Gefängnis zu voll: Darum ist die JVA Wolfenbüttel seit Monaten überbelegt

Das Gefängnis in Wolfenbüttel ist überfüllt. Woran es liegt und was die Schließung der JVA Rennelberg damit zu tun hat.

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Wolfenbüttel. Diese aktuelle Statistik lässt aufhorchen: Die Justizvollzugsanstalt (JVA) Wolfenbüttel ist überbelegt. Die Auslastung beträgt mehr als 100 Prozent. Damit ist die Anstalt in der Lessingstadt gar auf Platz 1 in ganz Niedersachsen, wo die anderen Gefängnisse ebenfalls oftmals zu voll sind. Woran liegt es? Und was soll dagegen getan werden?



Die aktuellen Zahlen aus dem April 2026 belegen: Die Auslastung im geschlossenen Vollzug der JVA Wolfenbüttel, in dem nur Männer untergebracht sind, betrug 103,4 Prozent. Das bestätigt Simon Beschoten, Pressesprecher des Niedersächsischen Justizministeriums, auf Anfrage von regionalHeute.de.

Die Auslastung der Haftplätze steigt seit Jahren


"Die Auslastung der Haftplätze im geschlossenen Vollzug hat in den vergangenen Jahren landesweit sukzessive zugenommen; dies betrifft nicht nur einzelne Anstalten", erklärt Beschoten weiter. In Wolfenbüttel hatte die Auslastung seit dem ersten Quartal 2024 nachweislich zugenommen. Damals betrug sie noch 86,4 Prozent. Seitdem stieg sie immer weiter. Seit Anfang 2026 ist die JVA überbelegt. Seitdem liegt die Auslastung über 100 Prozent.

Das Gefängnis am Wolfenbütteler Ziegenmarkt verfügt insgesamt über 407 Haftplätze. Davon entfallen 378 auf den geschlossenen Vollzug. Die Auslastung von mehr als 100 Prozent bedeutet nun, dass mehr Häftlinge im geschlossenen Vollzug der JVA untergebracht sind, als Haftplätze vorgesehen sind – mehr also als die 378.

Wie kommt es dazu, dass das Gefängnis derart überfüllt ist? Zunächst einmal betont der Ministeriumssprecher: "Die Anstalten der Landesjustizverwaltung sind für den Vollzug richterlich angeordneter Freiheitsentziehungen zuständig. Auf die Anordnung selbst haben sie keinen Einfluss." Klar: Wie oft Richter eine Haft anordnen, das können sich die Gefängnisse nicht aussuchen. Die Auslastung der Anstalten unterliege seit jeher Schwankungen, führt Beschoten aus und erklärt: "Derzeit ist die Belegung landes- und bundesweit hoch. Konkrete Ursachen für die aktuelle Entwicklung können nicht genannt werden."

Hat die Schließung des Rennelberg etwas mit der Überbelegung in Wolfenbüttel zu tun?


Warum aber ist die Belegung ausgerechnet in Wolfenbüttel so hoch und landesweit spitze? Hat es vielleicht etwas mit der Schließung der Außenstelle zu tun? Im April 2024 hatten die letzten Häftlinge die Abteilung Braunschweig der JVA Wolfenbüttel – das Gefängnis im Rennelberg – verlassen. Die Zellenplätze dort stehen dem Justizvollzug nicht mehr zur Verfügung. Musste Wolfenbüttel das auffangen? Nicht allein, erklärt der Ministeriumssprecher. Diese Zuständigkeiten seien nach dem Einweisungs- und Vollstreckungsplan für das Land Niedersachsen auf mehrere Anstalten verteilt worden. "Eine isolierte Auswirkung auf die Belegungssituation der JVA Wolfenbüttel lässt sich daraus nicht ableiten", betont Beschoten. Außerdem sei die Abteilung Braunschweig überwiegend mit Untersuchungsgefangenen belegt gewesen. "Im Bereich der Untersuchungshaft ist eine Auslastung von über 100 Prozent gegenwärtig nicht zu beobachten", erklärt der Sprecher weiter.


Eine Antwort auf die Frage, warum ausgerechnet die JVA Wolfenbüttel bei der Auslastung niedersachsenweit auf Platz 1 steht, gibt es derzeit nicht. Es gebe aber Ansätze, wie die Belegung reduziert werden soll. Auf solche "Belegungsspitzen" würde vor allem auf der Organisationsebene reagiert werden, teilt der Sprecher des Ministeriums mit. Das bedeutet zum Beispiel, dass Gefangene in weniger stark ausgelastete Anstalten verlegt werden. Außerdem werden "geeignete Hafträume", wie es heißt, vorübergehend mit zwei Gefangenen belegt. "Die gesetzlichen Vorgaben – etwa zur getrennten Unterbringung von Frauen und Männern sowie von Personen, an denen unterschiedliche Freiheitsentziehungen zu vollziehen sind – werden hierbei beachtet", so Beschoten.

Neu- und Umbauten sollen für Entlastung sorgen


Eine weitere Maßnahme soll langfristig Abhilfe schaffen. Mit dem Neubau der JVA Hannover sollen demnach 200 zusätzliche Haftplätze entstehen. Ein Zeitfenster zur Fertigstellung steht aber noch nicht fest. Weitere niedersächsische Gefängnisse – Meppen, Lingen, Uelzen und Vechta – werden derzeit umgebaut oder sollen bald umgebaut werden, wodurch insgesamt weitere 35 Plätze hinzukommen sollen. Und gegen Ende des Jahres entstehen zudem 40 Haftplätze in Osnabrück. Ein Ende für die Überbelegung – auch in Wolfenbüttel – lässt sich also zumindest am Horizont bereits erkennen.

Es wird höchste Zeit, betonen Menschenrechtler. So hat die Nationale Stelle zur Verhütung von Folter erst vor wenigen Tagen bei der Veröffentlichung ihres Jahresberichts für 2025 auf Menschenrechtsverletzungen in deutschen Gefängnissen hingewiesen. Dabei ging es schwerpunktmäßig um Isolationshaft und ungeklärte Todesfälle in anderen Bundesländern, aber auch die hohe Auslastung der JVAs unter anderem in Niedersachsen war Thema. Vom Sprecher des Landesjustizministeriums heißt es dazu, dieses nehme "jeden Hinweis auf unzuträgliche Unterbringungsbedingungen sehr ernst, unabhängig davon, ob diese mit der Auslastung oder mit anderen Umständen in Verbindung stehen und ob eine Verletzung der Menschenwürdegarantie in Rede steht."

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