Braunschweig. Bei der Volksbank BRAWO ist der langjährige Vorstandsvorsitzende Jürgen Brinkmann mit sofortiger Wirkung von seinen Aufgaben freigestellt worden. Der Aufsichtsrat begründet den Schritt mit "unterschiedlichen Auffassungen über die zukünftige Ausrichtung der Unternehmensgruppe". Was das konkret bedeutet, bleibt unklar. Im Juli 2022 hatte Brinkmann im Gespräch mit regionalHeute.de gesagt "Mit Geld kann man auf Dauer kein Geld mehr verdienen." und seine Strategie der Unternehmensbeteiligungen erklärt.
Die Personalentscheidung markiert einen tiefen Einschnitt bei einer der größten Genossenschaftsbanken Norddeutschlands. Noch Ende 2025 hatte die BRAWO Carsten Ueberschär zum 1. Januar 2026 in den Vorstand berufen und erklärt, Brinkmann, Lars Berkefeld und Ueberschär würden die Bank und die BRAWO GROUP künftig gemeinsam führen. Damals bezeichnete sich das Institut als wirtschaftlich "gut und gesund aufgestellt".
Eine strategische Zäsur bei der Volksbank BRAWO
Nun kündigt der verbleibende Vorstand an, dem Aufsichtsrat vorsorglich einen Antrag auf Deckungsmaßnahmen bei der Sicherungseinrichtung des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken vorzuschlagen. Berkefeld betont zugleich, die Bank erfülle die harten Kapitalanforderungen sowie Liquiditätsanforderungen. Der Antrag solle helfen, die Neuausrichtung der BRAWO GROUP zu erleichtern; auf Mitglieder, Kunden und Beschäftigte habe dies nach Darstellung der Bank keine Auswirkungen.
Hinter dem Machtwechsel steht demnach nicht nur ein Personalstreit, sondern eine strategische Zäsur. Die BRAWO hatte sich in den vergangenen Jahren weit über das klassische Genossenschaftsbankgeschäft hinaus entwickelt. Die eigene Gruppe umfasst nach früheren Angaben der Bank inzwischen mehr als 400 Unternehmen. Zur Gruppe zählen Aktivitäten unter anderem in Immobilien, Beteiligungen, Corporate Investments, Green Energy und weiteren Geschäftsfeldern. So zählen unter anderem die Braunschweiger Traditionsbrauerei Hofbrauhaus Wolters ebenso wie die Medien für die Region GmbH, zu der regionalHeute.de gehört, zu den Tochterunternehmen der Volksbank BRAWO.
Verdacht der Untreue - Staatsanwaltschaft ermittelt
Gerade diese breite Aufstellung steht seit Monaten unter Beobachtung. Branchenmedien berichteten über Druck aus Immobilien- und Beteiligungsgeschäften sowie über Risiken durch Wertberichtigungen. Besonders belastend sind dabei die Vorgänge rund um die BRAWO-Beteiligungen Jitpay und BG Gastro. Das Handelsblatt berichtete Anfang April, die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittle wegen des Verdachts der Untreue gegen Brinkmann sowie ein zweites Vorstandsmitglied. Die Ermittlungen gingen demnach auf zwei Strafanzeigen zurück. Die Staatsanwaltschaft bestätigte laut Handelsblatt Ermittlungen „gegen verantwortlich Handelnde der Volksbank Brawo“, nannte aber keine weiteren Details. Für alle Betroffenen gilt die Unschuldsvermutung.
Im Kern geht es laut Handelsblatt unter anderem um den Verdacht, dass über ein Darlehen an die Minderheitsbeteiligung Legacy Consulting GmbH Forderungen aus dem Umfeld der Jitpay Financial finanziert worden sein könnten. Jitpay GmbH hatte 2024 Insolvenz angemeldet; Jitpay Financial gehörte später vollständig zur BRAWO und stellte im Oktober 2025 den Betrieb ein. Die Bank wies die Vorwürfe aus der Klage zurück.
Die Einschaltung der BVR-Sicherungseinrichtung ist ein Signal mit Gewicht. Der BVR beschreibt seine Sicherungseinrichtung als Institutsschutzsystem, das drohende oder bestehende wirtschaftliche Schwierigkeiten bei angeschlossenen Instituten abwenden oder beheben soll. Sie kann präventive Maßnahmen und Sanierungsmaßnahmen zugunsten von Banken ergreifen; Ziel ist es, Insolvenzen und damit Entschädigungsfälle zu verhindern.
Kritische Prüfung der Geschäftsstrategie
Die BRAWO versucht dennoch, das Signal zu entschärfen. Vorstandssprecher Berkefeld erklärte, es sei nicht ausgeschlossen, dass die Bank die aus Wertberichtigungen resultierenden Risiken aus eigener Kraft abbauen könne. Zugleich kündigte er an, die bisherige Geschäftsstrategie der BRAWO GROUP kritisch zu prüfen. Details zu Restrukturierungsmaßnahmen will das Institut im Zuge der Berichterstattung über den Jahresabschluss 2025 nennen.
Damit endet vorerst die Ära Brinkmann, der die Bank seit 2006 als Vorstandsvorsitzender prägte und den Ausbau zur breit verzweigten BRAWO GROUP maßgeblich verkörperte. Ob seine Freistellung vor allem Ergebnis strategischer Differenzen ist oder auch Folge des wachsenden Drucks durch Ermittlungen, Wertberichtigungen und Kritik am Beteiligungsmodell, kann derzeit nur spekuliert werden.
