Region. Wer morgens auf den Bus wartet, will vor allem eines wissen: Kommt er pünktlich, ist noch Platz, klappt der Anschluss? Genau an diesen Fragen setzt Künstliche Intelligenz im öffentlichen Nahverkehr zunehmend an. Sie soll Fahrgastzahlen genauer vorhersagen, Verspätungen besser berechnen und Verkehrsangebote stärker an der tatsächlichen Nachfrage ausrichten. In der Region steht der Einsatz solcher Systeme noch am Anfang. Von einer KI-gesteuerten Verkehrswende kann derzeit keine Rede sein. Doch Verkehrsplaner und Wissenschaftler sehen klare Anwendungsfelder, vor allem bei Prognosen, Fahrgastinformationen, On-Demand-Angeboten und langfristig beim autonomen Fahren.
Viele Fahrgäste nutzen KI im Nahverkehr bereits, ohne sie als solche wahrzunehmen. Wenn Apps Ankunftszeiten berechnen, Verspätungen aktualisieren oder Anschlüsse neu bewerten, stehen dahinter zunehmend datenbasierte Systeme. Der Regionalverband Großraum Braunschweig verweist darauf, dass Künstliche Intelligenz etwa bei der Deutschen Bahn eingesetzt werde, um die Qualität von Verspätungsprognosen zu verbessern. Ziel sei es, Reisende schneller und genauer über Änderungen im Betriebsablauf zu informieren. Prof. Dr. Alejandro Tirachini, Leiter des Instituts für Planung des öffentlichen Verkehrs an der Technischen Universität Braunschweig, nennt weitere Einsatzbereiche. Nach seinen Angaben wird KI bereits bei der Schätzung der Nachfrage im öffentlichen Nahverkehr und bei Echtzeit-Ankunftsprognosen genutzt. An Haltestellen und in Fahrzeugen könne computergestützte Bilderfassung außerdem helfen, Fahrgastzahlen und Überbelegungen zu erkennen. Für Verkehrsunternehmen sind solche Daten wertvoll. Sie zeigen, wann besonders viele Menschen unterwegs sind, wo Fahrzeuge an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen und an welchen Stellen Angebot und Nachfrage nicht optimal zusammenpassen.
Präzisere Prognosen für die Verkehrsplanung
Eine zentrale Aufgabe von KI im Nahverkehr ist die Vorhersage von Nachfrage. Verkehrsunternehmen müssen wissen, wie viele Menschen zu bestimmten Zeiten auf einzelnen Linien unterwegs sind. Davon hängen Fahrpläne, Fahrzeuggrößen, Takte und Anschlüsse ab. „Bei Systemen mit guten Datenquellen, wie zum Beispiel Smartcards für die Bezahlung, können KI-Tools den zukünftigen Bedarf mit einer Genauigkeit von über 90 Prozent abschätzen“, erklärt Tirachini. Wie präzise die Vorhersagen ausfallen, hängt maßgeblich von der Qualität der verfügbaren Daten ab. Wo Fahrgastströme zuverlässig erfasst werden, liefern intelligente Systeme deutlich genauere Ergebnisse als klassische Schätzungen. Busse und Bahnen lassen sich dadurch gezielter dort einsetzen, wo sie tatsächlich benötigt werden. Auch der Regionalverband Großraum Braunschweig prüft nach eigenen Angaben mögliche Anwendungsfälle für die Region. Besonders interessant seien Bereiche, in denen starre Fahrpläne an ihre Grenzen stoßen und flexiblere Angebote gefragt sind.
Autonome Busse als Zukunftsperspektive
Die größten Erwartungen richten sich nicht allein auf bessere Apps oder genauere Prognosen, sondern auf die Verbindung von KI, autonomen Fahrzeugen und On-Demand-Angeboten. Der Regionalverband sieht gerade in dieser Kombination großes Potenzial. Effizienzsteigerungen könnten Fahrgästen, Kommunen und Verkehrsunternehmen zugutekommen. Auch Tirachini sieht im automatisierten öffentlichen Nahverkehr einen möglichen Einschnitt. Die Kosten für Fahrer machten etwa 40 bis 50 Prozent der Gesamtkosten eines Busbetreibers aus. Wenn dieser Kostenblock langfristig sinke, könnten Verkehrsunternehmen zusätzliche Fahrten anbieten, Netze verdichten und Verbindungen auch dort schaffen, wo sich heutige Angebote wirtschaftlich kaum darstellen lassen. Nach Forschungsergebnissen, auf die Tirachini verweist, könnte automatisierter öffentlicher Nahverkehr die Taktfrequenz um rund 50 Prozent erhöhen und die Fahrpreise um etwa 30 Prozent senken. Vorstellbar wären außerdem ein 24-Stunden-Service und bessere Verbindungen in bislang schwächer erschlossenen Gebieten. „Eine Revolution könnte kommen“, sagt Tirachini. Sie hängt aus seiner Sicht jedoch davon ab, ob technische Herausforderungen im Stadtverkehr und mögliche Vorbehalte in der Bevölkerung überwunden werden können.
Mehr Transparenz für Fahrgäste
Für Fahrgäste dürfte sich der Einsatz von KI zunächst deutlich unspektakulärer bemerkbar machen als durch fahrerlose Busse. Wahrscheinlicher sind Verbesserungen im Alltag: genauere Ankunftszeiten, verlässlichere Hinweise bei Störungen und Informationen über die Auslastung von Fahrzeugen. Der Regionalverband Großraum Braunschweig hält es zudem für möglich, dass sich die Reiseplanung verändert. Klassische ÖPNV-Apps könnten künftig durch direkte Interaktionen mit KI-Systemen ergänzt werden. Nutzer würden dann nicht mehr selbst verschiedene Verbindungen vergleichen, sondern ihre gewünschte Strecke direkt abfragen. Tirachini erwartet ebenfalls Fortschritte bei den Informationssystemen. Künftig könnten Fahrgäste nicht nur erfahren, wann ein Bus oder eine Straßenbahn eintrifft,
sondern auch, wie stark das Fahrzeug ausgelastet ist und ob voraussichtlich noch Sitzplätze verfügbar sind. Gerade im Berufsverkehr könnte das hilfreich sein. Wer weiß, dass die nächste Verbindung bereits überfüllt ist, kann gegebenenfalls auf eine Alternative ausweichen. Gleichzeitig erhalten Verkehrsunternehmen Hinweise darauf, wo Kapazitäten angepasst werden sollten.
Technische und gesellschaftliche Hürden bleiben
So groß die Erwartungen sind, so klar sind auch die Grenzen. Vollständig autonome Fahrzeuge im normalen Stadtverkehr gelten weiterhin als anspruchsvolle Aufgabe. Anders als in abgeschotteten Systemen, etwa U-Bahnen, müssen Busse im Straßenraum auf Fußgänger, Radfahrer, Autos, Baustellen und unvorhersehbare Situationen reagieren. Hinzu kommen organisatorische, rechtliche und gesellschaftliche Fragen. Selbst wenn die Technik funktioniert, müssen Verkehrsunternehmen, Kommunen, Aufgabenträger und Fahrgäste solche Systeme akzeptieren und in bestehende Strukturen integrieren. Die Wolfsburger Verkehrs-GmbH bleibt auf Anfrage entsprechend zurückhaltend. Man nehme wahr, dass der Einsatz von Künstlicher Intelligenz eine zunehmende Rolle spiele. Die weitere Entwicklung werde aufmerksam beobachtet. Konkrete eigene Projekte nannte das Unternehmen nicht.
Der Wandel kommt schrittweise
Trotz aller Hürden spricht vieles dafür, dass KI im Nahverkehr an Bedeutung gewinnt. Der Wandel dürfte jedoch nicht überall gleichzeitig und nicht in einem großen Sprung erfolgen. Wahrscheinlicher ist eine Entwicklung in mehreren Etappen: bessere Prognosen, präzisere Fahrgastinformationen, intelligentere Planung, flexiblere Angebote und später möglicherweise autonome Fahrzeuge. Tirachini sieht dabei nicht nur Busse und Bahnen. KI könne auch helfen, den öffentlichen Nahverkehr besser mit anderen Mobilitätsangeboten zu verbinden, etwa mit Fahrradverleih oder weiteren Sharing-Angeboten. Das sei allerdings nicht einfach, weil viele dieser Angebote in Deutschland noch getrennt organisiert werden.
Aus seiner Sicht müsste sich auch das Deutschlandticket weiterentwickeln. Vorstellbar wäre ein multimodales Angebot, das nachhaltige Shared-Mobility-Angebote wie Fahrräder stärker einbezieht. Für Fahrgäste in der Region bedeutet das: Die KI wird den Nahverkehr nicht über Nacht verändern. Vieles geschieht bereits heute im Hintergrund. Ob daraus bessere Takte, verlässlichere Informationen oder eines Tages fahrerlose Busse entstehen, wird sich in den kommenden Jahren zeigen. Entscheidend wird sein, wie schnell Verkehrsunternehmen, Kommunen und Aufgabenträger die neuen Möglichkeiten tatsächlich in den Alltag bringen.

