Königslutter. Es ist alles da. Wenn Harald Groß den Probenraum der Lavie Reha in Königslutter aufschließt, dann steht schon bald das ganze Equipment auf der Bühne: Schlagzeug, Verstärker, Mischpult, Gitarre, Bass, Keyboard – und gleich mehrere Mikrofone. "Ich mache das hier jetzt seit fast 15 Jahren", erzählt der 74-Jährige. "Und schrittweise konnte ich unsere Ausrüstung aufstocken, immer wenn es irgendwo etwas günstig oder sogar als Spende gab." Das teilt die Agentur Regio-Press in einer Pressemeldung mit.
Der Sozialarbeiter im Ruhestand ist noch rüstig unterwegs, fährt den Lastwagen für das Lavie-Sozialkaufhaus „Magazin“, spielt Schlagzeug in mehreren Bands und leitet im Minijob das Musikangebot für die Teilnehmenden der Lavie Reha gGmbH an der Fallersleber Straße 12. "Zwei Stunden pro Woche machen wir hier in der Halle 4 Musik."
Zurzeit geht es etwas ruhiger zu, denn im Sommer wechselt die Besetzung des Kurses. "Da lasse ich Plakate drucken und hänge sie im Hause auf." Das macht die Doppelstunde bald schnell wieder voll. "Der Nachteil ist, dass die Teilnehmenden bei mir nicht bleiben dürfen, wenn sie Lavie verlassen", erklärt Groß. Aus versicherungstechnischen Gründen dürfen keine Externen teilnehmen. "Also heißt es immer dann Abschied nehmen, wenn wir uns musikalisch aneinander gewöhnt und teilweise schöne Entwicklungsschritte gemacht haben."
Ohne Leistungsdruck ausprobieren
Warum ist Musik so wichtig in einer Reha-Einrichtung? "Musik spricht die Seele an, darum finde ich das hier ein ganz wichtiges Angebot", erklärt der Sozialarbeiter. Zudem sei es erforderlich, den Menschen in der Reha einen Bereich zu geben, in dem sie sich mal ohne Leistungsdruck ausprobieren können. "Gerade in der Ausbildung wird ja doch ständig etwas von ihnen verlangt – hier bei mir soll der Spaß im Vordergrund stehen."
Dieser Reiz hat sich offenbar herumgesprochen. Und so standen Ende 2025 plötzlich 25 Neue in Halle 4 vor der Bühne. "Das war natürlich schwierig, zumal ja jeder irgendwie zu seinem Recht kommen soll." Bis zu acht Personen, das sei die ideale Gruppengröße. "Wir haben das dann irgendwie hinbekommen."
Zumal sich auch die Zusammensetzung der Musikfans geändert hat. "Es kommen immer weniger mit eigenem Instrument, und auch an unseren Instrumenten gibt es kein großes Interesse – stattdessen wollen alle singen." Die Anlage ist so ausgelegt, dass sie Stücke komplett vom Band spielen kann, mal mit Gesang, mal ohne. "Dann schalte ich sozusagen Karaoke ein."
"Hier kann man sich austoben"
So wie bei Leonie Kranz und Lisa Neitzel, beide aus Wolfsburg. Sie halten auch diesen Sommer durch und singen am liebsten Abba-Hits. "Ich singe auch zu Hause gern", sagt Leonie, die schon ein Jahr dabei ist, "aber hier in der Gruppe ist es deutlich schöner." Das sieht Lisa ähnlich: "Hier kann man sich austoben – und keiner fällt ein böses Urteil." Allerdings fänden es beide noch besser, wenn echte Musiker auf der Bühne stünden. "Gerade so ein Schlagzeuger macht ja richtig Druck."
Der Antrieb für Harald Groß? Er möchte die Arbeit mit den jungen Leuten nicht missen. "Es kommt zwar immer öfter vor, dass ich die Stücke, die sie sich wünschen, gar nicht kenne", sagt er schmunzelnd. Gleichwohl freue er sich über das durchweg positive Feedback aus der Gruppe. Und auch von den Therapeuten komme gelegentlich eine Rückmeldung: Das schöne Angebot mache den Jugendlichen Spaß, es sorge für Bestätigung, gerade durch die Ehrlichkeit von den Zuhörenden und durch den konstruktiven Ansatz, den der Leiter verfolge. "Ich finde auch großartig, wie schnell alle in einen selbstvergessenen Zustand geraten, sobald die Musik beginnt und sie mit einem Mikrofon in der Hand auf der Bühne stehen."
Erst einmal musste er eingreifen. "Da sang jemand Rap, und nach dem Stück kamen mehrere Mädchen auf mich zu", erzählt der Sozialpädagoge. "Der Text sei frauenverachtend gewesen – ich hatte das gar nicht so mitbekommen." Jedenfalls zog er die Reißleine, und als der junge Sänger uneinsichtig blieb, musste er die Gruppe verlassen. "Es hat mich auf der anderen Seite beeindruckt, wie klar die Mädchen ihr Unbehagen mit dem Text geäußert haben."
Musikgruppe live erleben
Übrigens kann man die Musikgruppe und ihre Erfolge in gewissen Abständen live erleben. So trat sie im vorigen Jahr beim Sommerfest auf, und auch bei der Weihnachtsfeier gibt es schöne Gelegenheiten. "Es ist erstaunlich zu sehen, wie unterschiedlich die Jugend vor solchen Auftritten reagiert", schildert Groß. Die einen seien euphorisch, die anderen ängstlich angesichts von 200 Gästen im Publikum – darunter nicht wenige Freunde und Familienmitglieder. "Am Ende sagen sie aber immer alle: Das war eine tolle Sache."
Termin: Immer dienstags von 10 bis 12 Uhr in Halle 4 (Galvanik).

