KolumneHeute: Kind, du brauchst Fleisch

von Sina Rühland



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Wolfenbüttel. Als langjähriger Vegetarier oder Veganer ist das eigene Essverhalten eigentlich kein konstruktives Gesprächsthema mehr. Dennoch antwortet man jedes Mal höflich auf Fragen wie "Ist das nicht sehr einseitig?“, "Isst du nicht den Tieren das Essen weg?“, "Aber Wurst essen Sie doch?“, "Haben Pflanzen denn keine Gefühle?“.

Um eine der Fragen eben schnell zu beantworten: Nein, ich bin weder unter- noch mangelernährt. Auf die anderen drei Fragen antworte ich meistens mit einem verzweifelten Kopfschütteln. Angefangen hat mein Fleischverzicht irgendwann im Kindesalter. Wie es dazu kam, dass ich das, was auf dem Teller lag, auch als Lebewesen wahrgenommen habe, weiß ich nicht mehr genau. Allerdings vermutete ich, es könnte zum Teil an der fleischlastigen, polnischen Küche gelegen haben, die uns Mama Lewandowska nach der Schule auf den Tisch stellte. "Apetyt przychodzi w miarę jedzenia." – Der Appetit kommt beim Essen. Sieht man als realitätsentfernter Teenager das erste Mal, dass zu dem Eisbein tatsächlich auch ein Körper gehört, dann stellt man sich doch die eine oder andere Frage dazu. Im Laufe der Jahre taten Filmaufnahmen von in aller Heimlichkeit gefilmten Tierquälereien ihr Übrigens – ich beschloss Vegetarier zu werden. Seither traute mir auch wohl Mama Lewandowska nicht mehr über den Weg.

Meiner Mutter habe ich mit dieser Entscheidung im Übrigen nur bedingt einen Gefallen getan; sie fing damals an, die Fleisch-Klößchen akribisch aus der Fleisch-Klößchen-Suppe zu fischen und die Sauce durch ein Sieb zu rühren. Einige Zeit später wollte ich dann nichts mehr essen, was irgendwie mit toten Tieren in Berührung kam. Also fingen Mama und Oma an, jedes Gericht zwei Mal zuzubereiten. Das ist nun viele Jahre her und meine Eltern dürften sich damit abgefunden haben; vielleicht können sie es sogar manchmal nachvollziehen. Mein Vater findet es jeden Sommer unheimlich lustig, mir mitzuteilen, dass meine Soja-Würstchen nicht brennen – er hätte es mehrmals versucht und nichts sei passiert.



Völlig waghalsig probiert also meine Familie seither die Bratlinge, die zwar nach Buletten aussehen, jedoch aus Soja-Weizen bestehen. Meist bleibt es bei dem einen Versuch. Als mir mein Vater vor einiger Zeit verkündet hat, er wolle nun öfter auf Fleisch verzichten, war ich begeistert. Zwar hatte ich nie den Zwang zu missionieren, zumal ich weiß, dass es Menschen gar nicht gerne haben, wenn man ihnen das dampfende Essen auf dem Teller madig macht, und doch freute es mich. Nun kann ich vielleicht darauf hoffen, nie wieder hören zu müssen: "Bist du schon wieder erkältet? Kind, du brauchst Fleisch!“