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Lage am Frankenberger Teich spitzt sich zu - "Da ist Gefahr im Verzug"



Goslar

Lage am Frankenberger Teich spitzt sich zu - "Da ist Gefahr im Verzug"

Der Teich verliert unkontrolliert Wasser, ist völlig von Algen überwuchert und an den Gebäuden entlang des Claustorwalles bilden sich unerklärliche Risse. Der Hydrogeologe und Historiker Dr. Friedhart Knolle vermutet einen Zusammenhang.

von Marvin König


Solche Risse finden sich an vielen Gebäuden am Claustorwall. Sie reichen häufig vom Dach bis runter ins Fundament.
Solche Risse finden sich an vielen Gebäuden am Claustorwall. Sie reichen häufig vom Dach bis runter ins Fundament. Foto: Marvin König

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Goslar. Der Frankenberger Teich ist seit Jahren ein Sorgenkind. Seit einiger Zeit scheinen sich die Probleme jedoch zu häufen: der Wasserpegel schwankt stark, der Damm ist laut der Goslarer Stadtverwaltung undicht und im Umfeld des Teiches ist ein strenger Geruch wahrnehmbar. Aus dem Idyll am Fuße des Steinbergs ist ein algenverseuchter Sumpf geworden. Zusätzlich weisen einige der Häuser am Claustorwall verdächtige Risse auf. Könnten all diese Probleme zusammenhängen? Der Hydrogeologe und BUND-Vorsitzende Dr. Friedhart Knolle hat einen schrecklichen Verdacht.



Wir trafen Dr. Knolle am Frankenberger Teich. Er berichtet, dass es einen Zusammenhang zwischen dem undichten Damm und der starken Veralgung des Teiches geben könnte. Vom Steinberg fließt die Trüllke hinab, ein kleiner Bach, der den Teich mit Wasser versorgt. Eigentlich sollte das Gewässer immer so viel Wasser bekommen, bis der Pegelstand ausreichend gestiegen ist und den Überlauf erreicht. Jedoch ist dieser Überlauf trotz des konstanten Zulaufes an Wasser offenbar seit Jahren nicht erreicht worden.

"Wenn das Wasser stagniert, droht ein Teich umzukippen", erzählt Knolle mit Blick auf die dichte, rotbraune Algenschicht auf dem Gewässer. Durch die auffällige Algenblüte sei zudem aufgefallen, dass es zwar einen Zulauf zum Teich gebe, aber keinen Ablauf: "Das Wasser verschwindet im Untergrund." Der Hydrogeologe erzählt in diesem Zusammenhang auch von einem Handyvideo, in dem zu sehen ist, wie Wasser aus einem Loch in der Talsohle gluckert. Doch wo geht das Wasser hin?

Eine historische Gefahr


Der Frankenberger Teich ist ein alter Fischteich der Mönche im Kloster Frankenberg. Später wurde er zum Wasserversorgungsteich der Stadt Goslar. "Die Stadt hatte immer große Probleme mit der Wasserqualität. Schwermetalle aus dem Bergbau flossen vom Rammelsberg hinab und verseuchten das Wasser. Der Teich erhält Wasser aus dem Trüllketal, sauberes, nicht bergbauverseuchtes Wasser", erzählt Knolle und zeigt eine Stadtkarte, die aus der Feder des im Jahr 2016 verstorbenen Historikers Hans-Günther Griep stammt. Griep beschäftigte sich eingehend mit der Goslarer Geschichte und forschte auch an den sogenannten "Wasserreisen". Dabei handelt es sich um Kanäle, welche die Stadt Goslar lange Zeit mit sauberem Trinkwasser versorgten. Eine dieser Wasserreisen, die sich aus dem Frankenberger Teich speiste, vermutete Griep unter dem heutigen Claustorwall. Dort, wo heute denkmalgeschützte Häuser stehen und lebhafter Verkehr herrscht, war vor etwa 200 Jahren noch der äußere Wallgraben zwischen der inneren Stadtmauer und der äußeren "Feldmauer".


Dr. Friedhart Knolle, erster Vorsitzender des BUND-Regionalverbandes Westharz. Foto: Marvin König




Dr. Friedhart Knolle fasst die Probleme des Frankenberger Teiches zusammen. Podcast: Marvin König

Genau dort, wo Griep die Wasserreise der Trüllke vermutete, machen sich nun Häuserschäden bemerkbar. "Es ist schon auffällig, wenn ein Gebäude Risse hat, das kann immer mal passieren, aber wenn die Risse bis ins Fundament ziehen, wenn sich Fensterbänke verschieben, nicht nur um Millimeter, sondern im Zentimeterbereich, dann ist im Untergrund irgendwas los. Und deswegen die Vermutung - und die wird je mehr ich Akten lese immer klarer - Dass dieses Wasser das hier versickert aus dem Teich in die Stadt Goslar fließt." Die imposanten Befestigungsanlagen wurden bedingt durch das Wachstum der Stadt Goslar eingeebnet, der Vititor-Graben durch einen begehbaren Gewölbekanal ersetzt. Knolle äußert die Vermutung, dass dies ein Ansatzpunkt für die weitere Ursachenforschung sein könnte: "Vielleicht ist der alte Kanal verstopft oder zusammengebrochen? Oder der Fließweg wurde reaktiviert?"

"Gefahr im Verzug"


Im verrohrten Kanal, der das Wasser aus dem Frankenberger Teich abführen soll, fließt schon lange kein Wasser mehr. Dass das unkontrolliert aus dem Frankenberger Teich abfließende Wasser sich seinen eigenen Weg gesucht und den Weg zurück in seinen historischen Verlauf gefunden hat, sei aus hydrogeologischer Sicht durchaus möglich. "Wenn man nicht weiß, wo Wasser hinfließt, dann ist Gefahr im Verzug", mahnt Knolle eindringlich.

Wir gehen mit Dr. Knolle den Claustorwall hinab. Die Häuser auf der stadteinwärts gesehen rechten Seite weisen nahezu alle Risse auf. Teils von weitem sichtbar. Bei einem der Häuser sind Balkone auf eine Säule gestützt, die sich aber in einem auffälligen Winkel vom Gebäude wegneigen, bei anderen Häusern ziehen sich Fingerbreite Risse vom Dach bis in das Fundament. "Hier beginnt dann Statistik", stellt Knolle fest und weist auf eine stattliche Reihe an Gebäuden aus den unterschiedlichsten Baujahren, die nahezu dasselbe Schadensbild aufweisen.


Obwohl schon mehrfach verfüllt, scheinen sich die Risse weiter auszudehnen. Einige sind so Breit, dass eine Hand hineinpassen könnte. Foto: Marvin König



Risse haben seit 2018 zugenommen


Till Liebau wohnt nahe des Frankenberger Teiches und ist bereit, mit regionalHeute.de über die auffälligen Entwicklungen in der Gegend zu sprechen. Sowohl innen, als auch außen ziehen sich an seinem Haus auffällige Risse entlang. "Vor etwa zwei Jahren war hier eine nächtliche Aktion, das muss wohl von Eurawasser gewesen sein, da hieß es, es läuft Wasser und man wusste nicht genau woher, und auf der Straße im Rinnstein war tatsächlich laufendes Wasser sichtbar. Auf meine Frage hin, woher das Wasser denn komme hat man mir gesagt: 'Na, da ist man selber noch am Suchen'", berichtet der Hauseigentümer.


Anwohner Till Liebau und seine Frau Uta Liebau. Foto: Marvin König



Seit diesem Zeitpunkt hätten die Risse in seinem Haus stetig zugenommen, teilweise hatte er sogar Wasser im Keller. "Ich selber hatte den Zusammenhang zwischen den Mauerrissen bei uns und einer eventuellen Problematik des Frankenberger Teiches nicht gesehen. Wir sind durch einen Berater darauf aufmerksam gemacht worden, dass hier eventuell doch ein Zusammenhang bestehen könnte zwischen der Tätigkeit von Eurawasser und unseren Schäden am Haus." Liebau berichtet, dass es seinen Nachbarn noch schlimmer getroffen hätte - Dieser habe sogar eine Pumpe im Keller installieren müssen, um dem eindringenden Wasser Herr zu werden.


Auch das Haus von Till Liebau ist mit Rissen durchsetzt. Sogar im Innenraum sind in den letzten Jahren Decken und Wände eingerissen. Foto: Marvin König



Ein juristisches Debakel droht


Liebau und Knolle warten mit Indizien auf, mit denen man Bücher füllen könnte. "Jetzt muss dringend irgendwas geschehen. Mindestens die sofortige Abdichtung dieses Dammes. Und dann muss geklärt werden, wer ist verantwortlich für die Rissschäden in diesen Gebäuden", fordert Knolle und erklärt: "Wenn ein Hausfundament irreversibel beschädigt ist, dann muss das repariert werden. Im Zweifelsfall, wenn da ein Hohlraum unter dem Haus ist muss dieser Hohlraum verfüllt werden. Im allerschlimmsten Fall werden solche Häuser unbewohnbar - so schlimm wird es wohl hier nicht werden, aber hier geht es um große Schäden."

Gutachten empfahl schon 2019 Maßnahmen


Ratsherr Stefan Eble (SPD) stellte mit seiner Fraktion bereits im April eine Anfrage zum Wasserverlust des Frankenberger Teiches an die Stadtverwaltung. "Die Antwort damals fand ich etwas dünn und unzureichend", stellt Eble im Gespräch mit regionalHeute.de fest und berichtet, dass Anwohner sich in Sorge um die Zukunft des Teiches bei seinem Ortsverband gemeldet hätten. Bei einer Akteneinsicht habe Eble ein Gutachten aus dem Mai 2019 entdeckt. "Da wurde empfohlen, den Damm von innen abzudichten, den Bewuchs zu entfernen und mit Lehm wieder eine Wasserdichte herzustellen. Das ist bislang offensichtlich nicht passiert. Nach meiner Kenntnis ruht da der See, im wahrsten Sinne des Wortes, ziemlich still."

Die Fragen sind da, die Antwort steht aus


In den Haushaltsplan 2020 waren für Sanierungsarbeiten am Damm des Teiches eigentlich 10.000 Euro Budget eingeplant worden. Die Antwort der Verwaltung auf eine weitere Anfrage der SPD, weshalb diese Maßnahmen noch nicht durchgeführt worden seien, steht aus. Eble hält es für möglich, dass noch große Probleme auf die Stadt zukommen könnten: "Die Anwohner sehen ja jetzt die Risse und werden ganz schnell auf die Idee kommen, sich da einen Sachverständigen zu suchen. Die Frage ist eben, kann man das alles nachweisen, ob da irgendwelche Versäumnisse zu irgendwelchen Schäden geführt haben? Das ist eine schwierige Frage. Ich meine, dass da auf jeden Fall Ärger droht." Die Aufklärung, so Eble abschließend, obliege letztendlich Geologen und Gutachtern.


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