Region. Wer auf der A39 unterwegs ist, fährt durch eines der größten Testfelder für automatisiertes und vernetztes Fahren in Deutschland. Seit 2020 untersucht das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) dort gemeinsam mit Partnern, wie Fahrzeuge, Infrastruktur und Verkehrssysteme miteinander kommunizieren können. Während Unternehmen wie Waymo in einigen US-Städten bereits fahrerlose Robotaxis einsetzen, entstehen zwischen Braunschweig und Wolfsburg vor allem die Grundlagen für spätere Anwendungen im Straßenverkehr.
Zwischen Braunschweig und Wolfsburg erfassen 71 Kameramasten rund um die Uhr den Verkehr. Sie sind Teil eines rund 280 Kilometer langen Testfelds, auf dem automatisierte und vernetzte Fahrfunktionen untersucht werden. Die Anlagen registrieren Verkehrsströme, Stauenden, Spurwechsel und Ampelphasen. Fahrzeuge können diese Informationen nutzen, um auf Verkehrssituationen früher zu reagieren.„Es ist, als würde man dem Auto damit eine Brille aufsetzen“, sagt Dr. Tobias Hesse, kommissarischer Institutsdirektor Straßensystemtechnik am DLR-Institut für Verkehrssystemtechnik. Die Daten fließen in Assistenz- und Sicherheitssysteme für Pkw und Lastwagen ein. Viele Funktionen, die heute erprobt werden, sollen später den Straßenverkehr sicherer und flüssiger machen.
Zwischen Forschung und Alltag
Von selbstfahrenden Fahrzeugen im Alltagsverkehr ist Deutschland noch entfernt. „Der Entwicklungsstand autonomer Fahrzeuge in Deutschland ist aktuell hauptsächlich auf SAE-Level 2 im Serienmarkt angekommen“, sagt Julian Baschin vom Niedersächsischen Forschungszentrum Fahrzeugtechnik (NFF) der TU Braunschweig. Spurhalteassistenten, Abstandstempomaten und Notbremssysteme übernehmen einzelne Aufgaben, die Verantwortung bleibt jedoch beim Fahrer. Hochautomatisierte Systeme werden bislang nur in eng begrenzten Einsatzbereichen getestet oder eingesetzt. Während Robotaxis in Teilen der USA bereits ohne Fahrer unterwegs sind, laufen entsprechende Entwicklungen in Deutschland überwiegend noch unter Forschungs- und Pilotbedingungen.
Shuttles gelten als realistischer Einstieg
Nach Einschätzung der Fachleute werden autonome Fahrzeuge zunächst nicht als Privatwagen auf die Straße kommen. „Realistisch sind in den kommenden Jahren vor allem Robo-Shuttle- und Lieferdienste in Innenstädten oder Industriegebieten“, sagt Baschin. Auch im Großraum Braunschweig stehen solche Konzepte im Fokus. Im Projekt „MORE – Mobilität regional entwickeln“ beschäftigt sich der Regionalverband mit künftigen Verkehrsangeboten für Stadt und Umland. Besonders in dünn besiedelten Gebieten gelten autonome Shuttles als mögliche Ergänzung bestehender Busverbindungen. Ab 2027 sollen im Projekt „IMoGer“ erste autonome Shuttle- und Transportfahrzeuge auf ausgewählten Strecken in Braunschweig erprobt werden.
Kreuzungen, Regen und tote Winkel
Technisch bleiben die Herausforderungen groß. Unübersichtliche Kreuzungen, Baustellen, Starkregen, blendende Sonne oder plötzlich auftauchende Verkehrsteilnehmer zählen zu den schwierigsten Situationen für automatisierte Systeme. Hinzu kommt ein Problem, das sich technisch nicht vollständig lösen lässt: Auch autonome Fahrzeuge erkennen nur, was Sensoren und Kameras erfassen können. Kinder hinter parkenden Autos, Radfahrer hinter Hecken oder Fußgänger hinter Transportern bleiben zunächst verborgen. „Die sichere Erkennung und Handhabung seltener Extremsituationen, Witterungsbedingungen und komplexer innerstädtischer Verkehrsstrukturen“ zählt Baschin zu den größten Aufgaben der kommenden Jahre. Autonome Fahrzeuge werden deshalb zunächst auf festgelegten Strecken und in klar begrenzten Einsatzgebieten unterwegs sein.
Akzeptanz könnte zum entscheidenden Faktor werden
Neben technischen Fragen bremsen auch rechtliche Vorgaben den Einsatz autonomer Fahrzeuge. Haftungsfragen, Datenschutz und Zulassungsverfahren gelten weiterhin als zentrale Hürden. Hesse sieht zudem ein Risiko für die gesellschaftliche Akzeptanz. Ein einzelner schwerer Unfall könne die öffentliche Debatte nachhaltig prägen – selbst dann, wenn autonome Fahrzeuge statistisch sicherer unterwegs wären als menschliche Fahrer. Ob sich die Technologie durchsetzt, entscheidet deshalb nicht allein die technische Entwicklung.
Die Region bleibt Versuchslabor
Mit dem Testfeld Niedersachsen, den Forschungsprojekten der TU Braunschweig und den Arbeiten des DLR zählt die Region zu den wichtigsten Standorten für automatisiertes Fahren in Deutschland. Die ersten Anwendungen dürften auf festen Shuttle-Routen, in Industriegebieten oder bei automatisierten Transportdiensten entstehen. Für Pendler zwischen Braunschweig und Wolfsburg bleibt der Alltag dagegen zunächst derselbe: selbst fahren, selbst bremsen, selbst im Stau stehen. Der fahrerlose Privatwagen rückt näher als noch vor wenigen Jahren. Im Alltag der Region spielt er auf absehbare Zeit dennoch keine Rolle.

