Region. Wer tankt, zahlt nicht nur für Kraftstoff. Im Preis stecken auch staatliche Abgaben. Das fällt gerade jetzt besonders auf: Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes waren Kraftstoffe im März 2026 um 20,0 Prozent teurer als ein Jahr zuvor. Genau in diese Preisentwicklung fällt eine Debatte, die seit Jahren schwelt, weil auf mehrere Preisbestandteile am Ende zusätzlich 19 Prozent Mehrwertsteuer erhoben werden.
Viele nennen das eine „doppelte Belastung“. Das Bundesfinanzministerium (BMF) sieht das anders. Nach Darstellung des Ministeriums liegt der Grund im System der Umsatzsteuer, umgangssprachlich Mehrwertsteuer. Besteuert wird nicht jede Abgabe einzeln, sondern der gesamte Preis, den Verbraucher an der Zapfsäule zahlen. Und zu diesem Preis zählen nach deutschem und europäischem Recht auch Energiesteuer und CO2-Kosten.
Deshalb fällt auf staatliche Preisbestandteile Mehrwertsteuer an
Sprecher Lars Harmsen teilte auf Anfrage mit: „Auch soweit mit der Gegenleistung Kostenelemente wie bspw. andere vom Unternehmer geschuldete Steuern oder Abgaben abgegolten werden, sind diese unselbständigen Preisbestandteile nicht aus der Bemessungsgrundlage auszuscheiden.“ Genau deshalb fällt auf diese staatlichen Preisbestandteile ebenfalls Mehrwertsteuer an.
Warum das rechtlich so geregelt ist
Die Konstruktion folgt nach Darstellung des Bundesfinanzministeriums nicht einer Sonderregel nur für Kraftstoff. Sie beruht auf Regeln, die im Umsatzsteuerrecht und in der europäischen Mehrwertsteuerrichtlinie verankert sind. Nach Artikel 78 der Richtlinie gehören Steuern und Abgaben grundsätzlich zur Grundlage, auf die Mehrwertsteuer erhoben wird, ausgenommen die Mehrwertsteuer selbst.
Das bedeutet auch: Deutschland könnte dieses System nicht ohne Weiteres allein ändern. Harmsen weiter: „Eine Änderung des Umsatzsteuergesetzes würde deshalb eine Änderung der Mehrwertsteuerrichtlinie voraussetzen.“ Der Bundesregierung sei derzeit nicht bekannt, dass die Europäische Kommission eine solche Änderung plane.
Warum viele trotzdem von doppelter Belastung sprechen
Für Verbraucher klingt diese juristische Begründung oft abstrakt. An der Zapfsäule wirkt es einfacher: Erst werden staatliche Abgaben fällig, dann wird darauf noch einmal Umsatzsteuer erhoben. Für viele entsteht so der Eindruck, dass auf Abgaben noch einmal Abgaben kommen.
Auch der Braunschweiger Bundestagsabgeordnete Carsten Müller (CDU) stellt die Kritik nicht einfach in Abrede. „Ich habe Verständnis für diesen Eindruck. Allerdings ist dies die häufig hinterfragte Systematik der Umsatzbesteuerung. Dies gilt für alle Bereiche seit Einführung der Mehrwertsteuer am 01.01.1968 so.“ Damit erkennt auch ein Unionspolitiker an, dass die Kritik einen realen Nerv trifft.
Verdient der Staat bei hohen Preisen automatisch mehr?
Oft folgt daraus der nächste Vorwurf: Wenn der Spritpreis steigt, steigen automatisch auch die Mehrwertsteuereinnahmen des Staates. So einfach sei das nicht, argumentiert das Bundesfinanzministerium. Im Monatsbericht April 2026 verweist das Haus darauf, dass hohe Preise nicht automatisch höhere Einnahmen bedeuten, etwa wenn wegen hoher Kosten weniger getankt wird.
Auch Müller widerspricht der These eines sicheren Zusatzgewinns für den Staat. „Inwieweit die steigenden Spritpreise zu tatsächlichen Mehreinnahmen des Staates führen, ist umstritten. Das hängt nämlich auch damit zusammen, ob die hohen Spritpreise zu einem Absatzrückgang führen, wodurch auch die Steuereinnahmen sinken.“ Steuermechanik und tatsächliches Steueraufkommen seien deshalb nicht automatisch dasselbe.
Der CO2-Preis soll lenken, sorgt aber für Streit
Hinzu kommt, dass der CO2-Preis ausdrücklich politisch gewollt ist. Er soll fossile Energien verteuern und klimafreundlicheres Verhalten fördern. Genau das führt aber zum Konflikt. Denn was als Lenkungsinstrument gedacht ist, wird im Alltag vieler Pendler zunächst als Mehrbelastung erlebt.
Gerade in ländlichen Regionen, wo viele Menschen auf das Auto angewiesen sind, berührt das nicht nur Klimapolitik, sondern soziale Fragen. Wer keine Alternative zum Auto hat, kann steigenden Kosten oft nicht ausweichen. Genau deshalb entzündet sich an der Zapfsäule längst auch eine Debatte über Fairness.
Warum selbst Entlastung neue Kritik auslöst
Entlasten soll unter anderem eine steuer- und abgabenfreie Prämie von bis zu 1.000 Euro, die Arbeitgeber nach Darstellung der Bundesregierung freiwillig zahlen können. Kritiker bemängeln allerdings, dass die Zahlung freiwillig ist und damit stark davon abhängt, bei welchem Unternehmen jemand beschäftigt ist.
Auch dazu kommt Kritik aus der Politik. Müller sagt: „Ich halte das Modell der freiwilligen Entlastungsprämie in dieser angespannten wirtschaftlichen Situation nicht für eine besonders kluge Maßnahme.“ Gerade weil nicht alle gleichermaßen profitieren, wirft auch dieses Instrument neue Gerechtigkeitsfragen auf.
Warum aus einer Preisfrage ein Vertrauensproblem wird
Zwar verweist die Politik auf Entlastungen wie die erhöhte Pendlerpauschale. „Die Pendlerpauschale wurde zur Entlastung der Pendler und Menschen im ländlichen Raum zum 01.01.2026 bereits erhöht, über eine weitere Anhebung wird noch zu beraten sein.“ Doch selbst zusätzliche Entlastungen ändern wenig daran, dass viele Verbraucher vor allem die Konstruktion des Systems hinterfragen.
Denn genau dort liegt der eigentliche Konflikt. Nicht nur in der Höhe des Spritpreises, sondern in der Frage, wie nachvollziehbar staatliche Belastungen überhaupt noch sind. Wenn Energiesteuer, CO₂-Preis und darauf erhobene Mehrwertsteuer zusammenwirken, entsteht für viele nicht nur ein Kostenproblem. Viele fragen sich auch, ob diese Belastungen noch nachvollziehbar sind. Gerade das erhöht politischen Druck, weil es für viele nicht nur um hohe Tankpreise geht, sondern um Vertrauen in staatliche Regeln.

