Braunschweig. Der Braunschweiger Justus Casper hatte ein ehrgeiziges Ziel: Der ehemalige Bundesliga-Radrennfahrer, der inzwischen Ultraläufer ist, wollte beim Projekt "SUB48" die sogenannte E5-Alpenquerung von Oberstorf nach Meran in der schnellsten je gemessenen Zeit zurücklegen – einen neuen FKT-Rekord aufstellen (Fastest Known Time). Casper hatte sich vorgenommen, die Strecke, die rund 193 Kilometer und knapp 10.330 Höhenmeter umfasst, in weniger als 48 Stunden zu laufen.
Jetzt ist es dem Braunschweiger tatsächlich gelungen: Er schaffte es, die Strecke in 43 Stunden, 41 Minuten und 57 Sekunden zu absolvieren. Sein Ziel hat er damit also noch einmal deutlich unterboten. Geholfen hat auch sein mehrköpfiges Begleitteam.
Justus Casper läuft früh einen Vorsprung heraus
Im ersten Abschnitt des Laufes von Oberstdorf nach Bach habe Casper bereits einen ordentlichen Zeitvorsprung herausgelaufen und sich nach den ersten 30 Kilometern bereits rund zweieinhalb Stunden vor dem Zeitplan befunden. "Fraglich war insbesondere für mein Team, ob ich zu diesem Zeitpunkt nicht deutlich zu schnell unterwegs war", berichtet der Braunschweiger – und erzählt weiter: "Bewusst drosselte ich das Tempo im zweiten Abschnitt von Bach nach Zams, vergrößerte den Zeitvorsprung dennoch bis zum zweiten Versorgungspunkt in Zams bei Kilometer 58 auf insgesamt fast 5 Stunden."
Beim Aufstieg zur Memminger Hütte und weiter zur Seescharte offenbarten sich derweil Schwierigkeiten mit dem Verpflegungssystem. Diese Probleme hätten sich weiter verstärkt. "Während ich noch am Supportpunkt in Zams versuchte, durch herzhafte Zwischenverpflegung Abwechslung zur sonst sehr süßen Laufverpflegung zu schaffen, musste ich im extrem anspruchsvollen Aufstieg zum Krahberg feststellen, dass meine vorhandene Rennverpflegung für mich nicht mehr verträglich war", erklärt Casper.
"Etwa auf der Hälfte des Anstiegs musste ich mich erstmals übergeben, am Gipfel des Krahbergs das zweite Mal", so Casper, der an Aufgabe des Projekts gedacht habe. Sein Coach habe aber nach einem Telefonat dafür gesorgt, dass Teammitglieder alterantive Verpflegung aufgetrieben haben und Casper zukommen lassen konnten. "Dies war definitiv die entscheidende Schlüsselstelle des gesamten Projekts", findet der Braunschweiger Extremsportler. Während der Durchquerung des Pitztales habe sich das Energielevel stabilisiert. Casper habe sich gewundert, wie sein Team ihm mitten in der Nacht all seine neuen Verpflegungswünsche erfüllen konnte. Doch es klappte.
"Nach 24 Stunden befand ich mich bei Kilometer 115 am Ende des Pitztals und damit trotz der Schwierigkeiten noch immer mehrere Stunden vor der Zeit", berichtet der Läufer. Weiter ging es in das Gletschergebiet um die Braunschweiger Hütte, über das Jochköpfle zum Rettenbachfern und von dort aus die Querung nach Vent, wo Casper feststellen musste, dass "sich an beiden großen Zehen ernstzunehmende Blasen bildeten." Obendrein kündigte sich für die kommenden Stunden eine Gewitterfront an.
Hoch hinauf und wieder bergab: Justus Casper lieferte in den Alpen eine extreme Leistung ab. Foto: Justus Casper
"Somit galt es für mich nach mittlerweile über 140 Kilometern und knapp 30 Stunden auf den Beinen, den Aufstieg zum Similaungletscher mit dem folgenden Downhill nach Vergnat möglichst schnell hinter mich zu bringen, um nicht auf knapp 3.000 Metern in gefährliches Gewitter zu geraten", schilderte Casper. Zwar gelang es ihm die höchste Stelle der gesamten Strecke, die Similaunhütte, gerade noch im Trockenen zu passieren, doch bergab nach Bergnat erwischte ihn der Starkregen und Hagel.
In der Dämmerung der zweiten Nacht ging es im letzten Abschnitt auf 20 Kilometer lange Passage des Meraner Höhenwegs, der berüchtigt ist für sein permanentes Auf- und Ab sowie viele sehr steile Kletterpassagen mit Halteseilen. "Ich wusste zwar in etwa über das ständige Auf- und Ab, ging jedoch davon aus, dass die Trails gut laufbar seien. Die ständigen Kletterpassagen brachten mich nach mittlerweile 165 Kilometern und mehr als 38 Stunden auf den Beinen an den Rande der Verzweiflung. Nur Dank der mentalen Unterstützung des Kameraläufers, welcher mich den kompletten letzten Abschnitt begleitete, konnte ich auch diese Passage erfolgreich hinter mich bringen", sagt Casper.
So schaffte es der Braunschweiger Ultraläufer doch noch ins Ziel in der heimlichen Hauptstadt Südtirols. Dort erwartete ihn eine große Überraschung: Sein Sponsor hatte ein Ortsschild von Meran aufgetrieben, auf dem das ganze Team unterschrieben hatte.
