" fallen. Der dpa gegenüber äußerte Lies jedoch auch Kritik am Bund: "Meine Forderung an den Bund war, eine Untergrenze zu benennen. Welche Population ist notwendig, damit der Bestand des Wolfes nicht gefährdet ist. Aber das ist eine Sache, die das Bundesrecht im Moment nicht hergibt." Lies selbst hatte sich im Juni bereits für eine Wolfs-Obergrenze ausgesprochen. Der Spielball bei der Frage "Obergrenze für Wölfe" liegt also beim Bund.

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