Region. Auf der einen Seite werden die Düsseldorfer Alt-Punk-Rocker "Die Toten Hosen" im Sommer 2027 wohl gleich zweimal das Braunschweiger Eintracht-Stadion füllen, auf der anderen Seite musste vor wenigen Monaten mit Nazareth eine Rockband von Weltrang ihr Konzert vom Schön & Frölich ins deutlich kleinere Kufa-Haus verlegen. Die Konzertbranche der Region steht vor großen Herausforderungen und hat doch immer wieder auch positive Überraschungen parat. Dabei haben Veranstalter im ländlichen Raum ganz andere Sorgen als die in der Stadt. Die Redaktion von regionalHeute.de hat sich bei den Branchengrößen umgehört.
Auf die Frage, wie es also um die Branche steht, antwortet die Agentur Undercover, die unter anderem die Hosen-Konzerte im Stadion veranstaltet: "Aus unserer Sicht gut. Der Live-Markt wächst. Die Nachfrage nach Tickets ist weiterhin hoch, insbesondere bei unseren großen Shows."
Veranstalter gehen ein großes finanzielles Risiko ein
Doch diese großen Shows würden das Gesamtbild doch etwas verzerren, meint Paul Kunze, Betreiber des Schön & Frölich und des Applausgartens. Er sagt: "Der Branche geht es seit der Corona-Pandemie nicht gut. In den letzten Jahren wurde das zum Teil dadurch kaschiert, dass eine irre Zahl an Stadion-Konzerten internationaler Superstars die Umsätze in die Höhe getrieben hat. Aber kleine und mittlere Veranstalter haben seit 2022 mit massiv gestiegenen Kosten zu kämpfen, bei gleichzeitig sinkender Bereitschaft der Kundinnen und Kunden, dafür höhere Ticketpreise zu zahlen. Auch hier sind die internationalen Topstars davon ausgenommen, bei denen sehr hohe Ticketpreise von den Fans akzeptiert werden."
Veranstalter gehen bei solchen Konzerten stets ein finanzielles Risiko ein, das in den vergangenen Jahren wohl noch einmal größer geworden ist. Darauf weist Christian Burgart hin, der mit seiner Miner's Rock UG unter anderem im August die Yellow Jockey Open Airs auf der Galopprennbahn in Bad Harzburg ausrichtet. Er erklärt gegenüber regionalHeute.de: "Die Konzertbranche befindet sich in einer Phase großer Veränderungen. Die Nachfrage nach Live-Erlebnissen ist grundsätzlich hoch. Gleichzeitig sind die wirtschaftlichen Risiken für Veranstalter deutlich gestiegen. Viele Kosten haben sich innerhalb weniger Jahre massiv erhöht, während das Publikum verständlicherweise sehr genau überlegt, wofür es sein Geld ausgibt. Konzerte sind heute deshalb oft entweder super erfolgreich oder ein wirtschaftlicher Totalschaden – die Mitte wird kleiner."
Dabei betont Burgart: "Besonders Einrichtungen wie die Autostadt können aufgrund ihrer Struktur Veranstaltungen anbieten, die sich rein wirtschaftlich schlicht nicht darstellen lassen. Für das Publikum ist das zunächst attraktiv. Die Kehrseite ist allerdings, dass privatwirtschaftliche Veranstalter mit Angeboten konkurrieren müssen, die wirtschaftlich gar nicht funktionieren müssen." In eine ähnliche Kerbe schlägt Paul Kunze: "In der Regel machen echte Fans von Künstlerinnen und Künstlern etwa 80 Prozent des Publikums aus. Die übrigen 20 Prozent sind Neugierige oder schlicht Ausgehfreudige, die ihre Entscheidung sehr viel mehr vom Ticketpreis abhängig machen. Wenn diese neugierigen in der Region stark subventionierte Angebote wie in der Autostadt erhalten, fehlen sie den Veranstaltern anderer Konzerte."
Dem Vorwurf, die Preisstruktur für Konzerte in der Region zu untergraben, entgegnet Roland Kalweit, Entertainment-Manager der Autostadt, so: "Wir sind kein klassischer Konzertveranstalter. Unsere Aufgabe als Kommunikationsplattform des Volkswagen-Konzerns ist es, die Autostadt mit Leben zu füllen. Wir schaffen das ganze Jahr über emotionale Momente für unsere Gäste – dazu zählen Events, Ausstellungen, Fahrzeugpräsentationen und Festivalaktivitäten, zu denen auch ergänzend Konzerte gehören." Für die Konzerte gelte sogar: "Hier passen wir die Ticketpreise seit einigen Jahren sukzessive an das Marktniveau an, nachdem wir lange darunter lagen."
Deswegen steigen die Preise für Konzerttickets an
Einige Schwierigkeiten sind für alle Veranstalter gleich. So haben die Corona-Krise ebenso wie der Iran-Krieg in diesem Jahr sich auf das Ticketkauf-Verhalten ausgewirkt und ihre Spuren hinterlassen. Außerdem gilt auch in der Konzertbranche längst wie überall sonst: Alles ist teurer geworden. Die Agentur Undercover unterstreicht: „Vor allem die Kosten für Energie und Personal sind in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Zum Teil muss sich das in den Ticketpreisen widerspiegeln."
Preise so zu gestalten, dass sie fürs Publikum attraktiv sind, aber auch dem Veranstalter Gewinn bringen – das ist offenbar ein Ritt auf der Rasierklinge. Auch der Bad Harzburger Konzertveranstalter Burgart erklärt: "Am Ende versuchen wir, Veranstaltungen so zu kalkulieren, dass sie für möglichst viele Menschen erreichbar bleiben und trotzdem wirtschaftlich überlebensfähig sind. Und zur Wahrheit gehört auch: Wir akzeptieren ohne Diskussion 150 Euro für einen Weltstar in einer Arena. Gleichzeitig wird bei 70 Euro für einen deutschen Künstler oft über Wucher gesprochen. Diese Debatte sollten wir ehrlicher führen."
Schön-&-Frölich-Betreiber Kunze ergänzt: "Privatwirtschaftliche Veranstalter haben deutlich weniger Gestaltungsspielraum bei Ticketpreisen, als die Kundinnen und Kunden das häufig annehmen. Die Acts und deren Tourneeveranstalter achten darauf, dass die Tickets bundesweit möglichst einheitlich bepreist sind und schätzen ein, was die Fans wohl bereit sind, zu zahlen. Nur wenn große Subventionen oder Sponsorings im Spiel sind, ist es einem Veranstalter möglich, das Preisniveau maßgeblich zu gestalten."
Das Besondere an der Region Braunschweig:
Die Region zwischen Harz und Heide konkurriert dabei – "als mittelgroßer Markt", wie es Undercover beschreibt, auch mit den großen Standorten Hannover oder Hamburg und Berlin um die großen Acts und das Publikum. Dennoch bleibt auch Braunschweig, Wolfsburg und allen anderen Städten der Region eine große Anziehungskraft erhalten. Es ist eben eine besondere Region – das betonen auch die hiesigen Veranstalter.
Von Undercover heißt es: "Die Menschen in der Region gehen gern auf Veranstaltungen und mögen Braunschweig als ihre Konzertstadt." Ein gutes Netzwerk und langjährige Erfahrung der Veranstalter seien aber nötig, um auch die großen Künstler herzulocken. "Wir müssen uns zwischen Hannover, Hamburg und Berlin immer wieder beweisen. Das haben wir in den letzten Dekaden gelernt", heißt es von Undercover.
Auch die Autostadt, in der vom 3. Juli bis zum 16. August das Sommerfestival läuft, müsse um jeden großen Act kämpfen. "Die Autostadt hat sich in den letzten 26 Jahren einen Stellenwert in der Kulturbranche erarbeitet. Künstler, die hier spielen, tragen ihre Erfahrung in die Welt – und wir schaffen es immer wieder, gute Acts zu holen, und es gibt zahlreiche Angebote von Bands, die gern bei uns spielen möchten. Das war am Anfang ganz anders – da mussten wir Klinkenputzen und haben nicht jeden Musiker überzeugen können, in die Autostadt zu kommen", schildert Roland Kalweit.
Paul Kunze bestätigt, dass eine Menge dazugehört, um die großen Namen hierher zu holen: "Braunschweig und die Region sind für die wenigsten Acts erste Wahl bei der Tourneeplanung", erklärt er. Also müsse schon einiges zusammenpassen: ein guter Ruf des Veranstalters, ein Gespür dafür, welcher Act sich hier gut verkauft, die Verfügbarkeit des richtigen Venue – das alles zählt Kunze als Beispiele auf und lässt durchblicken, dass manchmal eben auch "ein Quäntchen Glück" dazugehört.
Noch schwieriger wird es dann wohl, wenn man die großen Acts nicht nach Braunschweig oder Wolfsburg, sondern nach Bad Harzburg locken will – dieses Jahr kommen unter anderem Matthias Reim und Johannes Oerding. Davon berichtet Christian Burgart. Er setzt vor allem auf "Beharrlichkeit", wie er sagt: "Viele Gespräche dauern Monate oder sogar Jahre." Zugute kommt ihm dabei der besondere Veranstaltungsort: die Galopprennbahn. "Künstler und Agenturen suchen heute nicht nur Kapazitäten, sondern auch Orte mit Charakter. Wir behaupten nicht, die größte Konzertlocation Deutschlands zu sein. Aber wir sind überzeugt, die Schönste zu haben."
Und Burgart bestätigt auch, was bereits sein Veranstalterkollege Kunze erklärt hatte: "Am Ende ist es manchmal auch Glück. Ein freies Datum im Tourkalender ist gelegentlich mehr wert als die größte Stadt."
Ein glückliches Händchen in Sachen Terminkalender hatte auch Undercover bewiesen: So hatte die Band "Sportfreunde Stiller", nachdem ihr Konzert Ende Mai beim Lokpark-Openair wegen Gewitters kurzfristig abgebrochen werden musste, direkt eine Woche später erneut Zeit und holte das Konzert direkt nach. Auch das doppelte Hosen-Stadionkonzert im kommenden Jahr lässt eine Mischung aus vielen Faktoren bermuten, die dazu geführt haben, dass die deutschen Altmeister des Punkrock, auf ihrer – wohl endgültigen – Abschiedstournee für ein Zusatzkonzert in Braunschweig zugesagt habe,







