Region. Frauen in der Region fühlen sich nachts deutlich unsicherer als Männer, am stärksten beim Warten auf Bus oder Bahn. Das geht aus den regionalen Ergebnissen der Niedersächsischen Dunkelfeldstudie hervor, die die Polizeidirektion Braunschweig regionalHeute.de auf Anfrage zur Verfügung gestellt hat. Danach landet ein Großteil der erlebten Straftaten nie bei der Polizei.
Für die Studie hat das Landeskriminalamt im Frühjahr 2025 Menschen in ganz Niedersachsen befragt. Ihre Angaben zu erlebten Straftaten beziehen sich auf das Jahr 2024. Erfasst wird, wie Menschen ihre persönliche Sicherheit einschätzen, welche Erfahrungen sie mit Kriminalität gemacht haben und warum sie auf eine Strafanzeige verzichten. Anders als die Polizeiliche Kriminalstatistik berücksichtigt sie damit auch Taten, von denen die Polizei nichts erfährt.
Angst steigt trotz sinkender Fallzahlen
Registrierte Kriminalität und gefühlte Sicherheit decken sich dabei nicht zwangsläufig. Zwar sind die bei der Polizeidirektion Braunschweig registrierten Fallzahlen zuletzt gesunken, landesweit hat die Kriminalitätsfurcht jedoch zugenommen. In der Region fallen die Veränderungen geringer aus und sind laut Polizei überwiegend statistisch nicht signifikant.
Frauen meiden bestimmte Orte
Am größten ist die Unsicherheit im öffentlichen Nahverkehr. Im Bereich der Polizeidirektion Braunschweig geben 75,3 Prozent der befragten Frauen an, sich nachts an Haltestellen eher oder sehr unsicher zu fühlen. Bei den Männern sind es 53 Prozent. Ähnlich groß ist der Abstand abseits der eigenen Nachbarschaft. Dort fühlen sich nachts 70,7 Prozent der Frauen unsicher, gegenüber 47,1 Prozent der Männer.
Frauen schränken ihren Alltag aus Sorge vor Kriminalität auch häufiger ein. Von ihnen meiden nach eigenen Angaben 35,2 Prozent häufig oder immer bestimmte Situationen, bei Männern sind es 12,1 Prozent. Dazu zählt etwa, nachts nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren oder einen Bogen um bestimmte Straßen und Plätze zu machen.
Das Niedersächsische Innenministerium erklärt gegenüber regionalHeute.de, das Sicherheitsempfinden hänge nur zu einem vergleichsweise geringen Teil von der tatsächlichen Kriminalitätsbelastung ab. Mitentscheidend seien gesellschaftliche Entwicklungen, persönliche Lebensumstände und die Art, wie Menschen öffentliche Räume wahrnehmen.
Mehr als jeder Dritte war von Kriminalität betroffen
In der Region gaben 36 Prozent der Befragten an, im Jahr 2024 mindestens einmal Opfer einer Straftat geworden zu sein. An erster Stelle stehen computerbezogene Delikte mit 18,5 Prozent, gefolgt von Diebstählen mit 12,4 Prozent und Sachbeschädigungen mit 10,4 Prozent. Gewaltdelikte wie Raub und Körperverletzung nannten die Befragten vergleichsweise selten. Angezeigt wurde nicht einmal jede vierte Tat. In der Region lag die Quote im Schnitt bei 23,9 Prozent, landesweit bei 22 Prozent.
Je nach Delikt fällt die Anzeigebereitschaft sehr unterschiedlich aus. Wohnungseinbrüche wurden zu 94,8 Prozent gemeldet, Sexualdelikte nur zu 5,4 Prozent. Beleidigungen im Internet brachten Betroffene lediglich in 0,8 Prozent der Fälle zur Anzeige. Die Polizeidirektion weist darauf hin, dass manche Ergebnisse auf weniger als 20 Fällen beruhen und deshalb mit Vorsicht zu lesen sind.
Viele Betroffene zweifeln an einer Aufklärung
Von denjenigen, die eine Tat nicht gemeldet hatten, nannten in der Region 41,2 Prozent Zweifel an den Aufklärungsmöglichkeiten der Polizei. Weitere 36,5 Prozent hielten das Delikt für zu geringfügig.Schlecht weg kommt die Polizei dabei nicht. Rund 80 Prozent der Befragten bewerten ihre Arbeit bei der Verbrechensbekämpfung positiv, bei Kompetenz und Freundlichkeit liegt die Zustimmung bei etwa 90 Prozent.
Das Innenministerium will die Hürden für eine Anzeige weiter senken und setzt dabei unter anderem auf die Online-Wache der Polizei Niedersachsen. Dort können Bürger Anzeigen erstatten und Hinweise geben. Die Nutzer hätten damit überwiegend gute Erfahrungen gemacht, heißt es aus dem Ministerium. Allerdings sei das Angebot noch zu wenig bekannt. Beratungs- und Hilfsangebote sollen ebenfalls mehr Aufmerksamkeit bekommen, gerade bei Delikten, die selten angezeigt werden, etwa sexualisierter Gewalt oder digitaler Kriminalität.
Polizei und Kommunen wollen Angsträume beseitigen
Die Polizei arbeitet bereits enger mit den Städten zusammen. Seit Februar gibt es eine Sicherheitskooperation zwischen der Polizeidirektion und den Kommunen Braunschweig, Salzgitter und Wolfsburg.
Gemeinsame Lagebewertungen und abgestimmte Präsenz sollen helfen, Störungen im öffentlichen Raum früh zu erkennen. Hinzu kommen sogenannte Sicherheitsaudits, bei denen die Polizei mit weiteren Beteiligten Orte untersucht, an denen sich Menschen nicht sicher fühlen. Daraus können sich etwa eine bessere Beleuchtung, übersichtlichere Wege oder eine andere Gestaltung öffentlicher Plätze ergeben.
Dem Nahverkehr gilt ein eigenes Forschungsprojekt. Unter dem Titel „Sicherheit im niedersächsischen Nahverkehr“ (SINN) untersucht das Landeskriminalamt, warum sich Fahrgäste in bestimmten Situationen unwohl fühlen. Neben Hannover und Osnabrück ist Braunschweig einer der Untersuchungsstandorte. Dort werden Fahrgäste befragt und Haltestellen genauer betrachtet, die als besonders unsicher gelten.
Seit dem 1. April ist es in Niedersachsen landesweit verboten, Waffen und Messer in Verkehrsmitteln des öffentlichen Personenverkehrs und den dazugehörigen Einrichtungen wie Bahnhöfen und Haltestellen zugriffsbereit mitzuführen. In Braunschweig und Wolfsburg gibt es darüber hinaus örtliche Verbotszonen.
Parteien setzen unterschiedliche Schwerpunkte
Wie sich die Sicherheit verbessern lässt, ist auch im Landtag umstritten. Alexander Saade, polizeipolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, will vor allem bei Bussen und Bahnen ansetzen. Seine Fraktion baut dabei unter anderem auf intelligente Videoüberwachung. Wichtig sei auch die geplante Novelle des Niedersächsischen Polizei- und Ordnungsbehördengesetzes. Sie soll den Schutz vor häuslicher Gewalt verbessern und neue rechtliche Grundlagen für technische Überwachungssysteme schaffen.
Michael Lühmann, innenpolitischer Sprecher der Grünen-Landtagsfraktion, legt den Akzent stärker auf soziale Prävention. Mehr Polizeipräsenz allein reiche nicht. Die bestehenden Verbotszonen sieht er kritisch. Eine Alkohol- und Waffenverbotszone könne Probleme im Zweifel bloß verlagern, statt sie zu lösen.
„Die Stärkung von Quartiersarbeit muss das Handeln von Polizei und Ordnungsbehörden zwingend ergänzen“, sagt Lühmann gegenüber regionalHeute.de. Gerade im Umgang mit Drogen- und Obdachlosenszenen brauche es soziale Unterstützung, statt die Betroffenen nur aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen.
Die CDU wiederum fordert mehr Polizeipräsenz und eine bessere technische Ausstattung. Ihr innenpolitischer Sprecher André Bock will Videoüberwachung insbesondere an Kriminalitätsschwerpunkten sowie rund um Bahnhöfe und Haltestellen stärker einsetzen. Die CDU stört sich zudem an der niedrigen Anzeigebereitschaft. „Die Dunkelfeldstudie darf nicht in der Schublade verschwinden“, sagt Bock. Die Ergebnisse zeigten, wo die Bevölkerung Handlungsbedarf sehe. Jetzt komme es darauf an, das Vertrauen in die Sicherheitsbehörden zu stärken und den Opferschutz auszubauen.
Streit um die Veröffentlichung regionaler Ergebnisse
Uneins sind die Parteien auch darüber, wie detailliert künftige Dunkelfeldstudien veröffentlicht werden sollen. Die CDU plädiert ausdrücklich dafür, die Daten regelmäßig für jede einzelne Polizeidirektion auszuwerten. So ließen sich regionale Unterschiede beim Sicherheitsempfinden und beim Anzeigeverhalten besser erkennen, argumentiert Bock. SPD und Grüne sind skeptischer. Beide Fraktionen warnen, eine zu kleinteilige Auswertung könne die statistische Aussagekraft schwächen.
Laut Landeskriminalamt ist die aktuelle Befragung allerdings schon jetzt auf Ebene der sechs niedersächsischen Polizeidirektionen repräsentativ. Bei manchen Detailauswertungen können kleine Fallzahlen die Aussagekraft trotzdem begrenzen. Für die Polizeidirektion Braunschweig liegen solche regionalen Daten vor. Getrennte Vergleiche zwischen Stadt und Land hat die Behörde nach eigenen Angaben bislang nicht angestellt.
Konkrete Ziele und zusätzliche Mittel fehlen
Wie viel Geld und Personal für weitere Sicherheitsmaßnahmen in der Region nötig sind, ist offen. Auf Anfrage von regionalHeute.de teilte die Polizeidirektion Braunschweig mit, ein zusätzlicher Personal- oder Finanzbedarf sei bislang nicht konkret festgelegt. Auch das Innenministerium legt sich nicht fest. Auf die Frage, bis wann sich das Sicherheitsgefühl verbessern und die Anzeigebereitschaft steigen soll, hieß es, es gebe weder konkrete quantitative Ziele noch Fristen.
Zur Begründung verweist das Ministerium erneut auf die vielen Ursachen von Unsicherheit. Die Landesregierung will deshalb die Ergebnisse weiterer Dunkelfeldstudien sowie kriminalstatistische und wissenschaftliche Erkenntnisse nutzen, um bestehende Sicherheitsmaßnahmen zu bewerten und bei Bedarf anzupassen.

