Cinestar. Wenn Meryl Streep vor die Kamera tritt, dann nimmt sie ihre 19 Oscar-Nominierungen immer gleich mit ins Bild. Bei jeder Rolle der dreifachen Oscar-Preisträgerin stellt man sich unweigerlich die Frage: Erspielt sie sich jetzt das nächste goldene Männchen? Die 66-jährige muss sich also ständig an sich selber messen. Gar nicht so einfach, vor allem dann, wenn man Teil eines Films ist, der lediglich im Bereich der Mittelmäßigkeit herum dümpelt.
"Ich bin stolz ein amerikanisches Mädchen zu sein." Das ist einer der ersten Sätze, die Meryl Streeps Rolle Ricki über die rockigen Lippen gehen. So lernt man sie schon ganz am Anfang kennen: Ein Mädchen voller Widersprüche, ein Mädchen über 60, ein Mädchen mit Stolz obwohl sie ihren Rockstar-Traum verfehlt hat und ihr täglicher Ruhm auf der Bühne einer amerikanischen Kneipe stattfindet, die wir in Deutschland "Spelunke" nennen würden. Es geht also um einen zerrissenen Charakter, ein Faustsches Motiv von zwei Seelen in einer Brust, um zwei amerikanische Träume, die beide für sich alleine ihren Glanz haben mögen, aber zusammengenommen anscheinend ein kaputtes Leben machen. Ist sie nun Rockstar oder Mutter? Republikanisch oder liberal? Alt oder jung? Ricki weiß es selbst noch nicht und versucht, nach Jahren wieder mit ihrer Familie konfrontiert, endlich wieder beides unter einen Hut zu bringen.
Ihren Mann und ihre drei Kinder hat Ricki vor vielen Jahren für ihr Musiker-Leben zurück gelassen. Nicht unbedingt gewollt. Es hat sich vielmehr ergeben, weil sie ihren Traum nicht los lassen wollte. Ein Traum, der in das Familienleben nicht so ganz hinein passen wollte. Seitdem spielt Ricki mit ihrer Band nachts in ihrer Stammkneipe und arbeitet tagsüber in einer dieser unsympathischen und übergroßen amerikanischen Supermarktketten. Sie ist also ihrem Traum gefolgt, aber irgendwo mittendrin auf der Strecke liegen geblieben. Statt eigenen Songs spielt ihre Band ausschließlich Coverversionen von Rock-Klassikern und statt einem Leben voller Sex, Drugs and Rock'n'Roll wird jeder Pfennig dreifach umgedreht.
Ein Anruf ihres ehemaligen Mannes bringt sie dann aber plötzlich wieder in Verbindung mit ihrer Familie. Ihre Tochter wurde nach einer kurzen Ehe sitzen gelassen und hat sich depressiv zurückgezogen. Hier soll Ricki helfen, also gerade diejenige, die in den Augen ihrer Kinder, die Familie damals auseinander gerissen hat. Eigentlich handelt es sich bei "Ricki - Wie Familie so ist" also um eine Geschichte mit jeder Menge dramatischem Potential, das durch eine sich durchziehende Komik aber schnell geschwächt wird. Geschaffen wird diese Komik vor allem durch die depressive Tochter, die mit ihren ungewaschenen, verfilzten Haaren eine so pubertäre Wut durch ihre Augen auf das ganze Leben wirft, dass man sie unmöglich ernst nehmen kann.

"Sehr guter Film. Auch wegen der Musik. Stimmte nachdenklich und war was zum Lachen. " Foto: Jan Borner
Damit steht die Tochter allerdings nicht alleine da. Der Konflikt der Familie, die angebliche Wut der Kinder auf ihre Mutter, die Ablehnung ihre Lebensstils, das alles scheint in diesem Film nicht mehr zu sein als ein kurzer pubertärer Trotz, der so locker sitzt, dass er sich schon fast durch einen schmunzelnden Stupser wieder auflösen lässt. Das Happy End liegt also von vorne herein schon auf der Hand. Ist aber auch genau deshalb so dringend nötig, um den Film abzurunden und zu einem Erlebnis zu machen, das einen letztlich doch zufrieden zurücklässt. Aber was ist es denn eigentlich, dieses Happy End? Geht einer der beiden großen Träume - Rockstar oder Familie - endlich in Erfüllung? Ja und nein, eben beides so halb. Aber immerhin, "Ricki - wie Familie so ist" gibt zum Schluss zumindest ein klares Urteil darüber ab, wie Familie eben so ist: Eine Gruppe von Individuen, die entweder lernt sich zu akzeptieren oder trotzig auseinander bricht.



