Wolfenbüttel: Was soll mit der Hertie-Immobilie passieren? - Wir haben uns umgehört

von Romy Marschall


| Foto: Marc Angerstein



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Die Hertie-Immobilie: bald Eigentum der Stadt? Foto:



Es ist die Nachricht des Tages: Stadt will Hertie-Immobilie kaufen. Gestern abend gab es eine offizielle Pressekonferenz zum Thema (WolfenbüttelHeute.de berichtete), heute ist es in aller Munde. Horst Spandau (76) aus Cramme trifft seinen Bekannten Detlef Kucharczyk (61) ebenfalls aus Cramme im Landkreis Wolfenbüttel: "Hast du schon gehört, die Stadt will das Hertie-Gebäude kaufen."


WolfenbüttelHeute.de hat Passanten gefragt, was mit der Hertie-Immobilie geschehen soll und sich in der Fußgängerzone umgehört, was die Bürger von dem Schritt der Stadt halten:

"Weil es uns gefällt"

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Horst Spandau und Detlef Kucharczyk aus Cramme Foto:



Horst Spandau und Detlef Kucharczyk wünschen sich ein Kaufhaus, wie Karstadt es in seiner Gründungszeit war, mit Lebensmitteln, Bekleidung, Elektro, einfach allem.

Kucharczyk gibt zu Bedenken: "So ein Karstadt wie früher, rendiert sich vielleicht gar nicht mehr, die meisten Leute fahren nach Braunschweig. Ich fahr aber gern nach Wolfenbüttel, guck mir die Altstadt an, geh spazieren und trinke einen Kaffee. Ich komme her, weil es mir gefällt, nicht zum Einkaufen." Auf die Frage, was sie bräuchten, um aus dem Landkreis hierher zum Shoppen zu kommen, antwortet Horst Spandau: "Eigentlich gar nichts. Wir kommen grundsätzlich zweimal die Woche hierher, nicht um einzukaufen, sondern weil es uns gefällt. Beim Bummeln trifft man viele Bekannte."

Detlef Kucharczyk fällt noch etwas ein: "Ausgefallene Sachen werden zu selten gekauft in Wolfenbüttel. Das ist schade, weil die Leute mit etwas mehr Geld dann woanders hinfahren."

"Braunschweig ist schwierig mit Kindern"

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Petra Wanielik mit Sohn Finn Foto:



Petra Wanielik (30) mit Sohn Finn (2) finden gut, daß die Stadt die Immobilie kaufen will, "weil in Wolfenbüttel viel zu wenig Angebot ist, viele weichen nach Braunschweig aus." Es fehle vor allem ein Schuhladen und ein größeres Angebot für Kinderbekleidung und Spielzeug.

Die Mutter berichtet über ihre Erfahrungen: "Einkaufen in Braunschweig ist schwer, zumal mit Kindern, wenn die laufen wollen und nicht in der Karre sitzen bleiben. Ganz schnell sind die weg in dem Gewusel. Wolfenbüttel ist da viel schöner zum Einkaufen."

"Wir brauchen keine Schloss-Arkaden"

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Carsten Sander, Neuwolfenbütteler seit 2 Jahren Foto:



Carsten Sander (37) wohnt seit zwei Jahren in Wolfenbüttel und sieht die aktuelle Entwicklung positiv: "da wird vielleicht endlich mal was passieren, nicht mehr dieser Leerstand. Wenn die Stadt das Gebäude kauft, ist das nicht schlechter oder besser als jemand anderes, es sei denn, da kommen dann Ämter rein."

Der zugezogene Neubürger wünscht sich ein Kaufhaus, "aber ich bin nicht sicher, ob wir sowas brauchen wie die Schloss-Arkaden in Braunschweig. So was wie Karstadt wäre schon nicht schlecht."

"Stadt als Investor?"

Zwei Passanten erzählen, daß sie beim Amtsgericht als Zeugen geladen sind und quasi zufällig in der Fußgängerzone sind, weil sie eigentlich aus Bonn kämen. Auf die Frage nach dem Hertiegebäude antworten sie dennoch. Sie sehen es als problematisch an, wenn die Stadt als Investor auftrete für eine Industrie, die seit drei Jahren nicht vernünftig investieren wolle. Einer der beiden verweist auf seine Oma aus Schladen, die sicherlich mehr dazu sagen könnte.

"Stadt als Durchlaufeigentümer"

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Udo Großmann hat Ratschläge Foto:



Udo Großmann (junge 70) gibt den Rat, vom Hertie-Insolvenzverwalter die Adressen der 25 erfolgreich sanierten ehemaligen Hertiehäuser zu erfragen, um sich dort Anregungen zu holen. Gemäß eines Artikels in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vor etwa einem Jahr habe man in diesen Kommunen den Einzelhandelsumsatz um 50% steigern können, erzählt Großmann.

"Wenn durch den Kauf das Grundbuch im Blatt 3 frei ist, ohne weitere Belastungen, dann sollte die Stadt das als Durchlaufeigentümer kaufen. Und versuchen eine Eigentümergemeinschaft zu finden, die bereit ist, Investitionen vorzunehmen, so daß die Immobilie wieder als Frequenzbringer funktioniert. Generell ist die Entwicklung der Fußgängerzonen auch durch Strukturwandlungen im Handel bedingt," schildert Großmann.

"Das ist gut, weil Wolfenbüttel inzwischen eine langweilige Stadt geworden ist."

Christine Möllenbeck (59) wünscht sich viele kleine Einzelgeschäfte und befürwortet einen Kauf seitens der Stadt. "Ich finde das gut, weil das wiederbelebt werden muß und Wolfenbüttel inzwischen eine langweilige Stadt geworden ist. Es gibt hier nur noch Ketten, nichts anderes mehr," sagt sie.

Möllenbeck denkt weiter und schlägt vor, "daß man vielleicht Leuten die Möglichkeit gibt, sich selbständig zu machen. Wenn das Gebäude der Stadt gehört, können sie sowas forcieren. Dann kommt wieder bißchen was Individuelles und die Fuzo ist nicht mehr so traurig. Oldenburg ist ein gutes Beispiel dafür."

"kleinteiliger Handel in den Leerstand und Hertie als Kaufhausmagnet"

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Familie Westerkamp und Reubke: Mama Judith, Papa Benjamin und Sprößling Karl Foto:



Judith Westerkamp (32), Benjamin Reubke (42) und Sohn Karl (3) wollen wieder ein Kaufhaus haben, "und das Parkhaus muß wieder geöffnet werden."

"Ich möchte den alten Karstadt wiederhaben, so wie früher. Da gab's alles: Haushaltswaren, Rasierer, Bekleidung. Wo man einfach mal ne Strumpfhose kaufen kann und konventionelle Spielwaren," äußert sich Westerkamp.

"Im Prinzip ein Warenhaus. Der ganze Leerstand wäre gut für kleinteiligen Einzelhandel und das Hertiehaus als Kaufhausmagnet dazu," ergänzt Reubke.

Elektrofachhandel und Disko fordert die Jugend

Tim Sawatzki (16) findet den Kauf "eine gute Idee, weil dann mehr Leben in die Stadt kommt. Vielleicht könnte man einen Elektrofachhandel reinholen, wie Saturn, Expert oder Mediamarkt," ergänzt er.

Mark P.* (16) stimmt ihm zu und wünscht sich spontan eine Disko ins Hertiehaus. "Aber das ist so groß, da hat man soviele Möglichkeiten, was zu machen. Die Jugendarbeit kann man damit unterstützen. Damit man was für die Jugend macht, was für die Zukunft," schildert er.

Die beiden Schüler der Großen Schule träumen auch von einer Art Bar, wo sich Jugendliche tagsüber aufhalten und beschäftigen können.

*Name wurde nachträglich durch die Redaktion anonymisiert.


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