Kritik am Rettungsdienst: Landkreis räumt Probleme ein

Eine anonyme E-Mail wirft dem Rettungsdienst im Landkreis Goslar unter anderem Personalmangel, Probleme bei Fahrzeugen und Verzögerungen bei der Digitalisierung vor. Die Kreisverwaltung nimmt Stellung.

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Symbolfoto | Foto: via dts Nachrichtenagentur

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Goslar. In einer anonymen E-Mail, die im Juli auch die Redaktion von regionalHeute.de erreichte, wurden schwere Vorwürfe gegen den Rettungsdienst im Landkreis Goslar erhoben. Nun beschäftigt das Thema auch die Kreispolitik. Am gestrigen Dienstag befasste sich der Kreisausschuss für Ordnung, Rettungswesen, Gesundheit und Verbraucherschutz mit der Zuschrift. Die Kreisverwaltung nahm dazu ausführlich Stellung.



In dem Schreiben werden unter anderem Personalmangel, steigende Krankheitsausfälle und Schwierigkeiten bei der Besetzung offener Stellen thematisiert. Kritisiert werden zudem die Qualifikation des Personals, fehlende Einsatzvorgaben, der Einsatz von Rettungsmitteln ohne Notfallsanitäter sowie die Einführung neuer Fahrzeugkonzepte. Weitere Kritikpunkte betreffen den Zustand und die Wartung der Fahrzeuge, fehlende Reservekapazitäten, die Dienstkleidung und eine schleppende Digitalisierung.

Für Beschwerden gibt es auch andere Wege


Mit Blick auf das Schreiben verweist der Landkreis auf bestehende Möglichkeiten, Probleme anonym anzusprechen. Auf jeder Rettungswache hängen sogenannte „Kummerkästen“, die von den Beschäftigten genutzt würden. Die im Schreiben genannten Punkte seien dort bislang allerdings nicht angesprochen worden. Auch die Personalvertretung stehe als vertraulicher Ansprechpartner zur Verfügung. Bei anonymen Hinweisen seien die Möglichkeiten zur Prüfung jedoch eingeschränkt, da Rückfragen bei den Betroffenen nicht möglich seien.

Landkreis weist Zusammenbruch zurück


Die Kreisverwaltung weist in ihrer Mitteilung entschieden zurück, dass der Rettungsdienst im Landkreis vor dem Zusammenbruch stehe. Gleichzeitig wird in der Stellungnahme deutlich, dass es insbesondere bei Personal und Fahrzeugwartung derzeit konkrete operative Herausforderungen gebe.

Personalsituation ist angespannt


Die Kreisverwaltung bestätigt, dass die Personalsituation angespannt sei. Aktuell fehlten drei Notfallsanitäter – also Fachkräfte mit der höchsten nicht-ärztlichen Qualifikation. Als Folge würden reguläre Rettungswagen (RTW) in Seesen tagsüber und in Goslar nachts vorübergehend als sogenannte Notfallkrankenwagen (NKTW) eingesetzt. Letztere sind personell niedrigschwelliger besetzt – in der Regel durch Rettungssanitäter mit Einsatzerfahrung – und eigentlich für technisch weniger aufwendige Notfälle vorgesehen. Nach Angaben des Landkreises seien die Fahrzeuge dennoch zu jeder Zeit entsprechend den gesetzlichen Vorgaben besetzt.

Nach Auffassung der Verwaltung stelle die medizinische Versorgung kein Problem dar, da bei Bedarf das sogenannte Akut-Einsatz-Fahrzeug (AEF) hinzualarmiert werden könne. Dieses schnelle Zubringerfahrzeug ist mit speziell geschulten Gemeindenotfallsanitätern besetzt, die Patienten vor Ort versorgen oder einschätzen können, ob ein Transport ins Krankenhaus nötig ist. Zusammen mit dem NKTW bilde das AEF nach Logik des Landkreises wieder einen vollumfänglichen RTW ab.

Ab September sollten nach Angaben der Verwaltung acht weitere Notfallsanitäter für Entlastung sorgen. Auch bei der Ausbildung werde nachgesteuert: Der Landkreis bilde jährlich 20 bis 25 Rettungssanitäter aus. Im September sollten zudem 15 statt bislang zehn Nachwuchskräfte die dreijährige Ausbildung zum Notfallsanitäter beginnen, fünf weitere Beschäftigte würden ab November berufsbegleitend qualifiziert.

Die Kritik an den Qualifikationen weist die Verwaltung ebenfalls zurück: Seit 2022 sei gesetzlich vorgeschrieben, dass auf dem NKTW mindestens ein Rettungssanitäter mit Erfahrung aus 100 Notfalleinsätzen mitfahre. Ältere Empfehlungen seien durch die neue Rechtslage überholt, zudem lägen verbindliche Standardarbeitsanweisungen vor.

Winterreifen im Hochsommer


Beim Zustand der Fahrzeuge weist der Landkreis die Vorwürfe weitgehend zurück. Die Einsatzmittel entsprächen den DIN-Normen und würden regelmäßig gewartet. Gleichzeitig räumt die Verwaltung jedoch ein, dass wegen fehlender Werkstattkapazitäten und Lieferproblemen bei Ersatzteilen teilweise Wartungsintervalle überschritten worden seien. Auch gibt der Landkreis zu, dass punktuell Fahrzeuge mitten im Sommer noch mit Winterreifen unterwegs seien. Hier bestehe Nachbesserungsbedarf, man sei dazu bereits in Gesprächen mit der Fachwerkstatt.

Sieben neue Koffer-RTW seien derzeit in der Beschaffung, würden wegen hoher Herstellerauslastung jedoch erst im August 2027 geliefert. Für den Oberharz seien zudem vier Allrad-RTW vorgesehen, zwei weitere Krankentransportwagen sollten demnächst ausgeschrieben werden.

Digitalisierung und Dienstkleidung


Bei der Digitalisierung räumt die Verwaltung weitere Verzögerungen ein. Der Rettungsdienst arbeite derzeit mit einem „E-Pen“-System, das handschriftliche Protokolle digital erfasst. 30 iPads seien bereits angeschafft worden. Das Navigations- und Steuerungssystem „Rescuetrack“ sei jedoch bis heute nicht im Einsatz, da man vorrangige Projekte wie die Telenotfallmedizin nicht habe gefährden wollen. Nach einer Marktanalyse solle das Vergabeverfahren nun im vierten Quartal 2026 beginnen. Bei der Dienstkleidung sei die Anprobe abgeschlossen, die Bestellung stehe nun an.