Region. In der Region landen derzeit Exemplare des Buches „Der große Konflikt“ in den Briefkästen. Doch was genau hat es mit dem Wälzer auf sich und woher kommen die Bücher? Auch nach intensiven Recherchen ergaben sich so gut wie keine Hinweise auf den Verteiler. Immer wieder aber gelangt man zu den Siebenten-Tags-Adventisten. Doch dort distanziert man sich ganz klar von der Aktion.
Wer nach der Autorin des Buches, Ellen G. White (1827–1915), sucht, stößt unweigerlich auf die Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten. White gilt als eine der Mitbegründerinnen dieser Glaubensgemeinschaft. Doch wer glaubt, die Gemeinde stecke hinter der flächendeckenden Verteilung, irrt.
Ratlosigkeit auch bei den Adventisten
Tatsächlich herrscht auch bei den Adventisten selbst große Ratlosigkeit über die anonymen Lieferungen. Wer genau die Bücher in Umlauf bringt, weiß man auch dort nicht. „Wir als Freikirche sind nicht die Urheber dieser Verteilaktionen“, stellt Jens-Oliver Mohr, Diplom-Theologe und zuständig für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten (Süddeutscher Verband KdöR), im Gespräch mit regionalHeute.de klar.
Unbekannt ist Mohr das Phänomen jedoch nicht. Man habe schon häufiger von solchen anonymen Aktionen gehört und sei auch darauf angesprochen worden. Ähnliche Verteilungen des Buches gab es in den letzten Jahren bereits in Hannover und erst kürzlich im Frühjahr in Hildesheim. Mohr betont jedoch, dass die offizielle Freikirche ihre Mitglieder ausdrücklich nicht dazu ermutige, Bücher wahllos in Briefkästen zu werfen: „Wir legen großen Wert darauf, dass wir seriös auftreten. Wenn wir literarisch aktiv sind, dann sollte das immer mit dem Einverständnis und der Einwilligung des Empfängers geschehen.“
Auf die Anfrage von regionalHeute.de hin hat Mohr auch bei dem für die Region zuständigen Pastor, der unter anderem die adventistischen Gemeinden in Salzgitter, Braunschweig und Goslar betreut (in Wolfenbüttel selbst gibt es keine eigene Gemeinde), nachgefragt. Aber auch von dort habe er die Rückmeldung erhalten, dass es von offizieller kirchlicher Seite keinen Auftrag für diese Aktion gab.
Der feine Unterschied
Dass es sich um keine offizielle Aktion der Freikirche handelt, zeigt sich schon beim Blick auf das Buch selbst. Die offizielle, von der Kirche autorisierte Ausgabe des Werkes heißt in Deutschland schon seit vielen Jahren nicht mehr „Der große Konflikt“, sondern „Vom Schatten zum Licht“ und erscheint im kircheneigenen Advent-Verlag, erklärt Mohr.
„Man muss wissen, das Buch selbst ist über 100 Jahre alt und in der zweiten Auflage 1911 erschienen“, so der Theologe Mohr. Die Autorin Ellen White war eine der Gründerinnen der Gemeinschaft. „Man muss das Buch zeitlich einordnen können, wenn man es liest. Deswegen ist unsere offizielle Version heute auch sprachlich angepasst. Wenn man das Buch aber einfach so ungefragt in den Kasten schmeißt, fehlt dieser ganze Kontext. Die Leute reagieren dann verständlicherweise verwundert oder verärgert über so ein dickes Buch im Briefkasten.“
Bei den in Wolfenbüttel verteilten Exemplaren handelt es sich nach Mohrs Auffassung also um Privatdrucke. Ein Blick ins Impressum offenbart Namen wie den Gihon Verlag (oft auch als Gihon Publishing geführt). „Das ist oft ein Privatverlag, der das in großen Massen und auf billigem Papier und so weiter herstellt“, erklärt Mohr im Gespräch. Diese Druckereien stünden in keinerlei organisatorischer Verbindung zur offiziellen Freikirche und verkauften die Bücher an jeden.
Wer zieht mit dem Einkaufstrolley durch die Straßen?
Doch wer sind die mysteriösen Boten? In Wolfenbüttel beobachtete ein Anwohner eine ältere Dame, die mit einem Einkaufstrolley von Haus zu Haus zog und die schweren Bücher in die Kästen steckte.
Es liege nahe, dass es sich hierbei um Privatpersonen handelt, die die Bücher auf eigene Kosten und im Alleingang verteilen. Auch sogenannte „Splittergruppen“ – also Gruppierungen, die sich von der Freikirche abgespalten haben – könnten dahinterstecken, mutmaßt Mohr. Über deren Aktivitäten und Motivationen habe die offizielle Freikirche allerdings keinerlei Kontrolle oder Einblick.

