Region. Der Hantavirus-Ausbruch auf dem Kreuzfahrtschiff „Hondius“ hat international für Aufmerksamkeit gesorgt. Drei Menschen starben, Passagiere wurden isoliert, Gesundheitsbehörden leiteten Schutzmaßnahmen ein. Auch in Niedersachsen fragen sich seitdem viele Menschen: Wie gefährlich ist das Virus hierzulande – und gab es bereits Fälle in der Region?
Hantaviren kommen nicht nur in anderen Teilen der Welt vor. Auch in Niedersachsen werden regelmäßig Infektionen bekannt, wenn auch auf niedrigem Niveau. Die hier verbreiteten Virusvarianten unterscheiden sich jedoch deutlich von den aktuell diskutierten Fällen aus Südamerika.
Virus aus Südamerika
Bei dem Ausbruch auf der „Hondius“ geht es um das in Südamerika vorkommende „Andes-Hantavirus“. Es kann schwere Atemwegserkrankungen auslösen und in seltenen Fällen bei engem und längerem Kontakt von Mensch zu Mensch übertragen werden. In Deutschland treten dagegen vor allem Puumala- und Dobrava-Belgrad-Hantaviren auf. Sie werden in der Regel über Ausscheidungen infizierter Nagetiere übertragen, etwa durch aufgewirbelten Staub in Schuppen, Garagen, Ställen oder beim Arbeiten mit Holz.
Für Niedersachsen sehen Behörden und Mediziner deshalb keine vergleichbare Gefährdungslage. Nach Angaben des Niedersächsischen Landesgesundheitsamtes wurden 2023 landesweit 66 laborbestätigte Hantavirus-Fälle gemeldet, 2024 waren es 31, im Jahr 2025 insgesamt 45. Bis zum 8. Mai 2026 kamen neun weitere Fälle hinzu. Ein Schwerpunkt lag zuletzt in der Region Osnabrück.
Andere Virustypen - anderes Risiko
Auf regionalheute.de-Anfrage verweist der Präsident des Niedersächsischen Landesgesundheitsamtes, Dr. Fabian Feil, auf diesen Unterschied: „Für die Einordnung ist wichtig zu wissen, dass sich die Hantavirus-Infektionen, die auf einem Kreuzfahrtschiff aufgetreten sind, grundsätzlich von den in Deutschland auftretenden Infektionen unterscheiden.“ In Deutschland wird eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung bei den hier verbreiteten Hantavirus-Typen nach aktuellem Kenntnisstand nicht beobachtet. Entscheidend ist meist der Kontakt mit Nagetieren oder deren Ausscheidungen. Infektionen können entstehen, wenn virushaltiger Staub eingeatmet wird oder verunreinigtes Material an verletzte Haut gelangt.
Zahlen aus der Region
In der Region Braunschweig und Wolfsburg gab es in den vergangenen Jahren nur wenige bekannte Nachweise. Wolfsburg meldete für die vergangenen vier Jahre zwei bestätigte Hantavirus-Fälle, beide im Jahr 2024. In Braunschweig wurde im selben Jahr ein Fall gemeldet. Für 2025 und 2026 liegen dort bislang keine Meldungen vor.
Im Landkreis Wolfenbüttel wurden seit Beginn der Meldepflicht im Jahr 2001 insgesamt 25 Erkrankungen erfasst. Die letzten bekannten Fälle stammen aus dem Jahr 2019, damals waren es drei.
Dass die Zahlen regional schwanken, hängt laut Landesgesundheitsamt unter anderem mit der Verbreitung von Buchenwäldern, den jeweiligen Nagetierpopulationen und der Aufmerksamkeit in Arztpraxen zusammen. Wo Rötelmäuse gute Lebensbedingungen finden, kann das Infektionsrisiko zeitweise steigen. In Niedersachsen lag der Schwerpunkt in den vergangenen Jahren vor allem in der Region Osnabrück.
Beschwerden wirken zunächst oft harmlos
Das Problem: Die ersten Symptome wirken häufig wie eine Erkältung oder ein grippaler Infekt. Möglich sind Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen, Übelkeit, Erbrechen oder Durchfall. Später können Nierenprobleme dazukommen. „Ein großer Teil der Hantavirus-Erkrankungen verläuft jedoch unbemerkt oder nur mit unspezifischen Symptomen“, sagt der Infektiologe und Tropenmediziner Dr. Marco H. Schulze von der Universitätsmedizin Göttingen auf Anfrage.
Prof. Dr. med. Hamid Hossain vom Städtischen Klinikum Braunschweig beschreibt die praktische Schwierigkeit: „Ohne gezielte Fragen nach Nagetierkontakt, Auslandsaufenthalt oder Umgebung mit Nagetieren denkt man bei den Symptomen nicht sofort an Hantavirus.“
Schwere Verläufe sind möglich, bleiben bei den in Deutschland üblichen Virusvarianten aber selten. „Die Sterblichkeit der in Deutschland vorkommenden Infektionen wird mit unter 1 Prozent angegeben“, so Hossain. Laut Robert Koch-Institut sind keine Todesfälle durch Hantavirus gemeldet worden.
Gefahr eher im Schuppen als auf Reisen
Das Risiko entsteht in Niedersachsen vor allem dort, wo Menschen mit Mäusen oder deren Ausscheidungen in Kontakt kommen. Das Gesundheitsamt Wolfsburg nennt Gartenarbeit, Holzstapeln, Forstarbeiten sowie das Reinigen von Schuppen, Garagen und Ställen als typische Situationen. Kritisch wird es, wenn trockener Staub aufgewirbelt wird.
Behörden raten deshalb, verschmutzte Bereiche nicht trocken auszufegen. Flächen sollten vorher angefeuchtet werden. Bei sichtbaren Mäusespuren empfehlen Fachleute FFP2- oder FFP3-Masken. Das Gesundheitsamt Braunschweig weist außerdem darauf hin, Obst und Gemüse gründlich zu waschen und Gartenarbeiten nicht mit offenen Wunden auszuführen.
Auch der Landkreis Wolfenbüttel verweist auf einfache Schutzmaßnahmen. Lebensmittel sollten sicher verschlossen aufbewahrt, Abfälle in verschließbaren Tonnen entsorgt und mögliche Nistplätze für Nager beseitigt werden. Wer Mäusekot oder tote Tiere entfernen muss, sollte lüften, Handschuhe tragen und Staub vermeiden.
Keine besondere Gefährdungslage
Der Kreuzfahrtschiff-Fall bleibt ernst, verändert die Bewertung für Niedersachsen aber nicht. Dr. Schulze fasst den medizinischen Unterschied so zusammen: „Im Gegensatz dazu verursachen die in Südamerika auftretenden Hantavirus-Spezies häufig ein Krankheitsbild, bei dem die Lunge schwer betroffen ist, und es zu einem akuten Lungenversagen kommen kann.“
Prof. Hossain sieht für die Bevölkerung vor Ort keinen Anlass zur Beunruhigung: „Für die Allgemeinbevölkerung ist das Risiko insgesamt als niedrig anzusehen. Hantavirus-Infektionen entstehen in Deutschland vor allem über Kontakt mit Ausscheidungen infizierter Nagetiere, nicht durch einen Kontakt mit anderen Menschen. Das aktuelle Kreuzfahrtschiff-Geschehen ändert daher nichts an der Lage in Niedersachsen.“
Gesundheitsbehörden raten deshalb vor allem beim Umgang mit möglichen Mäusespuren zu Vorsicht.

