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"Niedersachsen ist Frontstaat!": Scheitert Deutschlands Energiewende in der Region?



"Niedersachsen ist Frontstaat!": Scheitert Deutschlands Energiewende in der Region?

Eine CDU-Kommission unter Leitung eines Wissenschaftlers geht hart mit der Energiewende ins Gericht. Scheitert sie im Braunschweiger Land?

von Niklas Eppert


Prof. Dr. Albrecht Stalmann (links) stellte vor der Augen von Staatssekretär Dr. Berend Lindner (CDU, mitte) und Landtagsvizepräsident Frank Oesterhelweg seinen Bericht vor.
Prof. Dr. Albrecht Stalmann (links) stellte vor der Augen von Staatssekretär Dr. Berend Lindner (CDU, mitte) und Landtagsvizepräsident Frank Oesterhelweg seinen Bericht vor. Foto: Niklas Eppert

Wolfenbüttel. Am heutigen Montag traf sich die CDU in Wolfenbüttel, um über die Energiewende zu diskutieren. Grund war der Abschlussbericht des Arbeitskreises Energie des CDU-Kreisverbandes Wolfenbüttel, dem Prof. Dr. Albrecht Stalmann vorstand. Der Ingenieur hatte darin errechnet, wie hoch Deutschlands Energiebedarf bis 2050 wird und ob der mit erneuerbaren Energien zu decken sei. In Anwesenheit des Staatssekretärs Dr. Berend Lindner (CDU) und des Braunschweiger Landesvorsitzenden der CDU Frank Oesterhelweg kam Stalmann zu einem eindeutigen Ergebnis: Die aktuellen Maßnahmen reichen nicht aus. Unsere Region verschenke dabei zu viel Potenzial.



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Die Energiewende ist in vollem Gange. Noch in diesem Jahr sollen die letzten Atomkraftwerke vom Netz gehen, Russlands Einmarsch in der Ukraine sorgt dafür, dass Gas nicht mehr als sichere und billige Energiequelle gilt. Abhilfe sollen mittelfristig erneuerbare Energien schaffen, bis 2045 will Deutschland sogar CO₂-neutral werden. Professor Dr. Albrecht Stalmann ist da nicht nur skeptisch, er kommt zu einem eindeutigen Ergebnis: "Mir fehlt wirklich die Fantasie, um zu sehen, wie das funktionieren soll", so das CDU-Mitglied mit Lehrauftrag für Schweißtechnik und Fertigungsverfahren an der TU Clausthal. Die öffentliche Diskussion dazu ginge immer wieder am Thema vorbei, Begriffe würden durcheinander geworfen und überhaupt würden sich die Zahlen schön gerechnet. So wie sie gerade laufe, erzählt Stahlmann, sei die Energiewende nicht machbar.



"Deutschland kriegt die PS nicht auf die Straße"


So rechnet Stalmann mit einem Energiebedarf von 680 Gigawatt bis 2050, der vollständig aus erneuerbaren Energien gedeckt werden soll. Die heutige Energiekapazität, also das, was Windräder und Photovoltaik heute im Optimalfall erzeugen können, liegt dabei laut Stalmanns Papier bei etwa 110 Gigawatt. Das wurde in den letzten 20 Jahren aufgebaut. Wie dieser Wert bis 2050, also in den nächsten 28 Jahren, mehr als versechsfacht werden soll, dafür fehle Stalmann die Fantasie. Die offiziellen Berechnungen gingen dabei von einem Wirkungsgrad der Anlagen von 100 Prozent aus. Für Stalmann illusorisch: Weder wehe immer der Wind, noch scheine die Sonne jeden Tag. Der Wirkungsgrad, so berichtet er, liege bei Photovoltaik bei maximal 20 Prozent, bei Windrädern bei bis zu 45 Prozent. Die Zahlen der Regierung bezeichnet der Ingenieur als Schönrechnerei. Allein die Salzgitter AG habe für ihren Grünen Stahl einen Energiebedarf von dutzenden Terrawattstunden, von der restlichen Industrie der Region ganz zu schweigen.


Ist die Energiewende also zum Scheitern verurteilt? Nein, glaubt Staatssekretär Dr. Berend Lindner. Lindner arbeitet zurzeit für das Landeswirtschaftsministerium und kennt die Bemühungen aus erster Hand. Noch in diesem Jahr wolle die rot-schwarze Landesregierung ein Planbeschleunigungsgesetz auf den Weg bringen, zugleich sei man sich bewusst, dass nicht alles, was aus der Forschung komme, auch in der Realität umgesetzt würde. Eine Kerbe, in die auch der ebenfalls anwesende Prof. Dr. Reza Asghari von der TU Braunschweig schlägt. Es werde Start-ups schwer gemacht, ihre Ideen wirklich umzusetzen. In Großbritannien und den USA sei es normal, dass sich Unternehmen rund um Universitäten bildeten und deren Infrastruktur nutzten. Hier in Deutschland gebe es eine Skepsis der Forschung gegenüber der Wirtschaft, die dem Fortschritt im Wege stehe. Ausgründungen aus Universitäten dürften etwa die Infrastruktur der Hochschulen nicht mehr nutzen, sobald sie Unternehmen seien. Die vorhandenen PS würden so nicht auf die Straße gebracht, glaubt der Wissenschaftler mit Lehrstuhl in Wirtschaftsinformatik an der Carolo-Wilhelmina.


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Dem sei sich auch die Landesregierung bewusst, erklärt Staatssekretär Lindner. Gerade im Braunschweiger Land gebe es eine Forschungsdichte zu Luft- und Raumfahrt, Mobilität und grüner Energie, wie sonst kaum irgendwo in Deutschland. Mit Förderstipendien wolle die Regierung mehr Forschung kommerzialisieren, wie es heißt. Doch zu viele Pläne verschwänden immer noch in den Schubladen: Solarbetriebene Flugzeuge mit 3.000 Kilometern Reichweite, neue Windräder und ähnliches seien bekannt. Umgesetzt würden sie aber nicht. Das müsse sich ändern, findet auch der Staatssekretär. Zugleich gebe es alte Industrien, die nur schwierig CO₂-neutral werden könnten. Hier müsste über CCS-Technologie, also die Abscheidung und Speicherung von CO₂ nachgedacht werden. Ein Thema, das jedoch politisch nicht mehr allzu hoch auf der Tagesordnung stünde.

Woher die Energie nehmen?


Bereits vor der eigentlichen Veranstaltung diskutierten die Gäste und Mitglieder des Arbeitskreises Energie besonders ein Thema: die Atomkraft. Dem gibt Staatssekretär Lindner eine Absage. Die alten Meiler würde es nicht mehr geben, es bleibe bei der Abschaltung zum Ende des Jahres, auch neue würden nicht mehr gebaut werden. Dabei plädiert Albrecht Stalmann für Technologieoffenheit: In Großbritannien und Frankreich würden bereits kleine Anlagen gebaut. Insgesamt würden die weniger Energie abwerfen, dafür seien sie auf ihre Größe gerechnet effizienter. Und: Sie erzeugten weniger Atommüll und könnten den sogar als Energiequelle nutzen. Das Uran dafür müsste aber wiederum importiert werden, wirft Lindner ein. Unabhängigkeit in Energiefragen sehe anders aus.

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Am Ende waren sich die Diskutanten einig, dass mehr passieren müsste. Planverfahren und Klagewege müssten beschleunigt und Projekte effizienter gestaltet werden. Denn am Ende betreffe das vor allem Niedersachsen und unsere Region: "Wir sind Frontstaat in Sachen Energiewende", glaubt Stalmann. Auch mit unserer Region stehe und falle die Umstellung. "Wenn Niedersachsen scheitert", sagt der Professor, "dann geht das ganze Projekt in die Grütze." Und dann könne man weder davon träumen, unabhängig von russischem Gas zu werden, noch die Klimaziele zu erreichen. So, wie es gerade laufe, könne es jedenfalls nicht weitergehen.


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