Kunstrasenplätze in der Kritik: Umweltschädlich aber notwendig?

von Julia Seidel


Braucht Braunschweig noch mehr Kunstrasenplätze? Foto: Robert Braumann
Braucht Braunschweig noch mehr Kunstrasenplätze? Foto: Robert Braumann Foto: Robert Braumann

Braunschweig. Im Zuge der Klimadiskussionen der letzten Monate sind auch die Kunstrasenplätze in Braunschweigs Sportanlagen in die Kritik geraten. Aufgrund der Pläne der Stadt Braunschweig, in Rüningen einen neuen Kunstrasenplatz anzulegen, ist die Debatte nun erneut entflammt. regionalHeute.de hat bei den Fraktionen nachgefragt.


Die Linke: Alte Tennisplätze in Grünflächen umwandeln

Mit 21 Kunstrasengroßspielfeldern und mehreren Kunstrasenkleinspielfeldern sieht die Linke die Stadt Braunschweig sehr gut ausgestattet. Einem Ersatz von Tennenplätzen durch Kunstrasen mit entsprechend ökologischem Füllmaterial steht die Partei die Linke positiv gegenüber, betont aber dass der Neubau von Kunstrasenspielfeldern sorgfältig abgewogen werden müsse. Der Umbau der abgängigen Tennisplätze in Melverode zu einem Kunstrasenspielfeld sei ebenfalls kritisch zu sehen. Da die Stadt zukünftig größere Anstrengungen beim Klima- und Umweltschutz unternehmen müsse, sollten alte Tennisplätze in Grün- oder Rasenflächen umgewandelt werden.

CDU: Wettbewerbsverzerrungen im Spielbetrieb vermeiden

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Kai-Uwe Bratschke. Foto: CDU



Kai-Uwe Bratschke, Vorsitzender des Sportausschusses sieht es so: „Wir haben uns in Braunschweig vor einigen Jahren bewusst für den Bau von Kunstrasenplätzen entschieden, denn sie sind im Gegensatz zu Naturrasenspielfeldern das ganze Jahr über bespielbar. Dadurch können Wettbewerbsverzerrungen im Spielbetrieb vermieden werden, und die Nachfrage nach zusätzlichen Kunstrasenplätzen durch unsere Sportvereine ist weiter ungebrochen. Daher gibt es in Braunschweig im Vergleich zu allen umliegenden aber auch ganz vielen anderen niedersächsischen Kommunen eine große Anzahl an Kunstrasenplätzen.


Das Problem mit Kunstrasenplätzen ist jedoch, dass diese mit kleinen Plastikteilen verfüllt sind und durch Mikroplastik möglicherweise eine Gefährdung der Umwelt eintreten kann. Besonders vor dem Hintergrund der stärker werdenden Debatte über den Umwelt- und Klimaschutz unterstützen wir deshalb die Verwaltung bei der Suche nach einer klimafreundlichen Alternative. Darin sind wir uns mit dem Stadtsportbund als Interessenvertretung der rund 63.000 Sportlerinnen und Sportler in unserer Stadt einig. Für uns ist wichtig, dass die Interessen der Vereine, die Überlegungen zum Klimaschutz und der Blick auf die finanziellen Belastungen für die Kommune in Einklang gebracht werden. Maximalforderungen bringen uns nicht weiter, nur intelligente Ansätze bringen wirklich eine Lösung!“

BIBS: Umweltfreundliche Alternativen suchen

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Wolfgang Büchs, Foto: BiBS



Die Entscheidung der Stadt einen neuen Kunstrasenplatz in Rüningen zu errichten irritiere die BIBS in höchstem Maße, plane die EU doch gerade ein Verbot von Mikroplastik. Auch, wenn die Stadt hier mit einem Granulat aus Kork zur Stabilisierung der Plastikfasern als "natürlichem und umweltfreundlichen Stoff" werbe, so sei der damit erweckte Eindruck völlig falsch, wie der umwelt- und sportpolitische Sprecher der BIBS-Fraktion, Wolfgang Büchs, berichtet. Auch mit Korkgranulat bleibe ein Kunstrasen ein Kunstrasen, denn der Belag enthalte neben dem Granulat auch eine elastische Tragschicht, die in erheblichem Umfang Schadstoffe wie Zink, polyzyklische aromatische Kohlenstoffe, Weichmacher, Schwermetalle, krebserregende Isothiocyanate und auch Altreifengranulat enthalte. Auch die Entsorgung des Belags, zirka allezwölf Jahre sei kritisch zu sehen, denn hier würden tonnenweise Plastikabfälle entstehen.

Doch auch das Korkgranulat selbst sei nicht vollkommen unbedenklich. Je nach Herkunft könne das Granulat Schadstoffe enthalten, deren Gehalte die gesetzlichen Grenzwerte weit überschreiten. Darüber hinaus würde das Korkgranulat praktische Defizite aufweisen. So könne es zum Beispiel bei Starkregen aufschwimmen, es könnten sich Pilze bilden und es würden höhere Reinigungskosten anfallen. Außerdem kann es zu einer erhöhten Rutschgefahr bei Frost kommen. "Wenn man schon umweltfreundlichere Granulate einführen möchte, sollte in erster Linie das Kunststoffgranulat bei den bestehenden Kunstrasenplätzen gegen umweltfreundliche Alternativen ausgetauscht werden, denn diesen droht sonst bei Umsetzung des von der EU geplanten Verbots von Mikroplastik die Schließung. Bei Neuanlagen von Plätzen muss die Umweltverträglichkeit prioritäres Kriterium sein", so Wolfgang Büchs abschließend.

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Maximilian P. Hahn. Foto privat Foto:



Fraktion P2: Kunstrasenplätze sind nicht per se schlecht.

"Das Kicken gehört zu Braunschweig - zu der Stadt, in der der Fußball erfunden wurde. Die Mikroplastikdebatte wird auch nicht auf dem Platz entschieden. Doch bei den Standorten sollte reiflich überlegt werden, denn die wenigen Quadratmeter, die für Hundefreiflächen zur Verfügung stehen, sollten nicht weiter eingepfercht werden. Gerade der Bolzplatz mit Kunstrasenbelag im Prinzenpark ist so schlecht gewählt, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis das nervige Geschrei von uniformierten Kindern die Hunde überfordert", so Maximilian P. Hahn, sportpolitischer Sprecher von Die Partei.

SPD: Sport braucht eine gute Infrastruktur

Auch die SPD sieht den Ausbau der Kunstrasenplätze als grundsätzlich richtig an, denn die immer unberechenbareren Winter hätten bereits in den vergangenen Jahren zu unverhältnismäßig vielen Spielabsagen geführt. Da Braunschweig eine gute Infrastruktur im Sport brauche, habe die SPD bereits im Juni 2018 die Verwaltung der Stadt Braunschweig damit beauftragt eine Prioritätenliste zum Bau oder Umbau von Kunstrasenplätzen zu erstellen. Dabei werde abgewogen, ob ein Neubau tatsächlich sinnvoll sei.

Die SPD begrüßt außerdem, dass der Ausstoß von Mikroplastik minimiert werden soll. Die Verwehungen von Mikroplastik aus dem auf Kunstrasenplätzen verwendeten Granulat stehe nach einer Studie des Fraunhofer Instituts auf Rang fünf aller Quellen für Mikroplastik in der Luft, wie dieSPD berichtet. Daher solle bei neuen Kunstrasenplätzen auf alternative Materialien zurückgegriffen werden.

AfD: Kunstrasenplätze müssen umweltfreundlicher werden

Für die AfD sind die Kunstrasenplätze aus dem Vereinsleben nicht mehr wegzudenken, da sie robuster als Naturrasen und ganzjährig bespielbar seien. Ohne diese relativ einfach anzulegenden Plätze würde der Breitensport große Nachteile bekommen. Den Nachteilen des Belages ist sich die Partei bewusst. In Deutschland sei die eingesetzte Menge von Gummigranulat jedoch nur bei etwa einem Drittel im Vergleich zu in anderen Ländern üblichen Einsatzmengen. Dazu komme, dass mögliche Alternativen ebenfalls große Gefahren bergen würden. So komme es durch eine Befüllung mit Sand zu einer gesteigerten Verletzungsgefahr beim Bespielen. Ebenso würden sich Korkstücken bei Regen schnell auswaschen. Darüber hinaus sei auch die Herkunft von den benötigten Korkmassen noch ungeklärt.

Bei einigen Kunstrasenherstellern bestehe jedoch die Möglichkeit durch texturierte Kunstgrasfasern den Füllbedarf reduzieren zu können und anhand bestimmter Drainage- und Filtersystemen den Austritt des Materials in Gewässer abfangen können. Nur, wenn die Emission von umweltschädlichen Inhaltsstoffen reduziert werde, stehe die AfD dem Neubau von Kunstrasenplätzen positiv gegenüber.

FDP: Kunstrasen nicht um jeden Preis

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Carsten Lehmann. Foto: Alexander Dontscheff



Die FDP-Ratsfraktion befürwortet die Strategie der Stadt, genau zu prüfen, wo Kunstrasen sinnvoll ist, da der Bau eines Kunstrasenplatzes zwar mit hohen Kosten verbunden ist, die ganzjährige Nutzbarkeit der Plätze und der Entfall von regelmäßigen Linienmarkierungen, die abgewaschen werden und deren Farbe ins Grundwasser fließen, seien nicht zu vernachlässigende Aspekte, die den Kosten gegenübergestellt werden müssten. Die Abkehr, von Kunststoffgranulaten zu umweltfreundlichen Alternativen wie möglicherweise Kork werde von der FDP begrüßt.

Der sportpolitische Sprecher der FDP Fraktion, Carsten Lehmann, sagt: „Wir stehen als FDP hinter der Strategie der Stadt, Kunstrasenplätze zu erstellen und dabei auf einen maximal umweltverträglichen Aufbau zu achten. Allerdings kann es nicht sein, dass die Stadt quasi eine Versuchseinrichtung für Kunststoffalternativen wird. Hier sind die Anbieter gefordert, Alternativen zu entwickeln und ihre Verträglichkeit nachzuweisen.“

Für Bolzplätze hat die FDP eine weitere Idee anzubieten. Denn mit Holzschnitzeln lassen sich Sportplätze für die Freizeitnutzung erstellen. „Diese sogenannten Ricoten-Plätze sind vielleicht eine sinnvolle Ergänzung der Sportplatzlandschaft in Braunschweig. Wir werden das bei der Verwaltung zur Überprüfung vorschlagen.“, so Lehmann.

Grüne: Kein umweltschädliches Gummigranulat verwenden

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Helmut Blöcker, Foto: Grüne



„Vor einem halben Jahr haben wir die Diskussion über Kunstrasen neu belebt, indem wir mit einer umfassenden Recherche - die wir zur faktenorientierten Diskussion auch an andere Fraktionen und Interessierte weitergeleitet haben - unsere Ziele definiert und teils bereits umgesetzt haben. Kunstrasenplätze sind für den Sport inzwischen nicht mehr wegzudenken: Sie sind rund um die Uhr bespielbar, haben sehr geringe Ausfallzeiten und die Spieleigenschaften sind deutlich besser als zum Beispiel auf Tennenplätzen. Ökologisch und finanziell müssen wir aber darauf achten, bestmögliche Zustände zu befördern. Einen wichtigen Schritt haben wir getan, als unsere Fraktion durchgesetzt hat, dass in Braunschweig künftig kein umweltschädliches Gummigranulat mehr zur Verfüllung verwendet wird. Und auch künftig werden wir den Markt im Auge behalten und stets ökologische Varianten fordern. Braucht Braunschweig aktuell mehr Kunstrasenplätze? Eher nicht. Mit den zusätzlich geplanten Plätzen sollte der Bedarf gedeckt sein. Es ist jetzt wichtig, sicherzustellen, dass die vorhandenen Anlagen gut ausgelastet sind. Denn die Unterhaltskosten für die regelmäßige Erneuerung und den Betrieb haben eine finanzielle Grenze erreicht. Vor dem Bau weiterer Plätze fordern wir, dass die vorhandenen Kapazitäten erst angemessen ausgelastet werden“, so Ratsherr und Fachsprecher Dr. Helmut Blöcker.


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