Leben macht neugierig

von Sina Rühland


| Foto: Sina Rühland

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Wolfenbüttel. Yvonne Salzmann ist Fotografin und Künstlerin – es sind ihre Traumberufe. Vor knapp fünf Jahren entschied sich die Wolfenbüttelerin für einen beruflichen Neuanfang. Sie kündigte ihre Anstellung bei einer Kinder- und Jugendhilfe und machte sich als freie Fotografin selbstständig. Seither erzählt sie mit einem Lächeln auf den Lippen von ihrer Arbeit. Sie hätte einfach Glück gehabt, sagt sie.

Es ist erst einige Wochen her, da kam Salzmann von einer fünfwöchigen Reise aus Johannesburg, Südafrika wieder. Während sie von ihren Erlebnissen berichtet, leuchten ihre Augen. Sie denkt sich zurück auf den Tafelberg, zu den Begegnungen und zu den Gesprächen. „Es war nicht meine erste Reise nach Johannesburg, für eine Ausstellung flog ich bereits im Frühjahr 2014 dort hin.“ Doch die Zeit, um die Stadt kennenzulernen, reichte damals nicht aus. „Ich war so erschlagen von diesen ganzen Eindrücken. So viel Armut und Reichtum neben einander, so viel Freiheit und Gefangenschaft.“ Die Gegensätze in dieser Stadt seien im Ganzen so eindrücklich gewesen, sagt die 49-Jährige. „Ich hatte das Gefühl nicht wiederkommen zu wollen, sondern wiederkommen zu müssen.“

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Das Leben durch das Objekt betrachtet. Foto: Sina Rühland



Sie fährt ihren Computer hoch und ruft Fotografien auf, die sie im Township gemacht hat. Es sind großartige Porträt- und Momentaufnahmen entstanden. Freundlich wirkende und vom Leben gezeichnete Gesichter scheinen ihre Geschichten zu erzählen. Die ausgewählten Motive von Salzmanns Reisen nach Südafrika zu sehen, hilft die Fotografin besser kennenzulernen. Dass sie den Blick für die angemessene Farbgebung und Perspektive hat, sieht man schnell. Doch da ist noch etwas anderes, faszinierendes an ihren Bildern: die Tiefe. Sie kann zu jedem der abgelichteten Menschen eine Anekdote wiedergeben.

An einer Wand ihres Ateliers hängen zwei Bilder. Sie stechen heraus. Auf dem einen Foto kann man das Gesicht des jungen Mannes nicht erkennen. Er trägt eine Skimaske. Das zweite Bild ist ebenfalls eine Schwarz/Weiß-Aufnahme. Der junge Südafrikaner darauf wirkt, als hätte er unnatürlich viel Puder im Gesicht, bei näherer Betrachtung hebt sich der Eindruck auf. „Er ist als Albino auf die Welt gekommen. Auch ihn habe ich in Johannesburg kennengelernt“, erzählt Yvonne Salzmann. Nur die dunklen Pigmentflecken rund um Augen und Nase verraten, dass er Afrikaner ist. Es ist ein starkes Bild. Während die Fotografin weitererzählt, schaut sie auf das Bild – als spreche sie mit ihm. "Sollte ich es jemals verkaufen, erhält er einen Anteil daran. Irgendwie gehört sich das so..."

Reflektieren


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Yvonne Salzmann ist häufig dort, wo das Leben ungerecht verläuft. Foto: Sina Rühland



So viele bewegende Begegnungen Yvonne Salzmann in Johannesburg hatte, ganz ungefährlich war ihre Entdeckungsreise nicht. „Mehrmals war ich persönlich auch mit der Gefahr, die einen ständig umgibt, konfrontiert - Wachsamkeit ist dort einfach nötig.“ Täglich fuhr sie an großen Anwesen vorbei, die umringt von hohen Zäunen waren. Sicherheitspersonal stand vor den Toren, Kameras zeichneten das Treiben auf. „Die Menschen scheinen sich dort, hinter ihren Mauern, irgendwie frei zu fühlen“, erzählt sie. Die Sicherheitsmaßnahmen seien nicht ganz unverständlich, einige Teile Johannesburgs gelten als gefährlich. Ob sie so alleine zwischen den Hütten des Townships nie Angst hatte? Salzmann lacht und verweist auf ihre Reise nach Kolumbien, die ebenfalls ein Abenteuer gewesen sei. „Vielleicht fühle ich mich besonders zu den Rändern unserer Gesellschaft hingezogen. Es gibt Orte auf der Welt, an denen hat man das Gefühl noch etwas bewegen zu können. Vielleicht bin ich auch einfach häufig dort, wo das Leben gefühlt ungerechter verläuft“, überlegt sie.

Sie sagt, das Leben sei einfach spannend und gerade nach solchen Reisen wisse sie, wie viel Glück sie hätte. Wie wir alle hätten. „Wenn man erst mal gesehen hat, wie Menschen mit mehreren Personen auf ein paar Quadratmetern wohnen, wie sie in einem Haus aus Wellblech leben, wie sie ohne eigene Sanitäranlagen und Strom auskommen müssen, dann weiß man zu schätzen, was man hat. Als ich nach der Reise in meine Wohnung nach Wolfenbüttel zurückkehrte, fragte ich mich, wozu ich eigentlich so viel Platz bräuchte.“

Ruhen und weiterziehen


Der Kontrast zwischen ihren Reisezielen und ihrem Wohnort könnte kaum größer sein. Doch Salzmann braucht dieser Ruhe, diese Zurückgezogenheit, wenn sie daheim ist. „Mein Beruf hat etwas wundervoll unverlässliches, dass ich es genieße, wenn ich in Wolfenbüttel mit dem Fahrrad zum Markt fahren kann. Ich bin auch einfach kein Großstadtmensch.“ Sie sei gerne mal bei sich, sagt sie. Sie lese viel und denke über das Leben, das Erlebte und den Menschen nach. Bei aller Passion für ihren Beruf und ihren Neuanfang, möchte sie doch gewiss nie ihre Kinder, ihr Leben vor der Fotografie, missen. „Mittlerweile sind meine zwei Kinder groß, sie haben selbst schon Kinder, und ich bin nur noch für mich verantwortlich. Nun kann ich alles auf mich zukommen lassen.“

Als nächstes kommen auf sie vor allem neue Ausstellungen zu. Derzeit läuft das multimediale Projekt „Wir sind doch auch nur Menschen“ – Insassen der JVA Wolfenbüttel zwischen Menschsein, Freiheitsstrafe und das Glück der Anderen“. Die Film- und Fotodokumentation aus dem Leben im Strafvollzug wird durch die Aufnahmen von Yvonne Salzmann und mit Texten des SOTHA-Literaturkreises der JVA ergänzt. Die Ausstellung ist bis zum 13. März im Bildungszentrum Landkreis Wolfenbüttel, Harzstraße 2-5, 38300 Wolfenbüttel zu sehen.

Einen eigenen Eindruck von Salzmanns Fotokunst kann man sich auch auf ihrer Homepage verschaffen. Dort sind sowohl Dokumentationen, als auch Inszenierungen von ihr zu sehen. Das Konvolut zeigt, wie vielfältig die Fotografin arbeitet. Wie sachdienlich tatsächlich auch ihre beruflichen Erfahrungen für den Kern ihrer Bilder sind. Sie setzt sich mit dem Wesen des Menschen auseinander, versucht zu verstehen und zu ergründen. Die Resultate finden Sie hier.