Sexuelle Übergriffe in Fahrschulen: Stadt präsentiert Zahlen

Die Stadt legt Ergebnisse einer Befragung vor. Viele junge Frauen fühlen sich demnach unsicher im Fahrschulunterricht.

Fahrschule (Symbolbild).
Fahrschule (Symbolbild). | Foto: via dts Nachrichtenagentur

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Braunschweig. Die Stadtverwaltung legt jetzt in einer Pressemitteilung die Ergebnisse der Befragung von 10.000 jungen Erwachsenen in Braunschweig zu Grenzüberschreitungen im Rahmen des Fahrschulunterrichts vor. Dort heißt es, es existieren bisher bundesweit keine Zahlen über die Art und Häufigkeit von sexuellen Übergriffen in Fahrschulen. Deshalb solle mit dieser Datenerhebung ein Grundstein gelegt werden.



Besonderes Augenmerk gilt der Situationsanalyse und den Handlungsmöglichkeiten der Betroffenen. Ebenso erfasst diese Untersuchung die psychischen, emotionalen und physischen Auswirkungen der Übergriffe auf die betroffenen Personen. Mit dieser Befragung sollte geprüft werden, ob ein Handlungsbedarf besteht. Da die Zahlen dies belegen, wollen wir mit Fahrschulen und deren Verbänden ins Gespräch kommen, um Präventionsstrategien und Aufklärungskampagnen auf den Weg zu bringen.

Die Studie


Die Studie „Grenzüberschreitungen im Rahmen des Fahrschulunterrichts“ ist eine repräsentative Befragung junger Menschen in Braunschweig, die im Juni/Juli 2026 in Braunschweig durchgeführt wurde. Für die Studie wurde eine Adressziehung aus der Einwohnermeldestatistik der Stadt Braunschweig von circa 10.000 Personen der Jahrgänge 2000 bis 2009 mit Wohnsitz in Braunschweig vorgenommen. Diese Personen wurden postalisch angeschrieben und um Teilnahme an der Onlinebefragung gebeten. Der Fragebogen konnte über einen Link sowohl über das Smartphone als auch über Tablet oder PC ausgefüllt werden.

Die Befragung war anonym und die Teilnahme freiwillig. Insgesamt nahmen 928 Personen (etwa 9 Prozent Rücklaufquote) an der Befragung teil. Von diesen gaben 847 Personen an, dass sie bereits eine Fahrausbildung abgeschlossen oder begonnen haben. Das sind 91,3 Prozent der Teilnehmenden. Die wissenschaftliche Ausarbeitung, Durchführung und Auswertung der Studie liegt bei Prof. Dr. Olaf Lobermeier von der Fakultät Soziale Arbeit der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften.

Erste Ergebnisse


Den Fragebogen haben junge Frauen mit 60 % deutlich häufiger ausgefüllt als junge Männer mit 37,8 Prozent. Jeweils etwa 1 Prozent gaben ihr Geschlecht als divers an oder machten keine Angaben zum Geschlecht. 90,1 Prozent der jungen Menschen gaben an, dass sie sich während der Ausbildung oder in den Geschäftsräumen der Fahrschule sehr sicher oder sicher fühlten. Es zeigt sich aber, dass sich 13,5 Prozent der jungen Frauen eher oder sehr unsicher fühlten, wohingegen dies nur von 4,1 Prozent der jungen Männer angegeben wird. Auf die Frage nach Grenzüberschreitungen im Fahrschulunterricht gaben 41 % der Frauen an, unangenehme Witze oder Kommentare selbst erlebt zu haben. Bei den männlichen jungen Menschen haben dies nur 19 Prozent erlebt.

Weitere Grenzüberschreitungen waren aufdringliche oder anzügliche Bemerkungen (weiblich 20,9 Prozent, männlich 5,7 Prozent), sexuelle Anspielungen oder Bemerkungen mit sexuellem Inhalt (weiblich 14,6 Prozent, männlich 3,7 Prozent), unangemessene Fragen mit sexuellem Bezug zu Privatleben oder Aussehen (weiblich 13,6 Prozent, männlich 3,7 Prozent) sowie aufdringliche Blicke (weiblich 11,6 Prozent, männlich 1,3 Prozent). Weitere selbst erlebte Grenzüberschreitungen waren ungewollter Körperkontakt, Einladungen zu privaten Treffen oder ungewollte Nachrichten mit sexuellem Bezug.

Die Vorfälle, geben 68 Prozent der männlichen sowie der weiblichen jungen Menschen an, sind in erster Linie im Fahrschulwagen passiert, aber auch im Rahmen des Theorie-Unterrichts (12,1 Prozent männlich, 13,3 Prozent weiblich) als auch an anderen Orten und auf der Straße. Das Geschlecht der Täter wird von 88,6 Prozent der Befragten als männlich angegeben und von 4,6 Prozent als weiblich. Auf die Frage nach dem geschätzten Alter der Täter wird dieses von 40,8 Prozent der Befragten zwischen 41 bis 50 Jahren und von 38 Prozent über 50 Jahre angegeben. Als vermuteter Grund für die Grenzüberschreitung wird von 37,9 Prozent der Befragten das Geschlecht bzw. die geschlechtliche
Identität genannt.

Auf die Frage nach der Einschätzung der Schwere des Vorfalls geben 23 Prozent der Frauen diesen als schlimm oder sehr schlimm an, bei den Männern sind dies 12,5 Prozent. 76 Prozent der jungen Frauen beurteilen den Vorfall als eher nicht schlimm oder überhaupt nicht schlimm, bei den Männern sind dies 87,5 Prozent. Dementsprechend geben auch 64,1 Prozent an, dass sie den Vorfall nicht gemeldet
haben, weil sie keine Notwendigkeit dazu sahen. 55,5 Prozent geben an, dass der Vorfall aus ihrer Sicht nicht schwerwiegend genug war, um diesen zu melden. 19,9 Prozent der Befragten haben den Vorfall nicht gemeldet, weil sie der Ansicht waren, dass sie die Tat nicht beweisen könnten und 11,7 Prozent waren der Ansicht, dass ihnen niemand glauben würde. Weiterhin sagen 18,1 Prozent, dass die Polizei nichts hätte tun können, jeweils 10 Prozent sagen, dass sie sich geschämt hätten und Angst vor Konsequenzen hatten.

Die Betroffenen beiderlei Geschlechts geben an, sich Beratung und Unterstützung nach dem Vorfall bei FreundInnen oder Bekannten geholt zu haben (weiblich 30 Prozent, männlich 28,7 Prozent). Weitere AnsprechpartnerInnen wurden zu jeweils 20 Prozent in der Familie gefunden.

Beratungsstellen als Anlaufstellen für Beratung und Unterstützung wurden lediglich von 2,3 Prozent der männlichen Befragten genannt. Insgesamt beurteilen 18,7 Prozent der Befragten ihr Sicherheitsgefühl nach dem Vorfall als eher unsicher oder sehr unsicher. Bei den jungen Frauen liegt diese Beurteilung bei 22,8 Prozent, bei den jungen Männern bei 8,6 Prozent. Auf einer Skala von 1 bis 10 (1 `gar keine Beeinträchtigung`, 10 `sehr große Beeinträchtigung`) wird die durchschnittliche Beeinträchtigung der Lebensqualität durch den Vorfall bei den Frauen mit 3,19 und bei den Männern mit 2,03 angegeben, wobei der statistische Unterschied hochsignifikant ist.

Auf die Frage, welche Strategien die Befragten anwenden, um in Zukunft besser geschützt zu sein, geben 19,7 Prozent der jungen Frauen an, dass sie ihren Standort mit der Familie oder Freunden teilen (männlich 4,9 Prozent). 12 Prozent beiderlei Geschlechts geben an, den Fahrlehrer gewechselt zu haben, 9,9 % der Frauen meiden es, allein mit dem Fahrlehrer zu sein (männlich 4,9 Prozent) und 5,2 Prozent der Frauen sowie 6,1 Prozent der Männer geben an, die Fahrschule gewechselt zu haben.

Bewertung der Ergebnisse


Wer einen Führerschein anstrebt, ist abhängig von der Einschätzung des Fahrlehrers. Wenn dafür bis zu 40 Prozent junger Frauen unangenehme Witze oder Kommentare, aufdringliche oder anzügliche Bemerkungen bis zu sexuellen Anspielungen in Kauf nehmen müssen, ist dies ein Ausnutzen der Abhängigkeit. Das Ergebnis entspricht dabei allgemein den Zahlen der Pilotstudie „Sexismus im Alltag“ von 2019 im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Prof. Olaf Lobermeier, Ostfalia Hochschule: „Wir haben erwartet, dass viele junge Menschen Erfahrungen mit sexualisierten Grenzüberschreitungen im Fahrschulunterricht gemacht haben. Aus ähnlichen Untersuchungen im Sport wissen wir, dass derartige Grenzüberschreitungen keine Einzelfälle sind. Die eindrücklichen Schilderungen der jungen Menschen in den offenen Kommentaren machen aber sehr deutlich, dass man über dieses Problem nicht hinwegsehen kann. Hier werden vor allem junge Frauen nachhaltig in ihrer Lebensqualität beeinträchtigt.“

Die Beauftragte für Jugendsachen der Polizeiinspektion Braunschweig, Ines Fricke, ist von den Ergebnissen nicht überrascht. Im Rahmen ihres Schulunterrichts zum Thema Gewaltprävention berichteten ihr Schülerinnen mehrfach von übergriffigem Verhalten durch Fahrlehrer während der Fahrschulausbildung. Besorgniserregend ist dabei, dass die jungen Fahrschülerinnen aus Unsicherheit oder auch aus Scham das Verhalten nicht publik gemacht haben und es somit keine Konsequenzen für den übergriffigen Fahrlehrer gab.

Ann-Kristin Hartz, Geschäftsführerin von Sichtbar. Fachzentrum gegen sexualisierte Gewalt e.V. ergänzt: „Neben der Abhängigkeit der Fahrschüler*innen gegenüber ihren Fahrlehrern besteht auch ein Machtgefälle. Es handelt sich bei den Situationen, in denen Übergriffe
passieren, vor allem um solche, in denen keine weiteren Personen, also potenzielle Zeugen zugegen sind und somit die Glaubwürdigkeit der betroffenen Personen schnell in Frage gestellt werden kann. Es handelt sich um eine „Aussage gegen Aussage Situation“ gepaart mit der
Angst „mir glaubt sowieso keiner“. Zudem geben sich Betroffene oft selbst die Schuld, sich nicht genügend zur Wehr gesetzt oder „falsche Signale“ gesendet zu haben.“

Die Jugendberatung bib in Braunschweig sieht einen klaren Handlungsbedarf in den Ergebnissen. Zwar stufen viele Betroffene die Vorfälle als „nicht schwerwiegend“ ein und melden sie daher nicht. Allerdings zeigen die Angaben zu Unsicherheit und Beeinträchtigung
von Lebensqualität (signifikant höher bei Frauen), dass die Folgen real sind. Das Muster der Grenzüberschreitungen (hoher Männeranteil bei Tätern, häufiger Tatort Fahrschulwagen, Altersschwerpunkt 41+) spricht für strukturelle Präventionslücken in Fahrschulen.

„Ich finde es erschreckend, dass sich 22,8 Prozent, der jungen Frauen und 8,6 Prozent der jungen Männer nach der Fahrschulzeit in ihrem Sicherheitsgefühl beeinträchtigt fühlen, und dafür auch noch Geld bezahlt haben“, resümiert die kommunale Gleichstellungsbeauftragte Marion Lenz, “Ich bin froh, dass wir Licht in dieses Dunkelfeld bringen.“

Auch der Fahrlehrerverband Niedersachsen e.V. nimmt das Ergebnis sehr ernst. Der erste Vorsitzende Klaus Napierski begrüßt die Untersuchung: „Es gab immer wieder einzelne Vorwürfe, uns haben aber die Fakten gefehlt. Was passiert genau, wo und wie häufig? Endlich
haben wir Fakten, die wir uns gründlich ansehen werden um sinnvolle und zielgenaue Maßnahmen zu entwickeln. Denn ein weiter so darf es nicht geben. Ich danke der Arbeitsgruppe, bei der eines unserer Vorstandsmitglieder kontinuierlich mitgearbeitet hat, ausdrücklich.“

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