Zeckenstich mit Folgen: Wenn Fleisch plötzlich zur Gefahr wird

Ein einziger Zeckenstich kann ausreichen, damit der Körper künftig auf Rind, Schwein oder Wild mit einem allergischen Schock reagiert. Ärzte und Gesundheitsämter in der Region ordnen ein, wie ernst das sogenannte „Alpha-Gal- Syndrom" zu nehmen ist – und warum viele Fälle wahrscheinlich unentdeckt bleiben.

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Symbolfoto. | Foto: Anke Donner

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Region. Wer nach einem Steak oder Schweinebraten plötzlich Atemnot oder einen Kreislaufzusammenbruch erleidet, denkt dabei selten an eine Zecke als Ursache. Genau das macht das Alpha-Gal-Syndrom tückisch: Die Allergie gegen das Zuckermolekül „Galaktose-alpha-1,3-Galaktose", kurz Alpha-Gal, entsteht meist nach wiederholten Stichen des Gemeinen Holzbocks und schlägt zeitversetzt zu.



„Zwischen dem Verzehr von Säugetierfleisch und der allergischen Reaktion können zwei bis zwölf Stunden vergehen“, erklärt Dr. Suzan Akanay-Diesel, Fachärztin für Dermatologie, Venerologie und Allergologie an der Hautarztpraxis im MVZ des Städtischen Klinikums Wolfenbüttel. Dazu zählen laut der Fachärztin Nesselsucht, Schwellungen an Lippen oder Augenlidern, Atemwegsbeschwerden, Übelkeit und Erbrechen – in schweren Fällen auch ein anaphylaktischer Schock mit Kreislaufversagen und Bewusstlosigkeit. Genaue Fallzahlen für die Region oder für ganz Deutschland gibt es nicht – das zeigen schon die Antworten, die regionalHeute.de von Gesundheitsämtern und einer Fachärztin vor Ort bekommen hat.

Keine Meldepflicht, vermutlich hohe Dunkelziffer


Für das Alpha-Gal-Syndrom besteht keine Meldepflicht, teilt das Niedersächsische Landesgesundheitsamt (NLGA) auf unsere Anfrage mit. Frühere Schätzungen der Europäischen Stiftung für Allergieforschung (ECARF) aus dem Jahr 2019 gingen von rund 100 dokumentierten Fällen bundesweit aus. Eine gezielte Untersuchung von Zecken auf Alpha-Gal hält das NLGA dagegen für wenig sinnvoll: Selbst ein Nachweis des Moleküls in der Zecke lasse keine Aussage darüber zu, ob sich bei der betroffenen Person tatsächlich eine Allergie entwickelt. Ein negatives Testergebnis wiederum schließe eine Sensibilisierung durch andere, unbemerkte Stiche nicht aus – die kostenpflichtige Laboranalyse liefere daher keinen medizinischen Mehrwert.

In der Praxis von Dr. Akanay-Diesel ist das Krankheitsbild derzeit ebenfalls selten: „Im MVZ Dermatologie hatten wir lange keinen Fall mehr mit Alpha-Gal-Syndrom“, berichtet die Allergologin. Ob die Zeckenpopulation und damit die Zahl der Sensibilisierungen klimawandelbedingt zunimmt, bleibe Spekulation. Sie vermutet aber, ähnlich wie das NLGA, eine hohe Zahl nicht diagnostizierter Fälle.

Gesundheitsämter kennen bislang keine Fälle


Sowohl die Stadt Wolfsburg als auch der Landkreis Wolfenbüttel teilen auf Anfrage mit, dass ihnen keine diagnostizierten Fälle, Verdachtsfälle oder Beratungsanfragen zum Alpha-Gal-Syndrom bekannt sind. „Da es keine gesetzliche Meldepflicht für das Alpha-Gal-Syndrom gibt, kann aber nicht ausgeschlossen werden, dass bei den niedergelassenen Praxen Fälle bekannt sind“, schränkt der Landkreis Wolfenbüttel ein. Über eine häufigere Thematisierung in der regionalen Ärzteschaft oder einen gesonderten Austausch mit Kliniken und allergologischen Praxen ist beiden Behörden ebenso wenig bekannt. Die örtliche Zeckenprävention konzentriert sich bislang auf Borreliose und FSME. Das Alpha-Gal-Syndrom wird dabei nicht gesondert erwähnt – mit dem Hinweis, dass die klassischen Schutzmaßnahmen ohnehin vor allen von Zecken übertragenen Erkrankungen schützen.

Eine stärkere Information von Hausarztpraxen, Rettungsdiensten und Notaufnahmen über die verzögert auftretende allergische Reaktion halten die Ämter grundsätzlich für sinnvoll, sehen sich dafür aber nicht in der Verantwortung. Das sei vielmehr Aufgabe der behandelnden Ärztinnen und Ärzte, der medizinischen Fachgesellschaften und der Forschungsinstitute.

Diagnose ist eine Detektivarbeit


Für Dr. Akanay-Diesel liegt die eigentliche Herausforderung in der Anamnese. Weil die Reaktion erst Stunden nach dem Essen einsetzt, stellen Betroffene den Zusammenhang oft nicht selbst her und vermuten andere, zeitnähere Auslöser. Die Diagnose erfolgt über eine Blutabnahme, bei der spezifische Antikörper gegen Alpha-Gal nachgewiesen werden. „Ein Nachweis von Antikörpern allein beweist nicht immer eine klinisch relevante Allergie“, betont die Fachärztin. In Zweifelsfällen sei deshalb eine Provokationstestung mit einzelnen Nahrungsmittelkomponenten in einer Klinik mit allergologischer Fachabteilung und Notfallbereitschaft nötig.

Neben klassischem rotem Fleisch wie Rind, Schwein, Lamm oder Wild können bei einem Teil der Patientinnen und Patienten auch Innereien, Milchprodukte sowie Gelatine – etwa in Gummibärchen – Reaktionen auslösen, ebenso manche Medikamente mit tierischen Bestandteilen. Als verstärkende Faktoren nennt Dr. Akanay-Diesel Alkohol, körperliche Anstrengung, Schmerzmittel wie ASS sowie Fieber und Infekte.

Jäger und Forstpersonal besonders exponiert


Übereinstimmend nennen NLGA, Gesundheitsämter und Ärztin dieselben Risikogruppen: Menschen, die beruflich oder in der Freizeit viel Zeit im Wald verbringen. Der Landkreis Wolfenbüttel führt dabei alle Personen an, „die sich beruflich oder während ihrer Freizeit vermehrt in der Natur aufhalten“, die Stadt Wolfsburg nennt konkret Förster, Forstarbeiter und Jäger. Dr. Akanay-Diesel unterlegt das mit Zahlen: Eine Untersuchung von 300 Beschäftigten aus Forst- und Jagdwirtschaft in Südwestdeutschland habe bei 19,3 Prozent eine Alpha-Gal-Sensibilisierung ergeben, 8,6 Prozent hätten bereits eine verzögerte, fleischinduzierte anaphylaktische Reaktion in der Vorgeschichte gehabt. Für Köchinnen und Köche kann das Syndrom zudem relevant werden und im Einzelfall als Berufskrankheit anerkannt werden.

Wenn der Notfall eintritt


Ein Adrenalin-Notfallset verschreibt Dr. Akanay-Diesel immer dann, wenn Betroffene bereits Angioödeme, Schluckbeschwerden, Atemnot, Kreislaufprobleme oder eine generalisierte Nesselsucht bei unklarem Auslöser erlebt haben. Das Set besteht aus Adrenalin-Pen, Kortisonpräparat und Antihistaminikum. Grundsätzlich gilt für die Fachärztin: „Wenn ein Mensch, egal durch welchen Auslöser – Medikament, Nahrungsmittel oder Insektenstich – oben genannte Symptome zeigt, muss ein Notruf erfolgen.“

Eine ursächliche Therapie gibt es bislang nicht. Wer die Diagnose erhält, muss dauerhaft auf Säugetierfleisch verzichten; ob und wann die Allergie nach jahrelanger Meidung wieder nachlässt, ist laut Akanay-Diesel noch unzureichend erforscht. Klar sei dagegen, dass häufigere Zeckenstiche das Risiko einer erneuten oder stärkeren Sensibilisierung erhöhen.

Der beste Schutz bleibt die Zeckenstich-Prophylaxe


Weil sich weder vorhersagen lässt, wer nach einem Stich eine Allergie entwickelt, noch spezielle Aufklärungsangebote zum Alpha-Gal-Syndrom vor Ort existieren, setzen NLGA und Gesundheitsämter auf altbekannte Schutzmaßnahmen. „Das NLGA wirbt für eine konsequente Stichprophylaxe, um auch andere von Zecken übertragbare Erkrankungen wie die Übertragung von Borrelien oder FSME-Viren zu vermeiden“, sagt NLGA-Virologe Dr. Masyar Monazahian. Dazu gehören lange, enganliegende Kleidung bei Outdoor-Aktivitäten, Repellents in zeckenreichen Gebieten wie Sträuchern und Wäldern, eine gründliche Körperkontrolle nach dem Aufenthalt im Freien sowie das umgehende Entfernen gefundener Zecken.

Gegen das ebenfalls von Zecken übertragene FSME-Virus schützt zusätzlich eine Impfung. Bestehe der Verdacht auf eine zeckenübertragene Erkrankung, rät der Virologe zu einer zeitnahen ärztlichen Einschätzung. Entwickle sich ein Alpha-Gal-Syndrom, brauche die betroffene Person eine individualmedizinische Beratung, um durch angepasstes Verhalten und veränderte Ernährungsgewohnheiten eine weitere Allergenexposition zu vermeiden – so wie bei jeder anderen Allergie auch.