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Wölfe gehen auf Pferde los - Sind Halter schutzlos ausgeliefert?

Im ganzen Land werden Debatten über die Zukunft des Wolfes geführt. Nach Ansicht des Landvolks und einer Gestütsbesitzerin aus dem Landkreis Gifhorn sind Tiere und Tierhalter dem Wolf schutzlos ausgeliefert - Selbst der eher wolfsfreundliche NABU sieht Nachholbedarf.

von Marvin König


(Symbolbild)
(Symbolbild) Foto: pixabay

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01.10.2020

Region. Ein schwer verletztes Rind, vier Tote Schafe, ein totes Pferd und weitere Angriffe auf Nutztiere in Uetze (Region Hannover) bei Peine. Das ist die Bilanz von nicht einmal zwei Wochen. Unter Tierhaltern sorgen diese Vorfälle für Aufruhr. Im November 2014 trat die Richtlinie Wolf in Kraft. Sie soll Weidetierhaltern über Fördermittel die Anschaffung von Elektrozäunen und Zubehör für den Schutz ihrer Herden ermöglichen. Die Betreiberin eines Pferdegestüts in Neudorf-Platendorf hält diese Maßnahmen für unwirtschaftlich und wirkungslos - und das Landvolk pflichtet ihr bei. Selbst der eher wolfsfreundliche Naturschutzbund NABU sieht Nachholbedarf.



Petra Keller betreibt ein Islandpferdegestüt im Landkreis Gifhorn. Über Bekannte habe Sie die Nachricht des schwer verletzten - und letztendlich eingeschläferten - Pferdes in Peine erhalten. "Seit Jahren bin ich am Thema Wolf und ärgere mich ständig über die bis vor kurzem immer noch geäußerten Meinungen der Wolfsbeauftragten, für Pferde seien Wölfe keine Gefahr", berichtet Keller. "Weltweit reißen Wölfe Büffel, Elche und andere Großsäuger und selbstverständlich auch Pferde. Mir wäre kein Grund ersichtlich, warum Pferde hier nicht auf ihrem 'Nahrungszettel' stehen sollten, was mir von Fachleuten, die es besser wissen müssten, weisgemacht werden sollte." Hintergrund dieser Äußerung sei ein Rehkadaver, den Keller auf ihrem Gestütsgrundstück aufgefunden hatte. "In der folgenden Nacht wurde ein Wolf dort mit Wildkamera aufgenommen. In unmittelbarer Nähe unserer Pferde, und wenige Meter entfernt, ebenfalls also dicht am Ort, waren weitere Rehrisse", schildert Keller weiter. Das Wölfe Pferde anfallen, ist auch in Deutschland längst kein Einzelfall mehr. Im Kreis Nienburg wurden erst im Juni dieses Jahres zwei Pferde nachweislich durch Wölfe getötet, ein weiteres Tier wurde schwer verletzt. In Uetze Dollbergen wurde Ende August ein trächtiges Pony durch den Wolf getötet, ein Fohlen wurde verletzt.

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Generell ging man lange davon aus, dass sich Wölfe an eine Gruppe Pferde nicht herantrauen würden. Doch die aktuellen Fälle belegen - zur großen Überraschung Vieler - das Gegenteil. Wilfried Henties, stellvertretender Vorsitzender des Niedersächsischen Landvolks Braunschweiger Land e.V. sieht noch eine weitere Gefahr: "Gesunde Großtiere wie Pferde oder Rinder geraten als Fluchttiere schnell in Panik, durchbrechen die Zäune und können so in den öffentlichen Verkehr gelangen. Das wird dann schnell für alle gefährlich."

Wie können sich Tierhalter schützen?


Durch die im Jahr 2014 verabschiedete Richtlinie Wolf des Landes Niedersachsen soll Weidetierhaltern geholfen werden. Neben sogenannten "Billigkeitsleistungen", die die wirtschaftlichen Schäden nach einem Wolfsriss abdecken sollen, werden Präventionsmaßnahmen in Form einer vorsorglichen Beschaffung von Wolfs-abweisenden Schutzzäunen und Herdenschutzhunden gefördert. Gefördert wird jedoch nur die Anschaffung - Nicht die Arbeits- und Folgekosten. Weiterhin werden Präventionsmaßnahmen vorrangig zum Schutz von Schafen, Ziegen und Gatterwild gefördert, nur im Ausnahmefall für Rinder und Pferde. Erst nach einem amtlich festgestellten Wolfsübergriff kann der betroffene Rinder- oder Pferdehalter direkt nach dem Vorfall eine Zuwendung für Präventionsmaßnahmen beantragen in einem Umfang von bis zu 80 Prozent der Kosten.

"Die einzigen wolfssicheren Zäune waren die an der innerdeutschen Grenze vor 30 Jahren, ich glaube nicht, dass die wieder akzeptiert werden."

- Wilfried Henties, Landvolk Niedersachsen Braunschweiger Land e.V.



Die beiden Tierhalter, mit denen regionalHeute.de gesprochen hat, halten diese Förderfähigen Maßnahmen jedoch für weitestgehend wirkungslos. Petra Keller: "Zäune müssen in den Boden tief genug eingegraben werden und die unterste stromführende Litze muss dicht über dem Boden verlaufen, was wöchentliches Mähen zur Folge hat - bei uns mehrere Kilometer. Wenn Wölfe springend den Zaun überwinden wollen, ist das problemlos möglich, 120 Zentimeter sind für keinen Wolf ein Hindernis. Selbst, wenn die Zäune höher wären, hätte ein Wolf kein Problem, ihn zu überwinden, denn er bekäme keinen Stromschlag ab, sobald seine Pfoten den Boden verlassen haben." Zäune in Wolfsgehegen seien laut Keller schließlich nicht ohne Grund über drei Meter hoch. Gestützt wird diese These auch durch ein Gutachten des Bundeslandwirtschaftsministeriums, das von einer Sprunghöhe von bis zu 2,8 Metern ausgeht.

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Keller fügt hinzu: "Schutzhunde wären zwar bei Schafen einsetzbar, verursachen aber selbst massive Kosten und Umstände." Wilfried Henties vom Landvolk Niedersachsen nennt Zahlen: "Die vorgeschlagenen "wolfssicheren" Zäune sind nicht wirtschaftlich herzustellen. Eine nur fünf Hektar große Weide hat eine Kantenlänge von 900 Metern. Die Einzäunung kostet 20 Euro pro Meter, mithin 18.000 Euro. Professionelle Betriebe haben 50 bis 100 Hekar Grünland!" Er schlussfolgert: "Die einzigen Wolfs-sicheren Zäune waren die an der innerdeutschen Grenze vor 30 Jahren. Ich glaube nicht, dass die wieder akzeptiert werden."

Personelle Probleme


Keller will ihr Islandpferdegestüt schützen, so gut es geht. Auf eigene Kosten hat sie sich für 8.000 Euro neues Zaunmaterial besorgt. Damit ließ sich jedoch lediglich ein Teil des Geländes einzäunen. An der Schutzwirkung zweifele sie, aber mehr könne man derzeit nicht tun: "Wir haben in der Nähe zwei Rudel, eines in Ehra Lessien und eines im Ringelah und im Herbst gehen die Jungwölfe des Vorjahres auf Wanderschaft und suchen ein eigenes Revier." Keller fügt hinzu: "Es ist makaber, aber unser relativer Schutz sind die Schafe des Schäfers, der im Moor gar nicht die Möglichkeit hat, den Zaun an jeder stelle 10 Zentimeter über dem Boden zu stecken und zudem die längeren (empfohlenen) Steckzäune viel zu unhandlich und zu schwer empfindet."

Doch selbst wenn sich die Tierhalter für einen Förderantrag für die Schutzmaßnahmen entscheiden würden, stellen nicht nur die bürokratischen Erfordernisse - besonders im Falle von Pferden und Rindern - eine Hürde dar. NABU-Wolfsexpertin Marie Neuwald schildert in einem Bericht des Naturschutzbundes aus dem April 2020: "Auch die beste Förderkulisse bringt nichts, wenn sie nicht angewandt wird. Wir appellieren deshalb an die Weidetierhalterinnen und -Halter, die angebotenen Förderungen auch in Anspruch zu nehmen." Relativiert ihren Appell jedoch im nächsten Satz: "Wir hören oft von Schäferinnen und Schäfern, die seit Monaten auf die Bearbeitung ihrer Förderanträge warten. Niedersachsen ist hier trotz guter Förderkulisse ein trauriges Beispiel." Personelle Kapazitäten in den Behörden fehlten oder würden eher auf die Entnahme von Wölfen gelegt, als auf Herdenschutz. Hier würde am falschen Ende gezogen, zum Leidwesen von Weidetieren und Wölfen, erklärt Neuwald.

Auch Umweltminister für Wolfs-Obergrenze


Keller und Henties sehen beide landwirtschaftliche Existenzen bedroht, "wenn nicht endlich der Wilkommenswahn für den Wolf durch eine Regulierung der Art mit Augenmaß ersetzt wird", wie Henties es formuliert. Den Wolf ins Jagdrecht aufzunehmen ist seit Jahren eine Streitfrage, doch es tut sich etwas in Niedersachsen. Während die CDU bereits seit längerem für den Wolf im Jagdrecht wirbt, sprach sich der niedersächsische Landwirtschaftsminister Olaf Lies gegenüber der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (HAZ) Mitte September für eine "Obergrenze" für die Anzahl der Wölfe im Land nach französischem Vorbild aus. Derzeit leben demnach etwa 75 sogenannte "Alttiere" im Land - Lies sprach sich für eine maximale Zahl von 100 Tieren aus. Hintergrund war eine am 15. September im Landtag geführte Debatte über die Gefahren für das Pferdeland Niedersachsen durch Wölfe. Nach Ansicht der CDU, der FDP und der AfD sei die Obergrenze in Niedersachsen jedoch längst überschritten.

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