Region. Mitten in den Sommerferien appelliert der NABU Niedersachsen an Haustierhalter, rechtzeitig eine geeignete Urlaubsbetreuung zu organisieren. Denn jedes Jahr werden Schildkröten, Schlangen, Echsen und andere Exoten ausgesetzt. Für viele Tiere endet das oft tödlich. Werden sie rechtzeitig gefunden, haben sie mit etwas Glück eine Überlebenschance. Häufig landen sie anschließend jedoch als Dauergäste im NABU-Artenschutzzentrum Leiferde oder in anderen Auffangstationen. Gleichzeitig stoßen diese Einrichtungen personell, räumlich und finanziell zunehmend an ihre Grenzen.
„Menschen finden immer wieder exotische Tiere, vor allem Wasser- und Landschildkröten – häufig in Kartons, Körbchen oder auf Parkplätzen außerorts“, berichtet Bärbel Rogoschik, Leiterin des NABU-Artenschutzzentrum Leiferde. Wie gravierend die Folgen einer Aussetzung sein können, zeigt der Fall einer Buchstaben-Schmuckschildkröte. Ein Angler entdeckte das Tier in einem Gewässer, holte es heraus und brachte es in das NABU-Artenschutzzentrum. Bei der Nahrungssuche hatte die Schildkröte einen Angelhaken verschluckt. Zunächst versuchten die behandelnden Fachkräfte, den Haken ohne Operation zu entfernen. Die Untersuchung ergab jedoch, dass er tief im Magen festsaß und ein chirurgischer Eingriff unumgänglich war. Dafür musste an der Tierärztlichen Hochschule Hannover der Bauchpanzer geöffnet werden. Die Operation dauerte vier Stunden, die vollständige Genesung rund anderthalb Jahre.
Verantwortung für Tiere kennt keine Ferien
Für das Artenschutzzentrum sei das jedoch kein Einzelfall, sondern Teil eines größeren Problems: Immer wieder würden exotische Tiere bewusst ausgesetzt und zum Sterben zurückgelassen. „Tiere auszusetzen ist unverantwortlich, tierschutzrelevant und eine Straftat. Es belastet die Auffangstationen unnötig“, mahnt die Artenschützerin.
Der NABU Niedersachsen erinnert: Wer ein Tier hält, muss Urlaubszeiten mitdenken und sich rechtzeitig um eine geeignete Betreuung kümmern – privat oder in einer Tierpension.
Viele Tiere überleben die Aussetzung nicht
Die gefundenen Tiere sind häufig dehydriert, unterernährt oder verletzt. „Viele ausgesetzte Tiere sterben, ohne dass wir davon erfahren“, sagt Rogoschik. Nach der Aussetzung entwickeln sie oft schwere Lungenentzündungen oder andere Organschäden. Manche Tiere befinden sich bereits in einem so schlechten Zustand, dass sie trotz intensiver medizinischer Versorgung nicht mehr gerettet werden können.
Die meisten Exoten stammen aus Zuchten und sind in Niedersachsen bzw. Deutschland nicht heimisch. Daher können sie sich in der freien Natur in der Regel nicht selbst versorgen.
Bereits 21 exotische Fundtiere im Jahr 2026
Allein in diesem Jahr hat das NABU-Artenschutzzentrum Leiferde bereits 21 exotische Fundtiere aufgenommen. Nach Einschätzung von Bärbel Rogoschik unterschätzen viele Menschen die besonderen Anforderungen exotischer Tierarten. „Oft hören wir: ‚Dass das Tier so groß wird, hat mir vorher niemand gesagt‘“, berichtet Rogoschik. Hinzu kommen erhebliche laufende Kosten für Futter, spezialisierte tiermedizinische Behandlungen, Wärmelampen und geeignete Gehege. Viele Reptilien benötigen bestimmte Temperaturen und Haltungsbedingungen. Einige Arten müssen zudem kontrolliert überwintern. „Wer sich ein Tier anschafft, sollte sich vorher umfassend informieren und sicherstellen, dass seine Bedürfnisse langfristig und nicht nur für ein oder zwei Jahre erfüllt werden können“, betont die Biologin.
Gefahr für heimische Arten
Ausgesetzte Exoten leiden nicht nur unter den Folgen und sterben häufig daran, sondern können auch heimische Ökosysteme negativ beeinträchtigen. Einige Arten sind in der Lage sich dauerhaft anzusiedeln und zu vermehren. Schmuckschildkröten können beispielsweise Gewässer besiedeln und dort Nahrung, Rückzugsorte und andere Ressourcen beanspruchen. Die Europäische Sumpfschildkröte ist die einzige in Deutschland heimische Schildkrötenart.
Vermittlung der Tiere
Rechtlich gelten ausgesetzte Tiere zunächst als „Fundsachen“ und müssen mindestens sechs Monate im Artenschutzzentrum, in einer Auffangstation oder in einem Tierheim bleiben. Viele Tiere leben jedoch deutlich länger im Zentrum, einige sogar über mehrere Jahre. Eine Vermittlung wird häufig dadurch erschwert, dass ein Herkunftsnachweis fehlt. Zudem stehen viele Exoten unter Artenschutz.
Dennoch bemühe sich das Artenschutzzentrum darum, geeignete Halter für die Tiere zu finden. Vermittelt werden unter anderem Griechische Landschildkröten, Vierzehenschildkröten, Königspythons, Riesenschlangen und teilweise auch Papageien. Voraussetzung sind geeignete Haltungsbedingungen, ausreichendes Fachwissen oder die Bereitschaft, sich dieses anzueignen, sowie die langfristige Übernahme der Verantwortung für das Tier. Interessierte, die einem Exoten ein neues Zuhause geben möchten, können sich per E-Mail oder telefonisch an das NABU Artenschutzzentrum Leiferde wenden.

