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Kollege stirbt - Volkswagen-Mitarbeiter arbeiten trotz Leiche weiter

In den sozialen Medien werfen User dem Volkswagen-Konzern ein pietätloses Verhalten vor, nachdem es im Wolfsburger Werk zu einem Todesfall kam.

von Werner Heise


Bereits im Dezember 2019 kam es während einer Nachtschicht zu einem Todesfall.
Bereits im Dezember 2019 kam es während einer Nachtschicht zu einem Todesfall. Foto: Sandra Zecchino

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26.02.2020

Wolfsburg. Während einer Nachtschicht im Wolfsburger Volkswagen-Werk stirbt ein Mitarbeiter an Herzversagen, der Leichnam wird abgedeckt und die Kollegen am Band arbeiten nur wenige Meter daneben weiter. Diese Nachricht wird derzeit in den sozialen Netzwerken verbreitet und stark kritisiert.



Der Vorfall ereignete sich bereits im Dezember 2019 und erfährt nun durch den auf Facebook und Twitter verbreiteten Ausschnitt eines Zeitungsartikels erhöhte Aufmerksamkeit. Unter der Überschrift "Grenzenlos pietätlos" wird hier darüber berichtet, dass der Verstorbene bis zum Abtransport durch den Bestatter für mindestens zwei Stunden am Band gelegen habe und dieses währenddessen nicht gestoppt worden sei. Begründet worden sei dies vom Vorgesetzten mit einer äußerst pietätlosen Bemerkung, die wir an dieser Stelle nicht veröffentlichen.

Erschienen ist dieser als Meinungsstück verfasste Artikel angeblich in einer Mitarbeiterzeitung von Volkswagen-Kollegen namens "Vorwärtsgang". Auf Anfrage von regionalHeute.de erklärt ein Volkswagensprecher, dass die Zeitung und auch der Artikel dort zwar bekannt seien, es sich jedoch nicht um eine Mitarbeiterzeitung handele. Man spricht hingegen von einem Infoblatt der Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschlands (MLPD). Letztere verneint dieses auf Anfrage, schließt jedoch nicht aus, dass auch Parteimitglieder an dem dort ebenfalls bekannten Blatt mitwirken.

Tatsächlich lässt sich die Quelle - sprich veröffentlichende Zeitung - der aufgestellten Behauptungen nicht ohne Weiteres ausfindig machen. Und dennoch, der Fall steht in der Öffentlichkeit und wird auf unsere Anfrage hin in Teilen von Volkswagen auch bestätigt.

Stopp der Linie hätte einen "Rattenschwanz" nach sich gezogen



Anders als verbreitet, habe man den Leichnam jedoch nicht hinter Materialkisten versteckt, sondern mit Fahrzeugen des Werkschutzes von Beginn der Wiederbelebungsversuche, bis zum Abtransport des Leichnams durch den Bestatter, einen Sichtschutz gebildet. Hiermit habe man auch Schaulustige oder gar Fotoaufnahmen verhindern wollen.


Richtig sei indes, dass die Produktion am Band gut zehn Meter daneben weiterlief. Ein Stopp der Linie hätte "einen Rattenschwanz" nach sich gezogen, der sich auch auf die Bänder davor und dahinter ausgewirkt hätte, erklärt ein Unternehmenssprecher. Man müsse sich dies wie bei Zahnrädern, die ineinandergreifen vorstellen.

"Ein Flugzeug fliegt auch weiter"



Wäre der Todesfall in einem Supermarkt passiert, hätte man anders handeln können. Und der Personalsprecher ergänzt, dass das Flugzeug auch weiterfliege, wenn darin jemand stirbt und auch die Bahn bis zum nächsten Bahnhof weiterfahre. Unter den industriellen Umständen wie bei VW ginge das nicht anders.

Welche Schadenshöhe Volkswagen entstanden wäre, hätte man die Bänder bis zum Abtransport der Leiche angehalten, Abstand zum Verstorbenen geschaffen und den direkt betroffenen Mitarbeitern Raum zur Verarbeitung der Geschehnisse gegeben, konnte das Unternehmen nicht mitteilen.

Notfallseelsorger war vor Ort



Dass der Leichnam über längere Zeit dort liegen musste, ist einer juristischen Tatsache geschuldet. Bei einer unklaren Todesursache, als die solch ein Vorkommnis für gewöhnlich vom Rettungsdienst eingestuft wird, darf der Leichnam erst wieder bewegt werden, wenn dieser von der Polizei freigegeben wurde.

Für die Mitarbeiter der Schicht sei noch in der Nacht ein Notfallseelsorger vor Ort gewesen. Zudem habe es am nächsten Tag eine Gesprächsrunde mit den werkseigenen "Sozial-Coaches" gegeben, die auch in Trauerbegleitung geschult seien. Auch das Angebot vorerst an einer anderen Stelle eingesetzt zu werden habe es gegeben.

Der Personalsprecher ist sich sicher: "Pietätvoller als es abgelaufen ist, kann man es nicht machen!" Und weiter: "Dieses Unternehmen verhält sich so anständig den Mitarbeitern gegenüber. Das sind unsere Leute, um die kümmern wir uns selbstverständlich!"

Sprüche sind nicht gefallen



Den Vorwurf der pietätlosen Sprüche, die nach dem Tod des Mitarbeiters auch vom Meister gefallen sein sollen, weist Volkswagen entschieden zurück. Man habe sich sowohl mit dem Meister als auch mit mehreren Mitarbeitern der betroffenen Schicht unterhalten, von denen niemand derartiges bestätigt habe.


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