Gifhorn. Der Automobil-Entwicklungsdienstleister IAV, an dem Volkswagen 50 Prozent der Gesellschaftsanteile hält, hatte Anfang Mai für einen Aufschrei gesorgt. Die Ankündigung des Unternehmens, 1.400 Stellen streichen zu wollen, zog reichlich Kritik nach sich, genau wie die Ankündigung, den Standort Berlin komplett zu schließen und den dortigen Mitarbeitern nahe zu legen, an den Standort Gifhorn überzusiedeln. Jetzt meldet die IG Metall: IAV und die Gewerkschaft hätten sich nach monatelangen Verhandlungen auf einen Zukunftstarifvertrag verständigt.
So gilt offenbar eine Schonfrist bis Ende 2028. Diese sei laut einer Pressemitteilung der IG Metall Niedersachsen und Sachsen-Anhalt Kern der Einigung. Demnach werden betriebsbedingte Kündigungen bis zum 31. Dezember 2028 ausgeschlossen. Gleichzeitig halte das Unternehmen an seinem angekündigten Stellenabbau fest und wolle die Belegschaft bis Ende 2027 auf 2.970 Beschäftigte reduzieren. Dies wolle die IAV über ein sogenanntes Ansprache- und Freiwilligenprogramm umsetzen. Dabei werde das Unternehmen versuchen, Beschäftigte zur Auflösung ihrer Arbeitsverhältnisse zu bewegen.
IAV setzt auf Ansprachen und Abfindungen
Um dies zu erreichen, hätten Unternehmen und Betriebsrat einen Sozialplan vereinbart, der die Zahlung von Abfindungen vorsieht. Bisher sei unklar, wen das Unternehmen ansprechen will und wer bleiben soll. "Das sorgt für reichlich Unsicherheit in den Belegschaften", heißt es in der Pressemitteilung der Gewerkschaft. Laut deren Einschätzung sorge der Tarifvertrag "dafür, dass momentan niemand mit einer betriebsbedingten Kündigung rechnen muss. Daneben begrenzen Interessenausgleich und Sozialplan die sozialen Folgen einer unternehmerischen Entscheidung, die viele Kolleginnen und Kollegen hart treffen wird."
„Nach Monaten voller Unsicherheit über den Fortbestand der IAV ist es gelungen, die Voraussetzungen für den Erhalt von fast 3000 Arbeitsplätzen zu schaffen und die Beschäftigten vor Kündigungen zu schützen. Niemand sollte unterschätzen, wie schwierig diese Verhandlungen waren. Deshalb bin ich froh, dass wir betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2028 ausschließen konnten. Das gibt den Menschen eine gewisse Verlässlichkeit in einer Phase, die von großen Sorgen geprägt ist“, erklärt Thilo Reusch, Verhandlungsführer der IG Metall.
Der ausgehandelte Kündigungsschutz gelte grundsätzlich bis Ende 2028. Eine Ausnahme sei lediglich vorgesehen, falls die von der Geschäftsführung angestrebte Zielgröße von 2.970 Beschäftigten bis zum 30. Juni 2028 nicht erreicht werde. Selbst dann wären betriebsbedingte Kündigungen erst ab dem 1. Juli 2028 und ausschließlich mit Zustimmung des Betriebsrats möglich, erklärt die IG Metall. Die Gewerkschaft habe zudem Forderungen nach einer ab 1. Januar 2026 von der Geschäftsführung geplanten Arbeitszeit- und Einkommensreduzierung und die Einführung einer zukünftigen tariflichen 40-Stunden-Woche sowie die Kürzung von Urlaubsansprüchen abgewehrt. Auch weitere finanzielle Belastungen für die Beschäftigten seien verhindert oder abgemildert worden.
Stellenabbau führt zu "großer Sorge"
Gleichwohl sei durch den Stellenabbau jeder zweite Arbeitsplatz bei IAV betroffen. Mit "großer Sorge" bewerte die Gewerkschaft daher die Ergebnisse. Der Stellenabbau hätte verhindert werden können. Betriebsräte und IG Metall hätten in den Verhandlungen wiederholt Vorschläge eingebracht, um zusätzliche Geschäftsfelder zu entwickeln und damit mehr Arbeitsplätze zu sichern. Die Unternehmensleitung setze nach Einschätzung der Arbeitnehmerseite dagegen weiterhin auf Personalabbau und die Verlagerung von Arbeit ins Ausland.
Der Zukunftstarifvertrag enthalte verbindliche Zusagen der Geschäftsführung "für eine bessere Zukunft", heißt es. Das Unternehmen verpflichte sich demnach, zusätzliche Aufträge und neues Geschäft zu gewinnen sowie Umsatz und Ertrag zu steigern. Für sämtliche Standorte sollen bis spätestens Ende März 2027 Vereinbarungen abgeschlossen werden, die Auslastung, Kompetenzentwicklung und Beschäftigungsperspektiven regeln und konkrete Maßnahmen zur strategischen Weiterentwicklung enthalten. Wie genau die Standorte Gifhorn und Berlin künftig betroffen sein werden, bleibt jetzt aber vorerst noch unklar.

