Wolfenbüttel. Neue Geschäfte, erfolgreiche Geschäftsübernahmen und Investitionen zeigen, dass die Fußgängerzone weiterhin attraktiv ist. Gleichzeitig erschweren hohe Sanierungskosten, fehlende Barrierefreiheit und schwierige Eigentumsverhältnisse die Nachnutzung einzelner Immobilien. Das wurde bei einem Gespräch mit Andre Volke von der Initiative Wirtschaft Wolfenbüttel (IWW) und einem anschließenden Rundgang durch die Innenstadt deutlich.
„Die Innenstadt ist tot, wir haben nur Leerstände, Optiker und Dönerläden“ – dieses Urteil, das manch Wolfenbütteler fällt, hält Volke für völlig unpassend und deutlich zu negativ. Innerhalb der Okerumflut gebe es rund 120 Einzelhandelsgeschäfte und 50 Gastronomiebetriebe. In der Fußgängerzone seien es etwa 55 Einzelhandelsgeschäfte und zehn Gastronomiebetriebe. Die Leerstandsquote liege demnach nur bei rund sechs Prozent. Dabei müsse zwischen kurzfristigen Leerständen durch Geschäftswechsel und dauerhaft ungenutzten Immobilien unterschieden werden. „Die Nachfrage übersteigt eher das Angebot an passenden Leerständen“, betont Volke. Das Problem seien häufig nicht fehlende Interessenten, sondern die Immobilien selbst.
Historische Gebäude als Herausforderung
Viele der historischen Fachwerkhäuser seien für moderne Geschäftskonzepte nur eingeschränkt geeignet. Schmale Türen, Treppenstufen, fehlende Barrierefreiheit und ungünstige Grundrisse erschwerten eine Nachnutzung. Hinzu kämen hohe Renovierungs- und Umbaukosten, die sich bei den erzielbaren Mieten oft nur schwer rechnen. Unterschiedliche Preisvorstellungen zwischen Eigentümern und Interessenten, Erbengemeinschaften oder schwer erreichbare Eigentümer verzögerten ebenfalls manche Vermittlung.

Schwierig zu vermitteln: Bei der ehemaligen Confiserie "Chocolata" erschwert die schmale Tür die Barrierefreiheit. Foto: Matthias Kettling
Besonders deutlich wird dies bei größeren Immobilien wie dem Hotel Kronprinz oder dem früheren Kaufhaus Bähr. Beim Kronprinz erschweren der bauliche Zustand, neue Brandschutzanforderungen und hohe Investitionen eine schnelle Lösung. Das ehemalige Kaufhaus besteht aus fünf miteinander verbundenen Gebäuden. Während dort inzwischen ein Handwerkermarkt entstanden ist, stehen die oberen Etagen weiterhin leer. Eine vollständige Vermietung der großen Fläche wäre mit erheblichen Investitionen verbunden.
Der traditionsreiche Herrenausstatter Erbrink & Vehmeyer hinterlässt nach rund 130 Jahren eine Lücke. Die Verkaufsfläche über zwei Etagen schränkt die Auswahl möglicher Nachfolger ein. Der langjährige Mitarbeiter Naim Miftari eröffnet mit "Maison Homme" im unteren Bereich der Langen Herzogstraße im ehemaligen Reformhaus Bertram ein eigenes Geschäft. Schwierigkeiten zeigen sich auch beim ehemaligen Familiencafé „Kleine Auszeit“, das zwar noch vollständig eingerichtet ist, bislang aber keinen Nachfolger gefunden hat. Der Busverkehr in der Kommißstraße erschwere dort zudem eine attraktive Außengastronomie.

Erfolgsgeschichte: Das Keramikstudio "Lieblingstasse" von Elena Gerber ist in die Räumlichkeiten des ehemaligen Stoff- und Nähmaschinenladens "Fingerhut" umgezogen. Foto: Matthias Kettling
Neue Geschäfte und erfolgreiche Übernahmen
Dass sich passende Ladenlokale durchaus schnell vermitteln lassen, zeigen weitere Beispiele. Das Keramikgeschäft "Lieblingstasse" ist in die größeren, ebenerdig erreichbaren Räume vom ehemaligen "Fingerhut" innerhalb des Großen Zimmerhofs umgezogen. Für den vorherigen Standort konnte bereits ein neuer Mieter gefunden werden. Der neue Waffelladen "dip & dream" profitierte davon, dass nur wenige Umbauarbeiten notwendig waren. Die IWW vermittelte den Kontakt zur Eigentümerin und unterstützte bei Werbeanlagen und Förderanträgen.

Inhabergeführt: Das "mooi" ist für Volke eines von vielen positiven Beispielen. Foto: Matthias Kettling
Der "Fahrradladen im Zimmerhof" hat einen neuen Betreiber gefunden. Die Wäscheline entwickelt sich nach Einschätzung von Volke ebenfalls gut und verfügt über eine treue Stammkundschaft. Neue Impulse setzen zudem Geschäfte wie Jeans Fritz, Action und Woolworth. Sie ergänzen die individuellen, inhabergeführten Läden und sorgen für zusätzliche Besucherfrequenz. Auch die Conceptstores "mooi", „no. five“ und der Damenmode-Laden "Unik" tragen zur Vielfalt bei. Für Volke liegt gerade in individuellen Sortimenten, persönlicher Beratung und besonderen Einkaufserlebnissen eine Chance gegenüber dem Onlinehandel.
Eine wichtige Rolle spielen dabei Pop-up-Stores und zeitlich begrenzte Geschäftskonzepte. Sie ermöglichen es, neue Ideen zunächst auszuprobieren. „no. five“ ist ein Beispiel dafür: Was während der Innenstadtbaustelle als Geschäft auf Zeit begann, entwickelte sich zu einer dauerhaften Ansiedlung.
Gastronomie und Begegnungsorte gewinnen an Bedeutung
Neben dem Einzelhandel entwickelt sich die Gastronomie zunehmend zu einem wichtigen Bestandteil der Innenstadt. Das l’Oliveto hat seinen Gastraum erweitert, auch die Pizzeria Roma plant eine Vergrößerung. Zusammen mit weiteren Betrieben könnte sich eine kleine Gastronomieachse entwickeln. Neu eröffnet hat im August das asiatische Restaurant Nonêe, das gut angenommen wird.
Volke sieht weiteres Potenzial in sogenannten dritten Orten. Damit sind Begegnungsstätten außerhalb der eigenen Wohnung und des Arbeitsplatzes gemeint. Neben gastronomischen Angeboten gehört dazu unter anderem der Mitgestaltungspunkt der Freiwilligenagentur. Solche Orte könnten die Innenstadt beleben und Menschen unterschiedlicher Generationen zusammenbringen.
Förderungen und Unterstützung für neue Unternehmen
Die Stadt unterstützt Neuansiedlungen mit finanziellen Förderprogrammen. Bis zu 25 Prozent der Investitionssumme, maximal 10.000 Euro, können erstattet werden. Die IWW und die Wirtschaftsförderung begleiten Interessenten außerdem bei der Suche nach geeigneten Räumen, bei Genehmigungen, Werbeanlagen und Förderanträgen.
Trotz dieser Unterstützung bleibt das Zusammenspiel von Eigentümern und potenziellen Mietern entscheidend. Bezugsfertige Ladenlokale haben dabei klare Vorteile. Wo dagegen umfassende Sanierungen, neue Heizungen oder barrierefreie Zugänge notwendig sind, scheitern Interessenten nicht selten an den Kosten. Volke sieht deshalb auch Handlungsbedarf bei einzelnen Vorschriften zum Denkmalschutz und zur Altstadtgestaltung. Der historische Charakter müsse zwar erhalten bleiben, gleichzeitig sollten aber auch zeitgemäße und praktikable Lösungen möglich sein.
Mehr Aufenthaltsqualität und steigende Besucherzahlen
Die Neugestaltung der Fußgängerzone bewertet die IWW positiv. Mehr Sitzgelegenheiten und eine attraktivere Gestaltung sollen dafür sorgen, dass Menschen nicht nur zum Einkaufen in die Innenstadt kommen, sondern dort gerne Zeit verbringen. Während der Bauphase mussten Händler und Gastronomen teilweise erhebliche Umsatzeinbußen hinnehmen. Baustellenmanagement und Kommunikation der Stadt seien jedoch gut gewesen.

Eine von vier Frequenzmessanlagen: Zwischen Kornmarkt und Stadtmarkt wird an der Alten Apotheke gemessen. Foto: Matthias Kettling
Vier Frequenzmessanlagen erfassen an verschiedenen Standorten die Bewegungen in der Innenstadt. Zuletzt wurden Besucherzuwächse von etwa drei bis fünf Prozent festgestellt. In der Weihnachtszeit lagen die Werte teilweise sogar bis zu 20 Prozent über denen früherer Vergleichsjahre. Auch die sogenannte Conversion Rate, also der Anteil der Besucher, die tatsächlich etwas kaufen, fällt positiv aus: Bei einem Filialisten liegt sie in Wolfenbüttel beispielsweise rund acht Prozent über dem Vergleichswert anderer Städte.
Für die Zukunft gewinnen außerdem Klimaanpassung und Aufenthaltsqualität an Bedeutung. Mehr Schattenplätze, Begrünung und Trinkmöglichkeiten sollen die Innenstadt auch bei sommerlicher Hitze attraktiv halten. Die IWW bietet deshalb in verschiedenen Geschäften kostenlose Trinkmöglichkeiten an.
Eine Innenstadt mit Zukunft
Der Rundgang durch Wolfenbüttel zeigt: Hinter jedem Leerstand steckt eine eigene Geschichte. Manche Geschäfte finden schnell neue Betreiber, andere scheitern an baulichen Voraussetzungen, hohen Investitionen oder komplizierten Eigentumsverhältnissen. Gleichzeitig belegen zahlreiche Neuansiedlungen, Geschäftsübernahmen und Erweiterungen, dass die Innenstadt in Bewegung ist.
Für Volke liegt die Zukunft in einer Mischung aus Einzelhandel, Gastronomie, Dienstleistungen, Wohnen und Begegnungsorten. Die Zeiten großer Kaufhäuser und traditioneller Einkaufsstrukturen seien vorbei. Stattdessen müsse Wolfenbüttel seine Stärken als historische Fachwerkstadt mit individuellen Geschäften und hoher Aufenthaltsqualität nutzen.
Entscheidend seien realistische Mietvorstellungen, investitionsbereite Eigentümer und passende Räumlichkeiten. Wolfenbüttel müsse sich nicht verstecken: Die Innenstadt habe Potenzial, und die Entwicklung sei längst in Bewegung. Nun gehe es darum, diesen Wandel weiter voranzutreiben und noch mehr Menschen aus der Region für einen Besuch in der Stadt zu gewinnen.

