Braunschweig. Lügenpresse ist das Unwort 2014. Es steht auf Demonstrationsschildern, als Kommentar unter Artikeln und wird im Kanon, immer das Versmaß beachtend, durch die Straßen gebrüllt. Das Image von Journalisten war schon mal ein besseres – doch muss ich meinen Beruf künftig verschweigen?
Als das erste Mal "Lügenpresse" unter einem meiner Artikel stand, war ich doch relativ überrascht. Ich ging den Text noch mal durch, schaute, ob ich korrekt zitiert, alle Angaben richtig kommuniziert hatte. Alles gut. Für mich ergab der Kommentar also nur so einen Sinn: dem Leser gefiel die Nachricht nicht. Als Journalist der Lüge bezichtigt zu werden, steht so ziemlich allem gegenüber, für das man stehen möchte. Als Jung-Redakteur stürzt man sich zu Beginn seiner Laufbahn voller Eifer und Idealismus in die Berichterstattung. Will informieren, aufdecken, aufklären – das Sprachrohr der Menschen sein.
Elfenbeintürme
Als Lokaljournalist in einer mittelgroßen Stadt ist man meist nah am Menschen. Wir sind in Vereinen und Schulen unterwegs, haben gelegentlich mehr als zwei Minuten Zeit, um den Politikern eine Statement abzuringen. Unsere Redaktion sitzt nicht in einem Elfenbeinturm, wir leben nicht auf einer Insel. Wir gehen raus, befragen Menschen zu tagesaktuellen Themen – hören zu und geben wieder. Medien leben also von der Partizipation der anderen. Wenn niemand mehr mit uns spricht, wie sollen wir dann berichten? Bei den derzeitigen bundesweiten Pegida-Kundgebungen wird es zunehmend schwerer Statements der Protestierenden einzufangen. "Mit euch rede ich nicht", "Ihr lügt sowieso", "Lügenpresse, halt die Fresse". Wenn ich vor dem Fernseher sitze und mir die Bilder des Tages ansehe, frage ich mich, warum viele Demonstranten die Möglichkeit mit der Presse zusprechen nicht wahrnehmen. Sie könnten sich erklären, ihre Forderungen deutlich machen. Sie könnten sämtliche Rassismusvorwürfe schnell widerlegen. Bei einer objektiven Berichterstattung benötigt der Redakteur unbedingt Statements beider Seiten, die unkommentiert und ungeschnitten mitlaufen. Zumindest läuft es im Bestfall so.
Wenn am Montag die Bragida-Demo und die Gegenkundgebung stattfindet, wird auch das BraunschweigHeute.de-Team vor Ort sein. Wir werden auf beiden Seiten Fragen stellen, die Stimmung in Foto und Film festhalten. Ich hege die wage Vermutung, dass uns Journalisten auch in Braunschweig die Lügenpresse-Parolen erwarten, und kann mit Gewissheit sagen, dass mir dann ein unangenehmer Schauer über den Rücken laufen wird. Wir alle wissen, wann dieser Begriff letztmalig in aller Häufigkeit genutzt wurde: zur Zeit des Nationalsozialismus, um objektive Berichterstattung zu diffamieren.
Kritik ist erwünscht
Es ist nichts Falsches daran, die Medien zu kritisieren, im Gegenteil. Kann dies bei konstruktiver Kritik nur förderlich sein. Wir Journalisten müssen heute transparenter denn je arbeiten, immer wieder für unsere Glaubwürdigkeit werben. Wir sollten unsere Arbeit erklären und Urteile begründen können. Vielleicht sollten wir auch darüber sprechen, wie überhaupt eine Nachricht zustande kommt. Wer festlegt, welches Foto warum ausgewählt wird, wie hoch der Druck auch in diesem Beruf ist. Kritik ist wichtig, um seine eigene Arbeit immer wieder zu hinterfragen, immer wieder zu prüfen, ob nicht die eigene Haltung für den Leser, Zuschauer oder Zuhörer erkennbar ist.
Meine Objektivität, mein Verständnis und meine Sachlichkeit verabschieden sich allerdings da, wo Journalisten im Internet beleidigt werden und ihnen der Tod angedroht wird. Schiere Beleidigungen, die weder zielführend, noch rechtens sind. Ebenfalls habe ich kein Verständnis dafür, wenn Redakteure ihre Interview-Partner offen in eine Falle locken. Wenn Menschen Zitate in den Mund gelegt werden, um die Leserzahlen anzufeuern. Intellektuelle Arroganz und einseitige Berichterstattung führen meiner Meinung nach zu Medienverdrossenheit. Fazit: Kritik und Anregungen sind deutlich erwünscht, gerne auch mal positive, aber auf Beleidigungen bitte ich zu verzichten.

