Erinnerungen an die Heimschule




Wolfenbüttel An ein Stück Wolfenbütteler Stadtgeschichte erinnern anlässlich des 50. Jahrestages ihres Abiturs  Jürgen Elias und seine Mitschüler. Bei einem Klassentreffen im „Kronprinz“ haben sie ihre Gedanken zum Nachkriegsprojekt der Niedersächsischen Heimschulen festgehalten.
In der zweiten Hälfte der 1940-er Jahre drängten viele junge Menschen aus dem Krieg, aus der Kriegsgefangenschaft oder aus den ehemals deutschen Ostgebieten als Flüchtlinge nach Westdeutschland und so auch nach Niedersachsen. Viele dieser jungen Leute passten wegen ihres Alters, ihrer finanziellen Notlage oder ihrer traumatischen Erlebnisse nicht in die nach dem Krieg vorherrschenden starren Schulstrukturen. Andere hatten ihre Familie ganz oder teilweise verloren und fanden in den damaligen großmaschigen sozialen Netzen keinen Halt.

Um diesen jungen Menschen eine Gelegenheit zu bieten, ihren Schulabschluss zu schaffen  oder nachzuholen gründete das Land eine Reihe von Niedersächsischen Heimschulen, eine davon in Wolfenbüttel. Sie wurde Ende der 1940-er Jahre gegründet und 1972 nach zirka 25 Jahren wieder geschlossen, als abzusehen war, dass die ursprüngliche Zielsetzung hinfällig wurde.

Wir waren 19 Abiturienten, drei sind inzwischen verstorben. Unsere Schule war die Niedersächsische Heimschule Wolfenbüttel am Harztorwall (jetzt katholische Grundschule), das zugehörige, neu gebaute Internat stand in der Kopernikusstraße (jetzt Philosophenweg).

Bei unseren Klassentreffen, werden nicht nur Erinnerungen aus der Schule wach, denn bei uns war die Schule nur eine Sache: In ihrer Lage und Geschichte liegt sie für Wolfenbüttel wahrhaft am Rande. Wir Schüler waren Außenseiter in der Stadt, wo die „Platzhirsche“ von der „Großen Schule“ und vom „THG“ natürlichen Heimvorteil genossen. Eine Schule ohne Geschichte und Tradition, ohne Verankerung in der Bevölkerung, fördert nicht das Selbstbewusstsein. Dementsprechend waren die „Außenbeziehungen“ eher spärlich gesät und eher individuell geprägt – da gibt es bestimmt manch geheime Geschichte zu erzählen!

Die andere Sache war das Internat, das „Heim“ (das jetzt eine Justizvollzugsschule ist, passt irgendwie), das mit der Schule eng verknüpft war und unseren Alltag bestimmte. An jedem Schultag bewegte sich morgens eine lockere Karawane vom Heim über die Oker, zwischen Schwimmbad und Wasserturm hindurch, zur Schule, nach Schulschluss tröpfelnd zurück. Nach dem Mittagessen waren Ruhe- und Arbeitsstunde verpflichtend, dann eineinhalb Stunden Freizeit vor dem Abendessen („Essen ist Dienst!“), dann wieder frei bis zur frühen Schlafenszeit – wenn nicht andere Pflichten oder Hinderungsgründe vorlagen. Es war dieser sehr strukturierte Tagesablauf, gerahmt vom Trompetenschall zum Wecken und zur Nachtruhe, der den Verfasser dieser Zeilen naht- und problemlos in den Soldaten-Alltag bei der Bundeswehr gleiten ließ. Andere haben diese Erfahrung anders genutzt.

Das enge Beisammensein förderte den inneren Zusammenhalt. Generationen übergreifende „Baumfamilien“, Heim-Mutter, Tischordnung boten so etwas wie Familienersatz. Die natürlich auch entstehenden Reibereien wurden meistens von einem selbst gewählten Schülergericht beigelegt, das eine Palette von „Strafen“ verhängen konnte oder schon mal Boxkämpfe zwischen den Kontrahenten ansetzte, die vor versammelter Heimgemeinde in der Okerniederung ausgetragen wurden.

Lehrer aus der Schule führten auch Aufsicht im Heim, einige wohnten dort sogar. Für die damalige Zeit wurde eine fortschrittliche Pädagogik propagiert und umgesetzt, wenn auch manchmal der Eifer aus der Wandervogel-Zeit durchschimmerte – immerhin positiv zu vermerken angesichts der damals noch jungen NS-Vergangenheit und weit entfernt von dem, was heutzutage von einigen konfessionellen oder anderen Internaten berichtet wird.

Auch wenn alle Niedersächsischen Heimschulen inzwischen geschlossen sind und das Kapitel „Projekt Heimschule“ in Wolfenbüttel in Vergessenheit geraten ist, unsere Erinnerungen bleiben. Sie fallen durchaus unterschiedlich aus, irgendwo zwischen „Feuerzangenbowle“ und „Blick zurück im Zorn“, aber ein Wiedersehen mit den alten Klassenkameraden ist immer wieder schön! Darüber waren sich alle einig.


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