Wolfenbüttel. Wer durch die Fußgängerzone geht, stößt immer wieder auf leere Geschäfte. Zwischen gut besuchten Läden stehen Flächen, für die bislang kein neuer Mieter gefunden wurde. Das prägt ganze Straßenzüge und erhöht den Druck auf Eigentümer, Händler und Stadtverwaltung.
„Wir haben in der Wolfenbütteler Innenstadt in den vergangenen Jahren deutliche Ausschläge beim Leerstand gesehen – insbesondere während der Corona-Pandemie“, sagt Stadtsprecher Thorsten Raedlein. Mehrere Ladenlokale seien damals innerhalb kurzer Zeit aufgegeben worden. Seitdem schwanke die Zahl der Leerstände. Von einem generellen Niedergang der Innenstadt will Raedlein dennoch nicht sprechen. Schon wenige Geschäftsaufgaben könnten das Erscheinungsbild ganzer Straßenzüge verändern.
Ursachen für Leerstände sind vielfältig
Leere Ladenlokale sind kein Sonderfall Wolfenbüttel. Nach Einschätzung der IHK Braunschweig stehen viele Innenstädte vor denselben Problemen. „Die Ursachen für Leerstände in Innenstädten sind vielfältig. Besonders häufig sehen wir Geschäftsaufgaben im klassischen Einzelhandel und Dienstleistungsbereich – verstärkt durch die Verlagerung vieler Angebote in den Onlinehandel und digitale Services wie Onlinebanking“, sagt Sabrina Koltermann, Pressesprecherin der IHK Braunschweig.
Auch der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Andreas Jain von der Ostfalia Hochschule hält das veränderte Einkaufsverhalten für den entscheidenden Auslöser. „Das ist relativ simpel. Es kauft heute kaum noch jemand in den Geschäften ein, die früher die Innenstädte geprägt haben. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir uns alle selbst fragen, wo wir unsere Waren kaufen. Ein großer Teil läuft inzwischen über Amazon oder andere Onlinehändler. Alles, was wir dort ausgeben, fehlt letztlich als Kaufkraft in den Innenstädten.“
Für Jain hat die Corona-Pandemie diese Entwicklung nicht ausgelöst, sondern beschleunigt. „Im Grunde hat Corona das Kaufverhalten nicht verändert, sondern einen bereits laufenden Prozess deutlich beschleunigt. Die Pandemie war ein Beschleuniger, sie hat aber nichts grundsätzlich Neues ausgelöst.“
Warum Wolfenbüttel ein Leerstandskataster braucht
Um freie Ladenflächen zu erfassen, führt die Stadt ein Leerstandskataster. Eingetragen werden Objekte in der Innenstadt mit Standort, Größe und bisheriger Nutzung.
Die Übersicht zeigt, welche Flächen frei sind und wo sich Leerstände häufen. Sie hilft der Stadt, Eigentümer gezielt anzusprechen und Gespräche über Nachnutzungen, Förderung und Beratung vorzubereiten. „Nur wenn wir wissen, welche Objekte leerstehen, können wir mit den Eigentümern über Perspektiven sprechen“, sagt Raedlein.
Mehr als nur Einkaufsmeile
Neben dem Leerstandsmanagement investiere die Stadt in ihr Zentrum. Die umgestaltete Fußgängerzone und weitere Projekte sollen dafür sorgen, dass sich Menschen dort länger aufhalten. „Mit Investitionen in die Fußgängerzone und einzelne Schlüsselimmobilien versuchen wir, die Aufenthaltsqualität zu erhöhen und zugleich den Leerstand schrittweise abzubauen“, so Stadtsprecher Thorsten Raedlein weiter. Die Stadt hofft, dass mehr Besucher auch die Vermietung leerer Ladenlokale erleichtern.
Nach Einschätzung von Fachleuten wird der klassische Einzelhandel künftig nur noch eine Rolle unter mehreren spielen. Für den Wirtschaftswissenschaftler Jain liegt die Zukunft vor allem im öffentlichen Leben. „Die Stadt war schon immer vor allem ein Ort des Austauschs. Dort entstehen Ideen, Innovationen und Kreativität, weil Menschen sich begegnen.“
Besonders die Gastronomie spiele dabei eine wichtige Rolle. „Sie ist nicht nur ein Ort, an dem Geld verdient wird, sondern vor allem ein Ort des demokratischen Austauschs“, sagt Prof. Dr. Andreas Jain von der Ostfalia Hochschule weiter. Kulturangebote, Veranstaltungen und Orte der Begegnung bringen zusätzlich Menschen in die Innenstadt.
Auch die IHK sieht diese Entwicklung. „Wenn Innenstädte attraktiv bleiben sollen, müssen sie mehr sein als nur Einkaufsmeilen. Multifunktionale Zentren mit Handel, Kultur, Gastronomie, Verwaltung und Wohnraum schaffen Anlass, häufiger und länger in die Stadt zu kommen“, sagt Koltermann. Für frei werdende Ladenlokale kommen inzwischen unterschiedliche Nutzungen infrage. Neben Einzelhandel können dort Arztpraxen, Dienstleister, Büros oder soziale Einrichtungen einziehen.
In einigen Schaufenstern wird wieder verkauft. Andere Ladenlokale stehen leer. Manchmal liegen nur wenige Meter dazwischen.

