Sie sind hier: Region >

Zukunft Innenstadt: Das Ende der Shoppingmeile?



Braunschweig

Zukunft Innenstadt: Das Ende der Shoppingmeile?

Die Innenstadt ist im Wandel. Nicht erst seit Corona haben Einzelhändler und Warenhäuser mit dem sich rapide ändernden Markt zu kämpfen. Die Folgen sind leere Immobilien, leere Fußgängerzonen und damit leere Innenstädte. Wie kann man dem entgegenwirken?

von Niklas Eppert


Die Innenstädte sind im Wandel. So wie heute werden die Fußgängerzonen wohl in Zukunft nicht mehr aussehen.
Die Innenstädte sind im Wandel. So wie heute werden die Fußgängerzonen wohl in Zukunft nicht mehr aussehen. Foto: Alexander Dontscheff

Artikel teilen per:

Braunschweig. Wo früher die Massen über Shoppingmeilen flanierten, herrscht spätestens seit Corona oft gähnende Leere. Der Abgesang auf den stationären Einzelhandel ist von vielen Seiten zu hören, meist einhergehend mit dem Vorwurf, dass die Innenstädte aussterben würden, wenn der Einzelhandel erst einmal verschwunden sei. Dabei zeigen viele Städte, wie Innenstädte auch in Zukunft wieder gefüllt werden können und wie der Einzelhandel eben doch ein Zukunftsmodell sein kann. Sind diese Konzepte auch auf Braunschweig übertragbar? Für unsere Artikelserie "Zukunft Innenstadt" hat regionalHeute.de mit Experten, Politikern und Beamten über die Zukunft der Braunschweiger City gesprochen und einen Blick in die Kristallkugel gewagt. Lesen Sie hier Teil 2.



Dass deutsche Innenstädte aktuell einen Strukturwandel durchmachen ist kein Geheimnis. Digitale Platzhirsche wie Amazon und Zalando machen den Einzelhändlern das Leben schwer. Auch große Ketten wie H&M verlagern ihr Geschäft immer weiter ins Internet, während die großen Warenhäuser, die früher als die Shoppingmagnete galten, ihre Pforten schließen. So wie vor einigen Wochen mit Galeria-Kaufhof geschehen. Was übrig bleibt sind kleine Geschäfte, die um ihre Zukunft bangen. Die Diskussion um eine autofreie Innenstadt vervollständigt den unsicheren Weg zum Zentrum der Zukunft.


Jan Gehl hat Großstädte auf der ganzen Welt geplant und umgebaut. Der 83-jährige Architekt gilt als Pionier der fahrradfreundlichen Innenstadt. Foto: Sandra Henningson



Manch einer hat bereits mit dem Abgesang auf den stationären Einzelhandel begonnen. Der Starachitekt Jan Gehl, dessen Büro nicht nur Kopenhagen und andere Metropolen zuungunsten der Autos fahrradfreundlich umbaute, sondern auch ein neues Quartier am Wolfsburger Nordkopf plant, gehört in den Chor der Pessimisten. Zumindest in Teilen sieht der 83-jährige Architekt keine rosige Zukunft für die Händler. Dennoch glaubt er nicht, dass die Citys wirklich aussterben werden. Sie würden ihre Schwerpunkte verschieben.

Er sieht die Attraktivität der Innenstadt nicht primär in ihrer Einkaufsvielfalt, die könnte auch Amazon besorgen. Er glaubt, dass der größte Anziehungspunkt für Menschen andere Menschen sind. Daher würden die bisherigen Geschäfte durch etwas ersetzt, dass Gehl "self-respect-business" nennt. Aus Bekleidungs- oder Sportläden, würden Cafés, Fitnesscenter und Schönheitssalons. Geschäftskonzepte also, bei denen das menschliche Wohlfühlen und Miteinander im Mittelpunkt stünden. Innenstädte als Begegnungsort sozusagen.

Keine Autos, keine Kunden?



Kopenhagen, Gehls fahrraddfreundliches Modellwerk, scheint Beweis dafür zu sein. Laut der Cycling Embassy of Denmark gäben Autofahrer zwar mehr Geld pro Einkauf aus als Fahrradfahrer oder Fußgänger, dafür führen erstere aber eher die großen Shoppingcenter an und mieden die Innenstädte. Fahrrad- und Fußgänger dagegen ziehe es in die Innenstädte. Umso öfter, je weniger Verkehr in der City herrsche. Das Einkaufen werde nicht mehr bloßes Konsumieren aus Notwendigkeit, es werde zur Freizeitgestaltung. Diese Chance habe Kopenhagen erkannt und genutzt. Zwar wachse die Zahl der Autos in Dänemarks Hauptstadt nach wie vor, aus den Innenstädten seien sie jedoch fast gänzlich verschwunden. Das, so Gehl, habe die Aufenthaltsqualität gesteigert. Und wo hohe Aufenthaltsqualität sei, da hielten sich Leute auf. Leute, die dann eben auch Geld ausgeben.


In vielen Großstädten hat die autofreie Innenstadt zu belebteren Innenstädten geführt, zumindest laut der Cycling embassy of Denmark. Wahr ist aber auch, dass Fahrradfahrer weniger Geld pro Einkauf ausgeben, als Autofahrer. Foto: Pixabay


Nun ist Kopenhagen in Dänemark und stellt den Optimalfall für eine autofreie Innenstadt dar. In Braunschweig sieht der Handelsverband die Situation naturgemäß anders. Auf Anfrage von regionalHeute.de antwortet der Verband, dass auch weiterhin der Individualverkehr mit eingeplant werden müsse, auch wenn mehr Platz für Fahrrad- und Nahverkehr geschaffen werde. Die Innenstadt, so der Verband, lebe von den Möglichkeiten der Kunden ihr Ziel auf verschiedenen Wegen zu erreichen. Den Individualverkehr auszuschließen wäre also ein Fehler. Gerade für Menschen, die von außerhalb der Stadt kämen, würde der Einkauf zusätzlich erschwert. Und die machen immerhin einen großen Teil der Kundschaft aus.

Die Mühlen der Bürokratie


Klar ist allen Beteiligten, dass die Innenstadt im Wandel ist. Wie dieser Wandel jedoch vonstattengehen soll, darüber herrscht Uneinigkeit. Das Innenstadtkonzept der Stadt Braunschweig stammt aus dem Jahr 1989 und wurde laut der auf der Homepage der Stadt zu findenden Version zuletzt 2009 aktualisiert und fortgeschrieben. Erst im September hatte die CDU-Fraktion im Stadtrat kritisiert, dass seit 2018 angekündigt werde, das Konzept zu aktualisieren. Erst in den letzten Monaten hat die Stadtverwaltung die Erneuerung des Konzeptes in die Hände eines Experten gegeben. Bis 2021 sollen die Ergebnisse der Evaluierung und von Experteninterviews mit Einzelhändlern vorliegen, 2022 soll das neue Konzept dann dem Rat vorgelegt werden. Jedenfalls, wenn alles nach Plan verläuft.

Heinz-Georg Leuer, Stadtbaurat Braunschweigs, ist direkt verantwortlich für die bauliche Umsetzung. Auch er glaubt an die Notwendigkeit einen Mix aller Verkehrsteilnehmer zu erhalten, sieht aber auch Änderungsbedarf am Status Quo. Sicher müsste der Zugang zur Innenstadt erhalten bleiben, erklärt der Stadtbaurat im Interview mit regionalHeute.de. Der Fokus liege aber auf der Förderung von ÖPNV, Fuß- und Radverkehr. Für den Autoverkehr stünden bereits Parkhäuser zur Verfügung, außerdem müsse sich, so der Stadtbaurat, jeder Innenstadtbewohner zukünftig überlegen, ob das eigene Auto wirklich nötig sei. Ein paar Meter zu laufen, meint Leuer weiter, sei jedem zuzumuten.


Das Braunschweiger Rathaus. Das aktuelle Innenstadtkonzept stammt von 1989 und wurde zuletzt 2009 fortgeschrieben. Seit 2018 kündigt die Verwaltung an das Konzept überarbeiten zu wollen. Geschehen ist seitdem nichts. Foto: Julia Seidel


Mit dem Innenstadtdialog und anderen Formaten beziehe man die betroffenen Akteure mit ein. Die Stadt sei sich im Klaren, dass die Innenstadt weiter für jeden Erreichbar sein müsse. Das "Wie" gelte es allerdings in Zukunft weiter zu diskutieren. Konzepte wie ein "Park + Ride" für Handwerker seien ebenso denkbar wie zentralisierter Lieferverkehr. Fest steht allerdings, dass sich die gewohnten Abläufe und Strukturen ändern werden.

Einzelhändler fühlen sich nicht abgeholt


Wo Leuer die Gesprächsangebote der Verwaltung, wie zum Beispiel den Innenstadtdialog, lobt, sieht sich der Handelsverband Harz-Heide politisch übergangen. Ja, die Stadt müsse für alle Verkehrsteilnehmer attraktiv gehalten werden und ja, der Innenstadtdialog sei ein richtiger erster Schritt. Gerade in Hinblick auf die Stadtplanung bestehe jedoch noch Gesprächsbedarf, wie der Verband gegenüber regionalHeute.de mitteilt. Denn die Innenstadt sei bereits jetzt Anziehungspunkt, gerade auch für Menschen außerhalb Braunschweigs. Die auszuschließen, könne nicht das Ziel sein.


Mit dem Weggang von Galeria wird der Kaufhof wohl erst einmal leer stehen. Die Kaufhäuser, die früher als die Shoppingtempel schlechthin galten, sind heute Symbol des Wandels. Foto: Alexander Dontscheff


Der klassische Einzelhandel sei nach wie vor "eine Schlagader für Leben und Frequenz" der Innenstädte. Auch wenn er sich anpasse und mit der Zeit gehe, behielte er dennoch seine Berechtigung. Immerhin biete er den Kunden etwas, dass der Onlinehandel vom reinen Prinzip nicht bieten könne: das Erleben der Produkte. Das Fühlen, Riechen und Schmecken, das Amazon und Zalando abginge, sei in der Innenstadt nach wie vor gegeben. Und das, da ist sich der Handelsverband sicher, sei nach wie vor ein starkes Argument für die Kundschaft.

Des Rätsels Lösung?


Und nun? Blühende Landschaften oder Einkaufswüsten in den Innenstädten? Am Ende wird dies nur die Zukunft zeigen können, der Ball liegt nach wie vor im Spielfeld der handelnden Akteure. Der Verkehr ist dabei nicht das einzige Problem. Wie umgehen mit leeren Großimmobilien, wie dem ehemaligen Galeria Kaufhof? Ist es noch zeitgemäß, hier Einzelhandel anzusiedeln? Experten wie Jan Gehl oder Frank Schröter von der TU Braunschweig schlagen neue Konzepte vor: Wohnungen, Kultureinrichtungen oder ein zusätzliches Parkhaus gehörten in solche Immobilien. Das Parkhaus hätte den Vorteil Parkplätze auf Straßenniveau einzusparen und so Platz für die Menschen zu schaffen.

Das Kunst und Kultur den Leerstand in der Innenstadt auffüllen und durch ihre Sogwirkung auch neue Unternehmen anziehen können, davon ist auch Jan Gehl überzeugt. Vereine, Künstler und Verbände müssten in die Innenstadt, um das gesellschaftliche Leben wieder aus der Peripherie zu holen, in den Fokus aller Menschen. Ein Kulturzentrum im Galeriagebäude würde dem wohl entgegenwirken. Hier spricht manche Stimme im Hintergrund bereits von Abriss und Neuanlage des Schlossparks, der zugunsten der Schlossarkaden weichen musste. Für die gesamte Innenstadt wohl keine Option.

Lesen Sie am morgigen Mittwoch - im nächsten Teil dieser Serie - wie die Braunschweiger Politik die Einkaufsmeile retten will.

Artikelserie "Zukunft Innenstadt":


- Teil 1: Bye-bye Autoverkehr?
- Teil 2: - dieser Artikel -
- Teil 3: Wie die Braunschweiger Politik die Einkaufsmeile retten will


zur Startseite