Schöningen. Das Land rund um die Stadt Schöningen scheint voller archäologischer Sensationen zu stecken. In den 1990ern fanden Forscher hier im ehemaligen Braunkohle-Abbaugebiet die Schöninger Speere. Sie gelten als die ältesten vollständig erhaltenen Jagdwaffen der Welt. Der Fund führte zum Bau des Museums Paläon, heute eins der drei Landesmuseen im Braunschweiger Land. Nun macht dieser Tage eine neue Sensationsmeldung die Runde: Es geht um einen Affenzahn, der ebenfalls in der Stadt am Elm gefunden wurde. Dieser beweist offenbar: Vor 300.000 Jahren lebten hier Berberaffen, eine Makaken-Art. So weit nördlich wurden diese Tiere noch nie zuvor nachgewiesen.
Ein Forscherteam aus Baden-Württemberg und aus den Niederlanden habe diesen Fund untersucht und die Ergebnisse jetzt in einer Fachzeitschrift veröffentlicht, heißt es in einer Pressemitteilung des niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege. Die Forscher hätten den bei Schöningen gefundenen Zahn untersucht. Die Ergebnisse: Es handele sich um einen Milchzahn eines jungen Makaken, der vor mehr als 300.000 Jahren in dieser Region lebte. "Der Zahn ist damit der nördlichste Fund dieser Primatenart in Kontinentaleuropa", heißt es dort. Auch die Braunschweiger Landesmuseen kommentieren diese neuen Erkenntnisse: "Das ist der nördlichste Nachweis dieser Tiere in ganz Europa – und zeigt uns auf überraschende Weise, wie es in der Altsteinzeit in unserer Region aussah."
Fund aus Schöningen weist nach: Hier lebten einst Berberaffen
Berberaffen sind die einzige heute lebende Makakenart, die nicht in Asien, sondern in Nordafrika heimisch ist und auch an der Südspitze Europas in Gibraltar vorkommt. Vor allem in den Bergregionen Algeriens und Marokkos leben heute noch etwa 8.000 der Tiere frei in Wäldern. In der Vorzeit lebten Berberaffen aber auch in Europa. Das hatten Funde aus Spanien, Italien und Griechenland nachgewiesen – und jetzt eben auch ein Fund aus dem Landkreis Helmstedt.
Weltweite Bedeutung: Schöningen bietet gute Funde
„Der von uns jetzt untersuchte kleine Zahn wurde bei der Grabungskampagne 2004 in Seeufersedimenten der niedersächsischen Fundstelle Schöningen geborgen", berichtet Dr. Jordi Serangeli von der Universität Tübingen, der Grabungsleiter in Schöningen. Zu der Grabungsstelle rund um die Stadt im Landkreis Helmstedt sagt der Forscher zudem: "Diese ist weltweit für ihre gut erhaltenen archäologischen und paläontologischen Überreste aus der Altsteinzeit bekannt und erlaubt sensationelle Einblicke in die damalige Umwelt und die klimatischen Bedingungen.“ Außerdem erklärt der Forscher: „Vor circa 310.000 Jahren war die Landschaft am Ufer des damaligen Sees in Schöningen ein offenes Waldgebiet mit Birken- und Kiefernbeständen.“
Der Wissenschaftler aus Tübingen bestätigt also die besondere weltweite Bedeutung Schöningens in diesem Zusammenhang. Durchaus möglich also, dass auf die Speere und den Affenzahn künftig noch weitere Funde von Weltbedeutung aus dem Schöninger Boden zu Tage gefördert werden.
Berberaffen vom Aussterben bedroht
In diesem Zusammenhang weist der Forscher auch darauf hin, dass der Berberaffe heute stark vom Aussterben bedroht sei. „Der natürliche Lebensraum der Berberaffen schrumpft ununterbrochen, zudem sind sie Opfer einer rücksichtslosen Jagd auf ihre Jungtiere, die anschließend als Haustiere verkauft werden“, berichtet Serangeli. „Als Primaten gehören Berberaffen auch zu unseren engsten Verwandten. Wir müssen diese faszinierenden Tiere, die früher zur Vielfalt Europas gehörten, vom endgültigen Aussterben bewahren.“

